35 Jahre Kreispartnerschaften: Vogelsbergkreis setzt Zeichen gegen gesellschaftliche Spaltung

Feiern 35 Jahre Partnerschaft: Holger Mittelstädt (Dezernent für Bildung, Kultur und Sport im Landkreis Oberhavel), Birgit Tornow-Wendland (Kreistagsvorsitzende Oberhavel), Landrat Dr. Jens Mischak, Peggy Greiser, Landrätin im Kreis Schmalkalden-Meiningen, Alexander Tönnies, Landrat im Kreis Oberhavel, Erster Kreisbeigeordneter Patrick Krug und Kreistagsvorsitzende Dr. Birgit Richtberg (v.li.) Fotos: Sabine Galle-Schäfer

Ein feierlicher Rahmen im Hohhaus-Museum, viele persönliche Begegnungen und zugleich nachdenkliche Worte: Der Vogelsbergkreis hat das 35-jährige Bestehen seiner Partnerschaften mit dem Landkreis Oberhavel in Brandenburg und dem Landkreis Schmalkalden-Meiningen in Thüringen gefeiert. Der Festakt machte deutlich, wie eng die Beziehungen zwischen den drei Kreisen inzwischen sind und wie sich aus einer zunächst vor allem auf Verwaltungsebene entstandenen Verbindung über dreieinhalb Jahrzehnte persönliche Kontakte und Freundschaften entwickelt haben. Für Landrat Dr. Jens Mischak ist die Partnerschaft zugleich ein Beispiel dafür, was auch über die kommunale Ebene hinaus möglich ist. „Hier zeigt sich im Kleinen, was wir im Großen brauchen“, sagte er in seiner Festrede. Sein Oberhaveler Amtskollege Alexander Tönnies sprach von einer „Partnerschaft aus dem Bilderbuch“, die Landrätin des Kreises Schmalkalden-Meiningen, Peggy Greiser, von „gelebter deutscher Einheit“.

Schon beim Get-together vor dem Hohhaus-Museum in Lauterbach wurde deutlich, dass das Jubiläum vor allem von persönlichen Begegnungen geprägt war. Nach und nach trafen die Gäste ein, darunter Erster Kreisbeigeordneter Patrick Krug sowie die ehemaligen Landräte Manfred Görig und Rudolf Marx. Aus Schmalkalden-Meiningen war Landrätin Peggy Greiser angereist, aus Oberhavel Landrat Alexander Tönnies. Er wurde von Holger Mittelstädt, Dezernent für Bildung, Kultur und Sport, sowie von Kreistagsvorsitzender Birgit Tornow-Wendland begleitet.

Das Ambiente des Rokokosaals bildete anschließend den Rahmen für den eigentlichen Festakt. Kreistagsvorsitzende Dr. Birgit Richtberg begrüßte die Gäste und bezeichnete die drei Partnerkreise als „drei wunderschöne Fleckchen Erde“ in Brandenburg, Thüringen und Hessen – einzigartig und zugleich verbunden durch zahlreiche Gemeinsamkeiten. Besonders hob sie die gegenseitige Sympathie und das Vertrauen hervor, das in 35 Jahren gewachsen sei. Gerade in „schnellen und unsicheren Zeiten“, in denen vieles kompliziert sei und Entscheidungen nicht immer selbst beeinflusst werden könnten, sei ein verlässliches Gegenüber von besonderem Wert.

Die kommunale Ebene spiele dabei eine entscheidende Rolle, sagte Richtberg. Dort finde die Wirklichkeit statt, dort werde auch unmittelbar spürbar, „was oben ausgedacht wird“. Umso wichtiger sei es, Partner zu haben und gemeinsam Perspektiven zu entwickeln. „Wir tun gemeinsam unser Bestes, um Heimat zu schaffen“, sagte die Kreistagsvorsitzende. Die Partnerschaft wolle man aus demokratischer Überzeugung und zum Nutzen der Menschen feiern, die in den drei Regionen leben.

Landrat Dr. Jens Mischak erinnerte an die Anfänge der Partnerschaften. Diese entstanden zunächst auf Arbeitsebene. Mitarbeiter der Vogelsberger Kreisverwaltung unterstützten kurz nach der Wiedervereinigung beim Aufbau von Verwaltungsstrukturen in den neuen Bundesländern. „Das war ein gewaltiger Auftrag, aber auch eine große Chance“, sagte Mischak. Die deutsche Einheit sei damals nicht einfach ein Datum im Kalender gewesen. „Sie musste erst wachsen.“

Die Partnerschaften seien Ausdruck des Willens gewesen, zusammenzustehen und eine Einheit zu schaffen, die nicht von oben verordnet werde. Es sei darum gegangen, voneinander zu lernen und gemeinsam ein Stück Zukunft zu gestalten. Aus dieser zunächst praktischen Zusammenarbeit sei über die Jahre eine Verbindung entstanden, die von vielen Menschen getragen werde und längst auch persönliche Freundschaften hervorgebracht habe. Mischak sprach von einer „lebendigen Freundschaft“, die er selbst erleben konnte und die für ihn „etwas ganz Wertvolles“ sei.

Gerade deshalb könnte eine solche Partnerschaft heute sogar noch wichtiger sein als früher, sagte der Landrat. Er bezeichnete sie als „ein starkes Zeichen gegen die gesellschaftliche Spaltung“. Die Verbindung zwischen den Kreisen erschöpfe sich dabei nicht in symbolischen Begegnungen. Seit 1996 gebe es beispielsweise gemeinsame Freizeiten mit Oberhavel. Über Jahrzehnte seien über die Jugendförderung Menschen zusammengebracht worden.

Auch die Verwaltungen profitierten weiterhin vom Austausch. Digitalisierung und Fachkräftemangel seien Herausforderungen, die alle Kommunen beträfen. „Diese Fragen muss niemand alleine lösen, da kann man sich austauschen und gemeinsam nach Lösungen suchen“, sagte Mischak. Ein solcher offener Austausch komme letztlich den Menschen zugute, die in den Regionen leben. „Die Einheit entsteht dort, wo Menschen sich begegnen. Lassen Sie uns unsere Partnerschaft gemeinsam leben!“, appellierte der Landrat.

Auch Peggy Greiser blickte auf die Anfänge der Verbindung zwischen Schmalkalden-Meiningen und dem Vogelsbergkreis zurück. Der Vogelsbergkreis habe den Thüringer Partnerlandkreis in einer Zeit maßgeblich unterstützt, in der vieles neu aufgebaut und organisiert werden musste. Verwaltungsmitarbeiter aus Hessen gaben ihr Wissen weiter und halfen dabei, die Strukturen in Schmalkalden aufzubauen. „Das war gelebte deutsche Einheit“, sagte Greiser. Es sei eine Zeit gewesen, in der die Menschen zunächst lernen mussten, wieder ein gemeinsames Deutschland zu werden.

Von dieser Erfahrung schlug die Landrätin den Bogen zur Gegenwart. Heute werde wieder stärker darüber gesprochen, was Menschen voneinander trenne. Gleichzeitig lebten viele mit dem Gefühl, dass „die da oben“ sie nicht verstünden. „Diese Spaltung nutzen einige geschickter aus als alle anderen“, warnte Greiser. Es müsse deshalb gegengesteuert werden, denn gefährdet sei auch das, „was über Jahre gewachsen ist“.

Für Greiser liegt in den kommunalen Partnerschaften eine Antwort auf diese Entwicklung. Sie bezeichnete die Verbindung zum Vogelsbergkreis als „die einzige Antwort auf den Versuch der Spaltung, wie wir ihn heute erleben“. Ihren besonderen Wert sieht sie auch darin, dass aus den ursprünglichen dienstlichen Kontakten längst persönliche Beziehungen entstanden sind.

Gemeinsam wolle man daran arbeiten, dass die drei Kreise Orte bleiben, in denen Menschen gerne leben. Projekte und Themen sollten gemeinsam vorangebracht werden. „Die deutsche Einheit muss immer wieder mit Leben gefüllt werden – wie unsere Partnerschaft“, sagte Greiser. Mit dem Vogelsbergkreis wolle Schmalkalden-Meiningen deshalb „das nächste Kapitel der Geschichte gemeinsam schreiben“.

Alexander Tönnies erinnerte ebenfalls an die Unterstützung, die Oberhavel in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung aus dem Vogelsbergkreis erhalten hatte. „Wir haben so viel Unterstützung bekommen vom Vogelsbergkreis in den Anfangszeiten, davon wird heute noch geschwärmt bei uns in der Verwaltung“, berichtete der Landrat. Die Fachleute aus Hessen, die nach Brandenburg kamen und Verwaltungsabläufe erklärten, hätten damit den Grundstein für eine Partnerschaft gelegt, die bis heute gelebt werde und aus der längst Freundschaften entstanden seien.

Menschen und Vereine aus Hessen und Brandenburg kämen regelmäßig zusammen. „Es ist Leistung der Partnerschaft, dass Menschen über Jahrzehnte verbunden sind“, betonte Tönnies. Zu den zahlreichen Begegnungen auf unterschiedlichen Ebenen gehört auch der regelmäßige Austausch von Auszubildenden zwischen den beiden Verwaltungen. Tönnies verband damit einen Wunsch für die Zukunft: „Ich wünsche mir, dass unsere Partnerschaft so jung und dynamisch bleibt“, sagte er, und dass sie in die nächste Generation weitergetragen werde.

Die formale Grundlage dafür wurde zum Abschluss des Festaktes geschaffen beziehungsweise bestätigt. Ganz wie es zu einem solchen Jubiläum gehört, unterzeichneten die Vertreter der drei Landkreise die entsprechenden Jubiläumsurkunden. Nach 35 Jahren steht damit nicht nur die Geschichte einer kommunalen Verbindung im Mittelpunkt, sondern auch die Frage, wie aus Verwaltungskooperation persönliche Beziehungen entstehen können – und wie solche Beziehungen über Jahrzehnte Bestand haben. +++


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