Nicht zuletzt seinetwegen rückte der Kreisliga-Fußball beim SV Willofs am vergangenen Sonntag in den Fokus. Erstaunlich ist es schon, welche Energien Jonas Schulte mit seiner Leidenschaft für den Stellenwert des Kickens an der Basis freisetzt. In der heutigen Zeit, in der die Fans immer weniger Transparenz spüren zum Fußball „weiter oben“. In der Brücke, Schere und Kluft zum kommerzialisierten Fußball immer größer werden. Da tat die Atmosphäre auf dem Sportplatz in Willofs so richtig gut. Richtig atmen durfte man dort. Eintauchen in die originäre Welt. Da, wo alles begann. Und manches auch wieder hinführt? In jedem Fall soll es konserviert werden.
Es war auch sein Tag. Jeder wusste, dass man ein Bad in der Menge nehmen konnte. Niemand, zumindest Besucher und Fans aus Willofs, wollte sich diese Chance nehmen lassen. Jeder wollte dabei sein. Seit der Rückkehr auf die Fußballbühne, sprich den Liga-Spielbetrieb im Jahre 2018, begleitet Jonas Schulte den SVW, den kleinen, aber feinen Verein voller Innenleben - als Fan und Mitglied. Kein Wunder, dass er sich an das erste Ligaspiel in dieser Zeitreise - an ihrem Beginn - erinnert: Ein hoher Heimsieg sprang heraus damals gegen die Zweite des TSV Ufhausen.
1996 also musste der SVW seine Teilnahme am Spielbetrieb einstellen. Mangels Masse und aus Personalgründen - 22 Jahre später kehrte er zurück. Der Verein war wieder spielfähig mit genügend Spielern aus dem Ort. Eigenständigkeit lautete das Zauberwort. Sein Herz anzuzapfen und auf dem Platz zu lassen, das sollte im Mittelpunkt stehen. Wie es sich für Fußball mit echtem Gespür und Gefühl gehört. „Football is coming home“ auf dem Dorf. Das beeindruckte auch Jonas Schulte. Auch wenn es eine Entwicklung eher gegen den Trend war mit der Eigenverantwortung, den Verein wieder zu beleben, Schulte schaute sich das Spiel an. Er hatte Blut geleckt. Und wurde infiziert. Das Virus „Fußball auf Kreisebene“ hatte sich eingenistet und festgesetzt bei ihm. Es juckte. Schulte kratzte sich. Vergebens. Er war dem Kreisliga-Kult verfallen. Schulte rieb sich die Augen. Überall in Willofs waren die Häuser mit blau-weißen Fahnen beflaggt, alle hatten sich mit T-Shirts geschmückt. „Ich habe gemerkt, welche Euphorie dahintersteckt“, sagt er noch heute. So, als sei es gestern gewesen.
Man sollte wissen, welche Ingredienzen Schulte mitbrachte. 37 ist er heute, stammt ais Attendorn am Biggesee im Sauerland - und seit dem Erlebnis in Willofs lebt er den Fußball an der Basis. Im Hauptberuf ist er Radio-Reporter im Hessischen Rundfunk, zuletzt war er öfter beim HR3 zu hören, „ich hab‘ gerade eine kleine Auszeit von diesem Job“, verrät er. Und Jonas Schulte ist Groundhopper. Etwa 150 Spiele besucht er pro Saison - „großteilig im hessischen Amateurfußball“, präzisiert er, und legt Wert auf diese Feststellung. Zudem betreibt er mit seinem Kumpel Valentin Teufel einen Podcast - und der trägt den Namen „kreis.liga.kult“. Fast hätte man selbst drauf kommen können. Im Podcast, bei dem es sich in erster Linie um den hessischen Amateurfußball dreht, ist stets eine Person zu Gast ist - und etwa eine Viertelstunde, manchmal auch etwas länger, bleibt Zeit für Episoden und Geschichten. Auf hessischen Fußballplätzen, versteht sich. Der SV Willofs und Kali Werra Tiefenort sind in Schultes Podcast verankert. Kein Wunder, dass auch Valentin Teufel in Willofs präsent war.
So holte Schulte, der inzwischen vor Ideen nur so sprudelt, den SVW mit ins Boot. Anhänger des Vereins geworden, bot er dem einst an, den SVW einst im Derby gegen Pfordt II zu begleiten. Der heute 37-Jährige, inzwischen auch mit Erfahrungen als Stadionsprecher in Dreieich, weckte Geschmack und Appetit bei seinem „Herzensverein“: ihn als Stadionsprecher zu begleiten und für ein Rahmenpogramm zu sorgen. Die Folge: 600 Zuschauer kamen. Zu einem Kreisligaspiel. Schulte, der SV Willofs und der Fußball auf Kreisebene hatten Kult gewonnen, machten für das Kicken an der Basis aufmerksam. Die Öffentlichkeit hatte Notiz genommen. Fußball hatte da, wo er herkommt, an Wertschätzung gewonnen. Vielleicht zurückgewonnen. Als wolle er sagen, ich will auch ein Stück vom großen Kuchen. Der echte Fußball, den jeder nachverfolgen kann. Nicht der am Fernsehen.
Wie gesagt, der vergangene Sonntag gehörte ihm. Viele waren wegen ihm da. Doch das hatte seine Vorgeschichte. Seinen Hintergrund. Vor Jahren schrieb er ein Buch, das ein treffenderes Etikett kaum hätte schmücken können: „Fußball-Heimat Hessen“. In Willofs hielt er eine Lesung - als kleines Geschenk und Dankeschön bekam er von Nina Gottwald, der 1. Vorsitzenden des SVW, einen Spielerpass geschenkt. Und wie das so ist, lag der zunächst vor sich hin. Bis ihm eine Idee kam. Er trat an seinen Podcast-Kumpel Valentin heran - mit der Losung und einer kleinen Einschränkung: „Unter 100 Kilo geh‘ ich nicht aufs Feld.“ Wieder muss man wissen: „Damals wog ich noch 120 Kilo.“ Somit mussten von Jahresbeginn 2025 bis zum Datum des Spiels am Sonntag, dem 25. Mai, 20 Kilo weg. Valentin Teufel, Marathonläufer in einem Frankfurter Verein und einer, der weiß, wie Fitness geht, unterstütze ihn. Und trieb Jonas auch an. Die Maßnahme oder auch das Projekt des Abnehmens funktionierten - das Spiel konnte kommen. Dass das Spiel von einer Spur Publicity begleitet war, ist klar - schließlich sollte es der Sache dienen und auf Kreisliga-Fußball aufmerksam machen.
Wie sich Tag und Ereignis in Willofs anfühlten? „Super“, bricht es aus Schulte heraus, „und ich fand es schön, wie viele Zuschauer da waren“. 150, eher 200 dürften es gewesen sein. „Wir haben gut gefeiert. Mit den Zuschauern und der Mannschaft. Das Sahnehäubchen, das war die Krönung. „ und, wenn man so will, das Ende einer fast halbjährigen Reise. Schmuck auch die Eintrittskarte, die der SV Willofs angefertigt hatte und bereithielt. „Es hat gezeigt, wie schön der Fußball ist“, zapfte Schulte sein Innenleben an, „es war einfach ein schöner Tag“. Natürlich hatte Schulte auch was zu trinken organisiert, von der Schlitzer Destillerie. Auch eine Fünf-Liter-Flasche Wildkirsch. Und er freute sich, dass es an Prominenz für das kleine 400-Einwohner-Örtchen nicht mangelte: Neben Markus Pflanz, Osthessens Trainer-Größe Nummer eins, war auch Colin Mahnke vor Ort. Ein guter Freund Schultes und Stadionsprecher des Zweitligisten Darmstadt 98.
Die Schlussworte, auch die gehören Jonas Schulte. Die schönen Geschichten, meinte er, die fänden auch auf dem Dorf oder an der Basis statt - und die Kicker dort bräuchten mehr Aufmerksamkeit. Nicht zuletzt sollten solche Maßnahmen auch dazu führen, dass die „ehrenamtliche ArbeitW“ besser angenommen und dargestellt werde. „Das verfolgen wir auch mit unserem Podcast“. Niemand wollte Schulte widersprechen. Niemand. +++ rl
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