Wenn am Gerloser Weg das Licht ausgeht: Das Ende der Tegut-Zentrale in Fulda

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Am 31. März 2027 wird am Gerloser Weg in Fulda etwas enden, das für diese Region über Jahrzehnte selbstverständlich war. Die Tegut-Zentrale schließt. Rund 470 Beschäftigte der administrativen und zentralen Dienste verlieren ihren Arbeitsplatz. Am Donnerstagabend, dem 20. August 2026, haben die Schweizer Eigentümerin Migros Zürich und der Betriebsrat den Interessenausgleich und den Sozialplan endgültig beschlossen. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist damit Gewissheit eingetreten. Und Gewissheit ist in solchen Momenten ein zwiespältiges Wort. Sie beendet das Warten. Aber sie bestätigt auch den Verlust.

In einem Konzernbericht in Zürich mag diese Entscheidung nüchtern erscheinen: der Rückzug aus einem verlustreichen Geschäft, die Vermeidung weiterer Millionenverluste, eine unternehmerische Konsequenz. In Fulda klingt dieselbe Nachricht anders. Hier geht es nicht um Bilanzpositionen und strategische Portfolios, sondern um Arbeitsplätze, Biografien und Menschen, die über Jahre oder Jahrzehnte hinweg für ein Unternehmen gearbeitet haben. Und es geht um einen Namen, der fast 80 Jahre lang zur wirtschaftlichen Identität dieser Stadt und der gesamten Region gehörte. Tegut war nie nur irgendein Lebensmittelhändler. Das Unternehmen war Teil des wirtschaftlichen Selbstverständnisses von Fulda. Wer hier aufgewachsen ist, kannte den Namen. Wer in der Region arbeitete, kannte Menschen, die bei Tegut beschäftigt waren. Das Unternehmen prägte Arbeitsplätze, Lieferketten, Standorte und wirtschaftliche Beziehungen. Sein Ende als eigenständiges Unternehmen ist deshalb mehr als eine Unternehmensnachricht. Es ist ein Einschnitt in die regionale Wirtschaftsgeschichte.

Gerade deshalb wäre es falsch, die aktuelle Entwicklung auf einen einzelnen Schuldigen oder eine einzige Fehlentscheidung zu reduzieren. Die Versuchung dazu ist groß. Man könnte auf Migros zeigen, die Expansion verantwortlich machen oder dem Bundeskartellamt die Schuld geben. Man könnte das neue Logistikzentrum in Hünfeld-Michelsrombach vorschnell zum Symbol eines gescheiterten Größenwahns erklären. Doch so einfach ist diese Geschichte nicht. Der Blick zurück zeigt vielmehr eine Entwicklung, in der sich Erwartungen, Investitionen und die tatsächliche wirtschaftliche Realität immer weiter voneinander entfernten.

Nach der Übernahme durch Migros im Jahr 2013 sollte Tegut wachsen. Die Expansion nach München und Stuttgart war Ausdruck dieser Strategie. Neue Märkte sollten neue Kunden bringen, die starke regionale Marke sollte über Hessen hinaus an Bedeutung gewinnen. Tegut sollte größer werden, ohne seine Identität zu verlieren. Doch die Rechnung ging nicht auf. Die Expansion blieb hinter den Erwartungen zurück und erwies sich wirtschaftlich als Fehlentwicklung. Was auf dem Papier nach einem Weg in eine größere Zukunft aussah, brachte nicht die erhoffte wirtschaftliche Dynamik. Während die wirtschaftliche Realität hinter den Erwartungen zurückblieb, war jedoch längst in eine Infrastruktur investiert worden, die für eine andere Zukunft geplant worden war.

Das sichtbarste Symbol dafür steht heute in Hünfeld-Michelsrombach. Dort, im Logistikpark Hessisches Kegelspiel, unmittelbar an der A7, entstand auf einer Fläche von mehr als 23 Hektar ein gewaltiges neues Tegut-Logistikzentrum. Rund 90.000 Quadratmeter Gebäudefläche umfasst der Standort. Etwa 17.000 Artikel sollten dort gelagert und verteilt werden. Es war eines der größten Bauprojekte in der Geschichte des Unternehmens. Man muss sich diese Dimension vor Augen führen, um zu verstehen, wie groß die Erwartungen gewesen sein müssen. Ein Unternehmen, das neue Regionen erschließen und wachsen will, braucht eine Logistik, die mit diesem Wachstum Schritt halten kann. Bestehende Strukturen sollten zusammengeführt, Abläufe modernisiert und Kapazitäten für die Zukunft geschaffen werden. In Michelsrombach wurde nicht für den Stillstand gebaut. Dort wurde für eine Zukunft gebaut, an die man glaubte.

Seit 2024 läuft die Tegut-Logistik über das neue Zentrum in Michelsrombach. Noch im selben Jahr wurden dort Millionen Verpackungseinheiten bewegt. Hunderte Beschäftigte arbeiten an diesem Standort. Das Zentrum ist modern, leistungsfähig und auf eine Größenordnung ausgelegt, die zeigt, welche Erwartungen Tegut an seine eigene Zukunft hatte. Und genau darin liegt die Tragik: Tegut investierte massiv in eine Zukunft, die wirtschaftlich nicht so eintrat, wie sie geplant worden war. Das bedeutet allerdings nicht, dass Michelsrombach einfach als „Millionengrab“ bezeichnet werden sollte. Solche Begriffe sind eingängig, aber sie erklären wenig. Ein modernes Logistikzentrum ist zunächst eine leistungsfähige Infrastruktur. Das Problem entsteht, wenn die wirtschaftlichen Voraussetzungen, für die diese Infrastruktur geschaffen wurde, nicht dauerhaft vorhanden sind. Hohe Fixkosten verschwinden nicht, wenn Wachstum ausbleibt. Gebäude stehen weiter, Technik muss betrieben, Personal bezahlt und Kapital verzinst werden. Was bei steigenden Umsätzen zur Grundlage eines erfolgreichen Handelsunternehmens werden kann, wird bei stagnierender oder enttäuschender Entwicklung zur Belastung. Die Geschichte von Michelsrombach ist deshalb keine Geschichte über die Sinnlosigkeit großer Investitionen, sondern über das Risiko, das mit jeder Zukunftsentscheidung verbunden ist.

Tegut versuchte gegenzusteuern. Doch jahrelange Verluste ließen sich nicht dauerhaft durch Sparmaßnahmen ausgleichen. Im März 2026 verkündete Migros Zürich schließlich den vollständigen Rückzug aus Deutschland. Für die Schweizer Eigentümerin ging es darum, das deutsche Geschäft zu beenden und weitere Millionenverluste zu verhindern. Damit begann die Zerschlagung. Ein Käufer für Tegut als Ganzes fand sich nicht. Also wurde das Unternehmen aufgeteilt. Edeka will rund zwei Drittel der etwa 300 Märkte übernehmen, Rewe möchte ein kleineres Paket von rund 40 Filialen übernehmen. Für einen Teil der Märkte bleibt die Zukunft jedoch offen, weil das Bundeskartellamt die Vorhaben prüft.

Und an dieser Stelle wird aus einer Unternehmensgeschichte plötzlich eine grundsätzliche wirtschaftspolitische Frage. Bei mindestens 38 Standorten bestehen nach den wettbewerbsrechtlichen Prüfungen Bedenken, weil eine Übernahme durch Edeka zu einer zu starken Konzentration führen könnte. Das Kartellamt muss zwischen zwei Interessen abwägen, die sich im Fall Tegut teilweise widersprechen: dem Schutz des Wettbewerbs und dem Erhalt einer funktionierenden Nahversorgung. Beides ist legitim. Wettbewerbspolitik ist kein Selbstzweck. Sie soll verhindern, dass einzelne Handelskonzerne ganze Regionen dominieren und Verbraucher am Ende kaum noch Alternativen haben. Doch gerade auf dem Land kann die Realität komplizierter sein als jedes theoretische Marktmodell. Denn wenn ein Markt geschlossen wird, weil ein möglicher Käufer ihn aus kartellrechtlichen Gründen nicht übernehmen darf, entsteht dadurch nicht automatisch mehr Wettbewerb. Es kann schlicht weniger Versorgung entstehen.

Hessens Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori hat genau diesen Punkt aufgegriffen und die Haltung des Bundeskartellamts scharf kritisiert. Er warnte vor einer „lebensfremden Theorie“. Dahinter steht eine Frage, die weit über Tegut hinausweist: Was ist ein Markt wert, auf dem theoretisch Wettbewerb möglich wäre, wenn praktisch niemand bereit ist, diesen Standort zu betreiben? Das ist keine Forderung nach der Abschaffung des Wettbewerbsrechts. Aber es ist ein Hinweis darauf, dass wirtschaftliche Realität und juristische Marktdefinition nicht immer deckungsgleich sind.

Erste Entscheidungen zeigen zugleich, dass es Lösungen geben kann. Für 16 ländliche Filialen hat das Bundeskartellamt bereits grünes Licht gegeben. Sie sollen von Tante Enso übernommen werden, dem Unternehmen des früheren Tegut-Chefs Thomas Gutberlet. Zwei weitere Märkte in Nordhessen gehen an die Lüning-Gruppe. Damit wird sichtbar, dass die Zerschlagung nicht überall zwangsläufig das Ende bedeuten muss. Gerade kleinere Märkte können unter neuen Eigentümern und mit anderen Konzepten eine neue Perspektive erhalten. Tante Enso konzentriert sich auf die Versorgung ländlicher Räume und verbindet klassische Nahversorgung mit genossenschaftlichen Elementen. In einzelnen Orten könnte daraus sogar mehr entstehen als die bloße Rettung eines bestehenden Supermarktes.

Für die Menschen am Gerloser Weg ist das allerdings nur ein schwacher Trost. Ihre Arbeitsplätze werden nicht verkauft. Ihre Arbeitsplätze verschwinden. Rund 470 Beschäftigte der zentralen Dienste sind die unmittelbarsten Verlierer dieser Entwicklung. Nicht betroffen sind dagegen die Beschäftigten der veräußerten Filialen, der Logistik, der Smart Retail Solutions und der Bäckerei Herzberger. Diese Bereiche sind Bestandteil der jeweiligen Verkaufspakete und sollen mit den neuen Eigentümern beziehungsweise Betreibern weitergeführt werden. Deshalb wäre auch die Behauptung eines vollständigen Zusammenbruchs sämtlicher Tegut-Arbeitsplätze falsch. Die Realität ist differenzierter. Aber gerade für Fulda ist der Verlust der Zentrale besonders schmerzhaft, denn dort saßen jene Funktionen, die das Unternehmen als Ganzes gesteuert haben. Verwaltung, zentrale Dienste, Organisation, Einkauf und Unternehmenswissen waren hier konzentriert. Ein Traditionsunternehmen verliert damit nicht nur seine Eigenständigkeit. Es verliert seine organisatorische Heimat.

Fuldas Oberbürgermeister Heiko Wingenfeld und Landrat Bernd Woide haben die Entwicklung entsprechend als tiefen Schlag für die Region bezeichnet. Das ist nachvollziehbar. Fast 80 Jahre Unternehmensgeschichte verschwinden nicht innerhalb eines Geschäftsjahres. Sie bestehen aus Menschen, Entscheidungen, Gebäuden, Erfolgen, Krisen und Erinnerungen. Doch Nostalgie darf den Blick auf die Ursachen nicht verstellen. Es wäre zu einfach, jetzt allein auf Migros zu zeigen. Ebenso einfach wäre es, dem Bundeskartellamt die Schuld zu geben. Und es wäre geradezu zynisch, die Beschäftigten der Fuldaer Zentrale zum Symbol eines Unternehmensversagens zu machen, das sie nicht zu verantworten haben. Die Geschichte ist komplexer: Tegut setzte auf Wachstum. Dieses Wachstum blieb aus. Investitionen wurden auf eine größere Zukunft ausgerichtet. Diese Zukunft trat nicht ein. Die Verluste blieben bestehen. Ein Sparkurs brachte keine nachhaltige Wende. Schließlich entschied der Eigentümer, die Reißleine zu ziehen.

Das ist die eigentliche Lehre aus dem Tegut-Aus: Wirtschaftliche Größe ist kein Wert an sich. Ein Unternehmen kann modernste Logistik besitzen, über große Flächen verfügen, neue Märkte erschließen und trotzdem wirtschaftlich scheitern. Infrastruktur ersetzt kein tragfähiges Geschäftsmodell. Expansion ersetzt keine Nachfrage. Und ein großer Name schützt nicht vor den Gesetzen des Marktes. Doch die andere Schlussfolgerung ist mindestens ebenso wichtig: Regionen sollten sich niemals darauf verlassen, dass große Traditionsunternehmen für immer bleiben.

Fulda hat über Jahrzehnte von Tegut profitiert. Tegut hat umgekehrt von Fulda profitiert. Die Verbindung war stark. Aber sie war niemals garantiert. Gerade deshalb sollte der Verlust der Zentrale nicht nur Trauer auslösen. Er sollte eine wirtschaftspolitische Debatte anstoßen. Welche Unternehmen und Branchen sollen künftig die wirtschaftliche Basis der Region bilden? Wo entstehen neue Arbeitsplätze, wenn traditionelle Strukturen verschwinden? Und wie kann verhindert werden, dass mit dem Ende eines Unternehmens nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch Wissen, Erfahrung und Wertschöpfung aus einer Region verschwinden?

Die Situation in Osthessen ist dabei keineswegs hoffnungslos. Die Agentur für Arbeit in Fulda will mit Sonderberatungen und Umschulungsangeboten direkt in die Tegut-Zentrale gehen. Das ist ein wichtiger Schritt. Gerade in einem vergleichsweise stabilen regionalen Arbeitsmarkt sollten die Beschäftigten der zentralen Dienste nicht nur als Opfer eines Unternehmensuntergangs betrachtet werden. Sie sind Fachkräfte. Sie verfügen über Erfahrung in Verwaltung, Handel, Organisation, Einkauf, Logistik und zentralen Unternehmensstrukturen. Dieses Wissen verschwindet nicht mit dem letzten Arbeitstag. Die entscheidende Frage wird sein, ob es der Region gelingt, dieses Know-how zu halten.

Genau hier beginnt die eigentliche Aufgabe. Fulda und Osthessen müssen verhindern, dass aus dem Ende der Tegut-Zentrale ein dauerhafter Verlust an Wertschöpfung wird. Politik und Wirtschaftsförderung müssen Ansiedlungen und Investitionen ermöglichen, ohne wirtschaftliche Risiken zu übernehmen, die am Ende nicht tragfähig sind. Unternehmen müssen zeigen, dass die Region auch ohne Tegut-Zentrale ein attraktiver Standort für Verwaltung, Handel, Logistik und Dienstleistungen bleibt.

Auch das Logistikzentrum in Hünfeld-Michelsrombach verdient dabei einen nüchternen Blick. Es soll im Zuge der geplanten Übernahme der Supermarktkette durch Edeka grundsätzlich erhalten bleiben und von Edeka weitergeführt werden. Eine endgültige Entscheidung steht jedoch noch aus. Sie hängt von der Prüfung des Bundeskartellamtes ab, das die Übernahmepläne im Hauptprüfverfahren kritisch untersucht. Damit ist Michelsrombach weder ein gesicherter Bestandteil der Zukunft noch ein bereits abgeschriebenes Kapitel. Das Zentrum steht vielmehr für die Unsicherheit, die derzeit über Teilen der Tegut-Struktur liegt. Es wurde für eine Zukunft gebaut, die Tegut als eigenständiges Unternehmen nicht mehr erreichen wird. Ob und unter welchen Bedingungen seine Infrastruktur in der neuen Unternehmensstruktur weiter genutzt werden kann, ist Teil eines Prozesses, der noch nicht abgeschlossen ist.

Das Logistikzentrum sollte deshalb auch nicht als Beweis dafür missverstanden werden, dass große Investitionen grundsätzlich ein Fehler sind. Das Gegenteil kann richtig sein. Große Investitionen können notwendig sein, wenn ein Unternehmen wachsen will. Aber sie müssen auf realistischen Annahmen beruhen. Die entscheidende Frage lautet nicht, wie groß ein Unternehmen werden kann. Sie lautet, ob das Wachstum, für das investiert wird, tatsächlich erreichbar ist.

Am 31. März 2027 wird am Gerloser Weg das Licht der Tegut-Zentrale ausgehen. In Michelsrombach ist dagegen noch nicht endgültig entschieden, wie es mit dem Logistikzentrum weitergeht. Die geplante Weiterführung durch Edeka steht unter dem Vorbehalt der kartellrechtlichen Prüfung. Allein dieses Bild erzählt viel über den widersprüchlichen Ausgang dieser Unternehmensgeschichte: Während die Verwaltung in Fulda vor dem Aus steht, gibt es für die operative Infrastruktur in Michelsrombach eine Perspektive – aber noch keine endgültige Gewissheit. Während die Marke möglicherweise aus vielen Märkten verschwindet, sollen andere Bereiche weitergeführt werden. Während ein Unternehmen zerlegt wird, entstehen an einzelnen Orten neue Perspektiven, deren endgültige Gestalt allerdings noch von Entscheidungen der kommenden Monate abhängt.

Vielleicht liegt genau darin der konstruktive Blick auf dieses Ende. Tegut wird als eigenständiges Unternehmen in seiner bisherigen Form nicht zurückkehren. Das ist die Realität. Aber die Menschen, die dort gearbeitet haben, die vorhandene Infrastruktur, die Standorte und die wirtschaftliche Substanz dieser Region müssen nicht gemeinsam mit dem Unternehmensnamen verschwinden.

Das Ende von Tegut ist deshalb nicht nur die Geschichte eines gescheiterten Lebensmittelhändlers. Es ist eine Geschichte über Wachstum und Risiko, über Investitionen und falsche Erwartungen, über Globalisierung und regionale Verwurzelung, über Kartellrecht und Nahversorgung, über Arbeitsplätze und unternehmerische Verantwortung.

Und vielleicht ist es vor allem eine Geschichte darüber, dass Zukunft nicht dadurch entsteht, dass man an der Vergangenheit festhält. Sie entsteht dort, wo eine Region erkennt, was sie verloren hat – und entschlossen genug ist, aus diesem Verlust etwas Neues entstehen zu lassen. +++ nh


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