Die Hochschulen für Angewandte Wissenschaften sehen sich seit Jahren in einer eigentümlichen Lage: Ihre Bedeutung für regionale Innovationsprozesse wächst kontinuierlich, zugleich fehlt ihnen bis heute jene institutionelle Absicherung in der Forschungsförderung, die an Universitäten längst selbstverständlich ist. Auf ihrer diesjährigen Strategietagung in Berlin haben die deutschen HAWs diesen Widerspruch erneut zum zentralen Thema gemacht – mit bemerkenswerter Geschlossenheit und zunehmendem politischen Nachdruck.
Im Mittelpunkt der Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern der Bundespolitik stand die Frage, wie die im Koalitionsvertrag angekündigten Förderinstrumente für anwendungsorientierte Forschung und Transfer künftig ausgestaltet werden sollen. Ebenso entscheidend war jedoch die Frage nach ihrer finanziellen Substanz. Denn hinter den programmatischen Formulierungen verbirgt sich für die Hochschulen weit mehr als eine Debatte über Zuständigkeiten oder Fördertöpfe: Es geht um die langfristige Handlungsfähigkeit eines Hochschultyps, der in den vergangenen Jahrzehnten erheblich an Bedeutung gewonnen hat.
An den HAWs studieren inzwischen mehr als eine Million Menschen, mehr als 21.000 Professorinnen und Professoren lehren und forschen dort. Gerade in wirtschaftlich mittelständisch geprägten Regionen fungieren diese Hochschulen vielfach als Vermittler zwischen wissenschaftlicher Entwicklung und praktischer Anwendung. Ihre Nähe zu kleinen und mittleren Unternehmen, ihre regionale Verankerung und ihre vergleichsweise kurze Distanz zwischen Forschung und Umsetzung gelten seit langem als besondere Stärke. Umso größer ist unter den Hochschulleitungen die Frustration darüber, dass sich diese Rolle bislang nur eingeschränkt in den Förderstrukturen widerspiegelt.
Der Präsident der Hochschule Fulda, Professor Dr. Karim Khakzar, der zwischen 2016 und 2022 Bundessprecher der deutschen HAWs war, gehörte bei der Berliner Tagung zu den prägenden Stimmen. Mit einem Vortrag und der Leitung eines Workshops war er maßgeblich an der Erarbeitung jener Positionspapiere beteiligt, mit denen die Hochschulen ihre Erwartungen an die Bundespolitik formulierten. Eingeladen waren neben Bundesforschungsministerin Dorothee Bär auch die wissenschaftspolitischen Sprecherinnen und Sprecher aller Bundestagsfraktionen sowie weitere Fachleute aus dem Wissenschaftsbereich.
Dass die Bundesministerin in ihren Grußworten die Bedeutung der HAWs für die Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft ausdrücklich hervorhob, wurde von den Hochschulen durchaus als Signal gewertet. Bär stellte ihre Unterstützung für die geplante Gründung einer Deutschen Anwendungsforschungsgemeinschaft, kurz DAFG, in Aussicht. Konkrete finanzielle Zusagen konnte sie allerdings nicht machen. Gerade darin zeigt sich die Ambivalenz der aktuellen Diskussion: Politisch wird die Bedeutung der HAWs kaum noch bestritten, strukturell bleiben viele Fragen jedoch offen.
Die Kritik der Hochschulen richtet sich seit Jahren auf ein Fördergefälle, das sie als systematisch empfinden. Während die Deutsche Forschungsgemeinschaft Universitäten jährlich mit rund vier Milliarden Euro unterstützt, existiert für die HAWs bislang keine vergleichbar ausgestattete Einrichtung. Bereits die vorige Bundesregierung hatte auf Druck der Hochschulen die Gründung einer Deutschen Agentur für Transfer und Innovation (DATI) angekündigt. Doch die Umsetzung verzögerte sich über Jahre; mit dem Ende der Ampelregierung wurde das Vorhaben schließlich aufgegeben. Die nun von CDU/CSU und SPD geplante DAFG knüpft an diese Debatte an, setzt den Schwerpunkt jedoch deutlicher auf anwendungsorientierte Forschung an HAWs. Nach den Vorstellungen der Bundesregierung soll sie bestehende Förderprogramme bündeln, die bislang befristet sind und größtenteils spätestens 2028 auslaufen. Darüber hinaus sind neue Förderformate für Transferaktivitäten vorgesehen.
Für einzelne Hochschulen ist diese Frage keineswegs abstrakt. Die Hochschule Fulda etwa konnte in den vergangenen Jahren erheblich von Bundes- und Landesprogrammen profitieren. Das regionale Innovationszentrum für Gesundheit und Lebensqualität Fulda, kurz RIGL Fulda, wurde über fünf Jahre mit rund zehn Millionen Euro gefördert. Hinzu kam das Projekt ProGEPP zur Gewinnung von Professorinnen und Professoren, das mit insgesamt 7,4 Millionen Euro unterstützt wurde. Nach Darstellung Khakzars haben beide Programme nicht nur neue Strukturen innerhalb der Hochschule ermöglicht, sondern auch Impulse für die Region gesetzt.
Gerade deshalb wächst nun der Druck. Mehrere Förderlinien laufen bereits aus oder enden Anfang 2027. Für viele Hochschulen stellt sich damit die Frage, ob mühsam aufgebaute Netzwerke, Forschungsverbünde und Transferstrukturen künftig fortgeführt werden können oder erneut in eine Phase der Unsicherheit geraten. Die Forderung nach einer raschen Gründung der DAFG ist daher weniger Ausdruck institutioneller Expansionswünsche als vielmehr der Versuch, Kontinuität zu sichern. Khakzar verwies im Gespräch mit Bundesministerin Bär ausdrücklich auf die Dringlichkeit neuer Programme, die etablierte Initiativen möglichst nahtlos fortführen könnten.
Dass inzwischen eine gemeinsame Arbeitsgruppe von Bund und Ländern eingesetzt wurde, die bis zum Sommer Eckpunkte für eine Bund-Länder-Vereinbarung erarbeiten soll, deutet zumindest auf politischen Handlungswillen hin. Ob daraus tatsächlich eine tragfähige Förderarchitektur entsteht, wird jedoch wesentlich davon abhängen, ob die DAFG mehr sein wird als eine organisatorische Neuordnung bestehender Programme.
Bemerkenswert war darüber hinaus, dass die Berliner Gespräche nicht auf Fragen der Innovationsförderung beschränkt blieben. Im Anschluss an die Tagung trafen einige Hochschulpräsidentinnen und -präsidenten, darunter auch Khakzar, Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius. Diskutiert wurden Möglichkeiten einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Verteidigungsministerium, insbesondere im Bereich der sicherheitsrelevanten Forschung. Dabei ging es um Erfahrungen mit Dual-Use-Forschung ebenso wie um die Rolle der Geistes- und Sozialwissenschaften in sicherheitspolitischen Zusammenhängen.
Der Austausch verweist auf eine Entwicklung, die über die HAWs hinausweist. Angesichts geopolitischer Spannungen wächst auch in Deutschland der politische Wunsch nach einer stärkeren Einbindung der Wissenschaft in Fragen der technologischen und sicherheitspolitischen Resilienz. Gleichzeitig bleibt die Sorge bestehen, dass damit Konflikte um Forschungsfreiheit und politische Einflussnahme zunehmen könnten. Umso bemerkenswerter war die übereinstimmende Betonung aller Beteiligten, dass die im Grundgesetz garantierte Freiheit von Forschung und Lehre nicht zur Disposition stehen dürfe.
Die Berliner Strategietagung hat damit deutlich gemacht, dass die Debatte um die Zukunft der HAWs längst keine hochschulinterne Frage mehr ist. Sie berührt Grundfragen der deutschen Forschungs- und Innovationspolitik: Wie eng Wissenschaft und wirtschaftliche Anwendung künftig miteinander verzahnt sein sollen, welche Rolle Regionen im Innovationssystem spielen und wie dauerhaft politische Anerkennung tatsächlich wird, wenn sie sich in belastbaren Strukturen bewähren muss. Die HAWs drängen nun darauf, dass aus langjährigen Ankündigungen erstmals Verlässlichkeit entsteht. Ob die Politik diesen Schritt tatsächlich geht, dürfte sich in den kommenden Monaten entscheiden. +++

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