130 Jahre Bürgerverein Schweben: Ein Dorfverein, der seine Gemeinschaft bewahrt

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Bürgerverein 1896 Schweben. Foto: privat

Ein Backhausfest ist im kleinen Flieden-Schweben längst mehr als ein Termin im Veranstaltungskalender. Es ist Ausdruck einer Vereinskultur, die über Generationen hinweg getragen wurde und bis heute einen Anspruch erfüllt, der bereits bei der Gründung des Bürgervereins im Jahr 1896 im Mittelpunkt stand: die Gemeinschaft zu stärken und füreinander da zu sein. An diesem Wochenende verbindet der Bürgerverein 1896 Schweben deshalb sein traditionelles Backhausfest mit einem besonderen Jubiläum. Der Verein wird 130 Jahre alt. Gefeiert wird mit mehr als 300 Broten, 35 Kilogramm Braten sowie insgesamt 20 Quadratmetern Zwibbelsploatz und Pizza – alles aus dem Backhaus.

Die Geschichte des Bürgervereins beginnt am 12. Dezember 1896. Damals treffen sich 15 Männer aus Schweben in der Gastwirtschaft Pappert und fassen den Entschluss, einen Bürgerverein zu gründen. Es ist der erste Verein überhaupt, der in Schweben entsteht. Die Entwicklung lässt erkennen, welche Bedeutung der Zusammenschluss für das Dorf schon früh gewinnt: Bereits fünf Jahre nach der Gründung zählt der Bürgerverein 78 Mitglieder.

In den 130 Jahren seines Bestehens haben sich die Aufgaben und Schwerpunkte des Vereins immer wieder verändert, sein Grundgedanke ist jedoch geblieben. In den Anfangsjahren gehören Theater- und Unterhaltungsabende an Pfingsten, zur Kirmes und an Weihnachten zum Vereinsleben. Zugleich übernimmt der Bürgerverein Aufgaben, die heute kaum noch mit einem klassischen Verein in Verbindung gebracht würden. Der Vorstand organisiert den Einkauf von Düngemitteln und Kohlen in Frankfurt, die anschließend per Eisenbahn nach Flieden transportiert werden. Auch den Bau der Kirche unterstützt der Verein mit Spenden.

Damit zeigt sich früh eine Eigenschaft, die den Bürgerverein bis heute prägt: Er versteht sich nicht allein als Zusammenschluss seiner Mitglieder, sondern als Teil der Dorfgemeinschaft. Seit 1987 richtet der Bürgerverein jedes Jahr ein Backhausfest aus. Die Einnahmen kommen dabei nicht ausschließlich dem eigenen Verein zugute. Mit dem Geld werden beispielsweise andere Vereine unterstützt. Zugleich ist der Bürgerverein offen für Vorschläge, welche Projekte im Dorf umgesetzt werden könnten, sofern sie der Allgemeinheit zugutekommen. Vereinsarbeit wird damit zu einem Stück örtlicher Infrastruktur – nicht im technischen, sondern im gesellschaftlichen Sinn.

Dass eine solche Kontinuität keineswegs selbstverständlich ist, zeigt der Blick auf die schwierigen Kapitel der Vereinsgeschichte. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges sinkt die Zahl der Mitglieder, weil Männer zum Militär eingezogen werden. Während des Nationalsozialismus kommt es schließlich zu einem tiefen Einschnitt. Am 28. Januar 1940 entscheiden sich die Verantwortlichen, den Verein wegen des Naziregimes aufzulösen. Erst acht Jahre später wird der Bürgerverein wieder ins Leben gerufen.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der 1950er und 1960er Jahre verändert sich auch das Vereinsleben. Die Mitglieder beginnen, regelmäßig gemeinsame Ausflüge zu unternehmen. Diese Tradition hat sich bis in die Gegenwart erhalten. In diesem Jahr führt die Fahrt zum ehemaligen Zisterzienser-Kloster „Maria Bildhausen“ in der bayerischen Rhön. Der Verein bleibt damit auch nach 130 Jahren nicht auf das Bewahren vergangener Bräuche beschränkt, sondern hält an Formen des gemeinschaftlichen Erlebens fest, die sich mit der Zeit weiterentwickelt haben.

Zum Jubiläum kann der Bürgerverein zudem eine symbolisch passende Marke vermelden: Die Zahl der Mitglieder liegt inzwischen bei mehr als 130 und damit über dem Alter des Vereins. Das ist in einer Zeit, in der viele Vereine um Nachwuchs und ehrenamtliches Engagement bemüht sind, ein bemerkenswertes Zeichen. Es sagt allerdings weniger über die Vergangenheit als über die Gegenwart des Bürgervereins aus. Offenbar gelingt es, eine über Jahrzehnte gewachsene Tradition so weiterzuführen, dass sie auch für heutige Mitglieder noch einen Platz im eigenen Dorfleben hat.

Das zeigt sich besonders am Festwochenende. Am Samstag, 29. August, beginnt das Jubiläumsprogramm im Dorfgemeinschaftshaus. Beim „Spiel ohne Grenzen“ treten Vereine und Gruppen aus Schweben gegeneinander an und zeigen, was in ihnen steckt. Am Sonntag steht das Marionetten-Theater Kistenhausen auf dem Programm. Mittags gibt es Bier-Braten aus dem Backhaus, am Abend wird Zwibbelsploatz aus dem Backhaus serviert. Den Abschluss bildet der Montagabend. Dann können Besucher Pizza aus dem Backhaus genießen, außerdem treten die „Weckfresser Musikanten“ auf.

Auch der traditionelle Brotverkauf gehört zum Fest, allerdings nur am Donnerstag, 27. August, und am Freitag, 28. August, jeweils ab 17 Uhr. Damit beginnt das Backhausfest gewissermaßen schon vor dem eigentlichen Jubiläumswochenende – mit einem Produkt, das wie kaum etwas anderes für die Verbindung von Handwerk, Brauchtum und Gemeinschaft steht.

130 Jahre Vereinsgeschichte erzählen letztlich nicht nur von einem Zusammenschluss, der zwei Weltkriege, politische Umbrüche und gesellschaftliche Veränderungen überstanden hat. Sie erzählen auch davon, wie sich ein Verein immer wieder neu auf die Bedürfnisse seines Dorfes einstellen kann, ohne seine Wurzeln aufzugeben. Der Bürgerverein Schweben bewahrt Tradition nicht dadurch, dass alles bleibt, wie es einmal war. Er bewahrt sie, indem er sie weiterführt. Das Backhausfest ist dafür vielleicht das anschaulichste Beispiel: Gebacken wird nach alter Tradition, gefeiert wird in der Gegenwart – und was daraus entsteht, soll der Gemeinschaft auch künftig zugutekommen. +++


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