Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet ein Unternehmen wie Tante Enso nun in die Lücke stößt, die der Rückzug von Migros aus Deutschland hinterlässt. Während die großen Handelsketten seit Jahren ihre Netze nach Rentabilität, Flächenproduktivität und logistischer Effizienz ordnen, entsteht an den Rändern des Marktes ein anderer Bedarf: die schlichte Frage, wie Nahversorgung in Regionen organisiert werden kann, in denen sich klassische Supermärkte immer weniger rechnen. Dass nun ausgerechnet ein Bremer Smart-Store-Betreiber bis zu 36 Tegut-Filialen übernehmen will, ist deshalb weit mehr als eine Randnotiz der aktuellen Umbrüche im Einzelhandel. Es verweist auf eine tektonische Verschiebung innerhalb einer Branche, die lange von Größe allein lebte.
Der Verkauf der Tegut-Märkte markiert das Ende eines Kapitels, das weit über Hessen hinausreicht. Tegut war nie bloß ein weiterer Supermarktbetreiber. Die 1947 in Fulda gegründete Kette stand über Jahrzehnte für ein Gegenmodell zum kompromisslosen Expansionskurs der großen Wettbewerber, für Regionalität, ökologische Sortimente und eine gewisse Eigenständigkeit in einer zunehmend standardisierten Handelslandschaft. Mit der Übernahme durch Migros im Jahr 2013 verband sich damals die Hoffnung, dass ein genossenschaftlich geprägter Schweizer Konzern dem Unternehmen jene Stabilität geben könnte, die auf dem deutschen Markt immer schwieriger zu erreichen war. Nun zieht sich Migros zurück, weil selbst ein vergleichsweise profilierter Händler im erbarmungslos verdichteten Wettbewerb keine ausreichenden Perspektiven mehr bietet.
Die Aufteilung der Filialen folgt dabei einer Logik, die den Zustand des deutschen Lebensmittelmarktes präzise beschreibt. Edeka sichert sich die wirtschaftlich attraktivsten Standorte, Rewe greift nach einem weiteren Paket, Aldi Nord prüft einzelne Märkte. Und Tante Enso übernimmt jene Häuser, die kleiner sind, ländlicher gelegen oder unter klassischen Maßstäben weniger rentabel erscheinen. Gerade darin liegt die eigentliche Pointe dieser Entwicklung. Die großen Konzerne ziehen sich aus Teilen der Fläche zurück, weil ihre Betriebsmodelle dort an Grenzen stoßen. Gleichzeitig entstehen Geschäftsmodelle, die genau aus diesen Grenzen ihre Existenzberechtigung ableiten.
Tante Enso setzt auf ein Konzept, das in der Branche lange skeptisch betrachtet wurde: kleine Märkte mit digitalisierten Abläufen, reduziertem Personaleinsatz und weitgehend automatisierten Öffnungszeiten. Die Läden funktionieren nicht mehr als traditionelle Vollsortimenter mit hoher Frequenz, sondern als hybride Infrastruktur der Grundversorgung. Kunden kaufen per Mitgliedskarte ein, viele Märkte sind rund um die Uhr zugänglich, Personal ist nur zeitweise vor Ort. Was früher als Übergangslösung oder technischer Sonderweg galt, wird nun zum möglichen Modell für Regionen, in denen klassische Supermärkte verschwinden würden.
Dabei ist der Vorgang keineswegs frei von Ambivalenzen. Denn der Erhalt eines Standortes bedeutet nicht automatisch den Erhalt jener sozialen Funktion, die ein Supermarkt über Jahrzehnte erfüllt hat. Wo früher Beschäftigte, Beratung und ein gewisser öffentlicher Raum standen, treten nun Scanner, Zugangssysteme und Selbstbedienung. Der Dorfladen bleibt äußerlich erhalten, verändert aber seinen Charakter grundlegend. Die Frage, ob dies Fortschritt oder Verlust ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Für viele Gemeinden dürfte die Alternative schlicht die Schließung gewesen sein. Gerade deshalb findet das Modell Akzeptanz.
Besondere Aufmerksamkeit erhält die Entwicklung auch wegen der Person Thomas Gutberlet. Der frühere Tegut-Geschäftsführer, der inzwischen bei Tante Enso tätig ist, kauft nun gewissermaßen Teile jenes Unternehmens zurück, das seine Familie über Generationen geprägt hat. Darin liegt eine gewisse Ironie der Handelsgeschichte. Aus dem einstigen mittelständischen Filialunternehmen wird nun ein Netz kleiner digitaler Nahversorger, organisiert nach völlig anderen wirtschaftlichen Maßstäben. Die emotionale Bindung vieler Regionen an die Marke Tegut trifft damit auf eine Realität, in der Sentimentalität kaum noch Geschäftsmodelle trägt.
Gerade in Osthessen dürfte der Verkauf deshalb aufmerksam verfolgt werden. Tegut gehört dort nicht nur zur Versorgung, sondern zur regionalen Identität. Dass kleinere Standorte nun unter dem Dach eines Smart-Store-Betreibers weitergeführt werden könnten, mag zunächst wie ein Abstieg wirken. Tatsächlich zeigt sich darin jedoch eine tiefere Veränderung: Der Lebensmittelhandel entfernt sich zunehmend vom Gedanken flächendeckender Gleichförmigkeit. Statt eines Modells für alle entstehen unterschiedliche Versorgungssysteme für unterschiedliche Räume. Die Großfläche bleibt im urbanen Raum dominant, während auf dem Land jene Mischformen entstehen, die mit weniger Personal und geringeren Kosten arbeiten.
Der Fall Tegut erzählt deshalb weniger vom Niedergang eines einzelnen Unternehmens als von der Neuordnung eines ganzen Marktes. Der deutsche Lebensmittelhandel galt lange als nahezu vollständig verteilt, effizient organisiert und kaum noch veränderbar. Nun zeigt sich, dass selbst diese hochverdichtete Branche neue Antworten auf alte Probleme suchen muss: demografischer Wandel, steigende Betriebskosten, Personalmangel und die Ausdünnung ländlicher Infrastruktur. Dass ausgerechnet ein vergleichsweise kleines Unternehmen wie Tante Enso dabei plötzlich eine zentrale Rolle spielt, verweist auf eine Entwicklung, die viele große Handelskonzerne lange unterschätzt haben.
Am Ende steht eine unbequeme Erkenntnis: Die Zukunft der Nahversorgung wird vermutlich weder nostalgisch noch komfortabel sein. Sie wird technischer, kleiner und pragmatischer ausfallen, als viele es sich wünschen. Doch möglicherweise liegt gerade darin die Voraussetzung dafür, dass Versorgung außerhalb der großen Zentren überhaupt erhalten bleibt. +++
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