Etwa 800 Beschäftigte des Unternehmens Goodyear des Werkes in Fulda sind heute auf Einladung des Betriebsrats zu einer nicht öffentlichen Betriebsversammlung auf dem Gelände des Unternehmensstandortes zusammengekommen, um sich gegen den, vom Unternehmen geplanten Stellenabbau zu wehren. Goodyear plant, am Standort in Fulda mehr als die Hälfte der Arbeitsplätze abzubauen. Zu dem Protest waren auch Mitarbeitende von anderen Unternehmensstandorten sowie Kommunal-, Landes – und Bundespolitiker eingeladen. Unterstützt wurden die Beschäftigten von der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie (IG BCE).
Mit Trillerpfeifen und Buhrufen machten die etwa 800 Versammelten auf dem Unternehmensgelände ihrem Ärger Luft. Bereits im Jahr 2019 hatte Goodyear in Fulda 450 Arbeitsplätze gestrichen, verbunden mit dem Versprechen, massiv in den Standort zu investieren. „Wir haben daran geglaubt und darauf vertraut, dass unser Werk für die nächsten Jahrzehnte gesichert ist“, rief die Betriebsratsvorsitzende Ines Sauer den Anwesenden zu. Jetzt schon wieder Arbeitsplätze abzubauen – das wolle sie nicht hinnehmen. „Das wird kein Hundertmeterlauf, sondern ein Marathon. Jeder einzelne Arbeitsplatz ist es wert, dass wir uns mit allen Mitteln wehren. Wir lassen ein Sterben in Raten unseres Standorts nicht zu!“ Anne Weinschenk, Konzernbetreuerin und Bezirksleiterin Mittelhessen der Kautschukgewerkschaft IGBCE, erinnerte an die Vereinbarung von 2019. „Die Kolleginnen und Kollegen haben die Investitionen genutzt, um aus Fulda ein produktives Werk zu machen. Und das ist es immer noch.“ Völlig unverständlich sei, dass das Unternehmen noch zwei Monate vor Bekanntgabe des Arbeitsplatzabbaus den Beschäftigten gute Zahlen präsentiert habe. Sie kritisierte, dass das Unternehmen nun mit einer angeblich schlechten wirtschaftlichen Lage argumentiert, um einen Sozialplan, der schlechter wäre als 2019, durchzusetzen. Und dass gleichzeitig der CEO von Goodyear, Richard Kramer, im Jahr 17 Millionen Dollar verdient. „Uns ist unverständlich, warum dieser Arbeitsplatzabbau nötig sein soll. Wir sind nicht bereit, uns über Abfindungen zu unterhalten, so lange uns nicht plausibel erklärt wird, was dahinter steckt. Und vor allem auch, wie die Zukunft aussieht für diejenigen, die hierbleiben sollen. Stellt Euch auf lange, lange, zähe Auseinandersetzungen ein!“ Neben dem Landrat des Landkreises Fulda, Bernd Woide (CDU), und dem Oberbürgermeister der Stadt Fulda, Dr. Heiko Wingenfeld (CDU), waren u.a. mit Thomas Hering (CDU), Silvia Brünnel (Grüne) und Sabine Waschke (SPD) auch heimische Abgeordnete des Hessischen Landtags zur Betriebsversammlung gekommen. Bundesinnenministerin Faeser (SPD) ließ ihre Solidarität mit den Beschäftigten ausrichten und auch der heimische CDU-Wahlkreisabgeordnete Brand war heute in Gedanken bei der Arbeitnehmerschaft seines Wahlkreises.
Sabine Waschke MdL: Grund für angekündigte Entlassungswelle liegt in Fehlentscheidungen des Managements
„Dass Goodyear auf dem Weltmarkt einen solch hervorragenden Ruf genießt, ist das alleinige Verdienst der Mitarbeiter hier am Standort in Fulda“, so die hiesige SPD Landtagsabgeordnete Sabine Waschke MdL. „Mit Ihrem Verzicht vor vier Jahren haben Sie bewiesen, dass Sie sich zum Unternehmen Goodyear und zum Standort in Fulda bekennen. Im Jahr 2019 war der große Deal, auch damals schon war die Standortsicherung ein Thema. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier am Standort in Fulda haben verzichtet, damit der Standort gesichert ist. Und ihr Dank für diesen Verzicht ist, dass der Geschäftsführer von Goodyear, Richard J. Kramer, 17 Mio. Euro im Jahr verdient. Und dann höre ich auf einmal, dass dieses Werk hier in Fulda ineffizient sei oder sich der Standort nicht mehr tragen würde. Man müsste mal ausrechnen, wie lange jeder von uns hier im Werk arbeiten müsste, um 17 Mio. Euro Jahresverdienst zu haben. Richtig. Das geht gar nicht. Das erreicht man nicht in einer, nicht in zwei und nicht in drei Generationen! Der Grund für die angekündigte Entlassungswelle hier am Standort Fulda liegt in den Fehlentscheidungen des Managements.“
Silvia Brünnel MdL: Noch im März des vergangenen Jahres wurde die Wirtschaftlichkeit des Standortes noch ausdrücklich gelobt
„Goodyear ist einer der großen Arbeitgeber in unserer Stadt sowie in unserer Region. Ein solch geplanter Stellenabbau, von diesem fast die Hälfte der Belegschaft betroffen wäre, ist für Sie als Arbeitnehmende eine Katastrophe – aber auch für Fulda und die Region ein herber Verlust. Wenn wir in die Vergangenheit blicken, so darf auch nicht unerwähnt bleiben, was den Mitarbeitenden versprochen wurde. Die Investitionen, die getätigt wurden, wurden getätigt, damit dieses Unternehmen produktiv und leistungsfähig bleibt. Mit den Investitionen und dem damaligen Abbau der Stellen sollten die Werke zukunftsfähig gemacht werden. Es wurden mit den lokalen Arbeitnehmervertretern Transformationspläne vereinbart, um die Wettbewerbssituation des Unternehmens am Markt zu verbessern. Es war ein Bekenntnis zum Standort in Deutschland und es war ein Bekenntnis zum Standort in Fulda. Und genau darauf haben Sie sich als Belegschaft verlassen und darauf vertraut. In den vergangenen Jahren haben die Beschäftigten mit ihrem fachlichen Know-how maßgeblich dazu beigetragen, dass das Werk in Fulda zukunftsfähig bleibt. Noch im März des vergangenen Jahres wurde die Wirtschaftlichkeit des Standortes noch ausdrücklich gelobt und die Produktionsanlagen modernisiert und gerade im vergangenen Jahr waren wir erfreut darüber, zu hören, dass im Reifenwerk auch etwas für die nachhaltige Produktion getan wird. Die Geschäftsführung hat es als Meilenstein auf dem Weg zum Umrüsten auf Erneuerbare Energien gesehen. Dass sind alles erfreuliche Entwicklungen, die in diese Produktionsstätte Vertrauen geschaffen haben“, so die hiesige Landtagsabgeordnete der Grünen und Vorsitzende der Stadtverordnetenfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Silvia Brünnel MdL.
Anne Weinschenk (IG BCE): Sterben auf Raten steht im Raum
„Wir sind am 1. Juni von den Maßnahmen überfahren worden sowohl die Arbeitnehmervertreter als auch die Belegschaft. Man hat uns wenig Zeit gegeben, auf die Pläne überhaupt reagieren zu können, sondern uns die vorbereiteten Sozialpläne schon fix und fertig zur Unterzeichnung vorgelegt. Jetzt geht es darum, dass wir uns als Arbeitnehmervertreter ordentlich positionieren. Wir wurden überhaupt nicht zu den Vorhaben informiert. Wir wissen rein gar nichts, wie es weitergeht. Man hat uns lediglich mitgeteilt, dass der Standort Fulda nicht produktiv genug sei. Ob dem tatsächlich so ist, kann ich aktuell nicht sagen. In 2019 hatte man dem Fuldaer Standort Investitionen zugesichert und auch eine gewisse Standortzusicherung gegeben. Die jetzigen Pläne, dass man mehr als die Hälfte Stellen abbauen will, kommen meiner Meinung nach doch sehr überraschend. Ich unterstelle dem Unternehmen damit auch ein Stück weit Willkür. 2019 hat man noch in den Fuldaer Standort investiert, da hieß es noch, dass der Unternehmensstandort gut aufgestellt und zukunftsfähig sei. Man muss es ganz einfach so sagen: Das Sterben auf Raten steht im Raum“, so Anne Weinschenk, Bezirksleiterin IG BCE Mittelhessen gegenüber fuldainfo.de.
Oberbürgermeister Dr. Wingenfeld: Auf politische Ebene wird man hier wenig erreichen, das geht nur im Dialog und in intensiven Verhandlungen durch den Betriebsrat mit der Unternehmensführung
„Die Nachricht vom geplanten Stellenabbau ist ein schwerer Schlag für die Mitarbeitenden von Goodyear am Standort Fulda und ihre Familien - aber auch für die Stadt und die gesamte Region Fulda. Goodyear, Fuldaer Reifen oder wie wir hier traditionsgemäß zu sagen pflegen, ‚die Gummi‘, ist nicht irgendein Unternehmen, sondern ein Teil unserer Identität - und das über Generationen hinweg. Von hier aus wurde sich einst ein Weltruf erarbeitet und das ist das Verdienst der Mitarbeiter am Standort Fulda über Generationen. Wir hatten, als 2019 die Investitionen kamen, wirklich die Hoffnung, dass sich Goodyear zum Standort Fulda bekennt. Umso dankbarer bin ich den Mitarbeitenden für ihre Bemühungen, in einem zunehmenderen Wettbewerb, diesen Standort bestehen zu lassen. Umso bitterer ereilt uns jetzt die Nachricht, dass jetzt einerseits Stellen abgebaut werden sollen, andererseits aber keine konkreten Perspektiven für die Zukunft aufgezeigt werden. Wir können als Stadt nicht die globalen Wettbewerbsverhältnisse beeinflussen, wir können auch nicht die (gestiegenen) Energiekosten beeinflussen, aber wir können als Stadt den Versuch unternehmen, mit Blick auf den geplanten Stellenabbau, die Infrastruktur zu stärken, für eine gute verkehrliche Anbindung zu sorgen. Auf politische Ebene wird man hier wenig erreichen, das geht nur im Dialog und in intensiven Verhandlungen durch den Betriebsrat mit der Unternehmensführung“, so Fuldas Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin fuldainfo.de.
Landrat Bernd Woide: Übereiltes Vorgehen nicht sachgerecht
„Die Pläne sind natürlich eine Zäsur und eine schlechte Nachricht für die Region. Im Brief vonseiten der Geschäftsleitung wurden uns die Fakten, die sie auch der Belegschaft mitgeteilt haben – u.a. dass der Standort zu teuer produziere gerade jetzt in Zeiten der Inflation in Folge des Krieges in der Ukraine etc. - bereits genannt. Natürlich hat der Wegfall von 550 Arbeitsplätzen gravierende Auswirkungen. Wir hoffen, dass die Geschäftsleitung von Goodyear ihr Vorhaben noch einmal überdenkt. Ich persönlich halte dieses übereilte Vorgehen für nicht sachgerecht. Der Standort ist nachdem, was ich weiß, schon profitabel. Hier werden bestimmte Reifen hergestellt, die ein bestimmtes Segment bedienen. Wir haben hier eine Innovation. Hier ist in den vergangenen Jahren ja erheblich investiert worden, und wir haben – wir sehen es ja – qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und wenn diese Mitarbeiter einmal weg sind, dann holt man diesen Wegfall nie mehr auf. Und deshalb ist diese Mitarbeiterschaft ein Wert an sich. Mein Wunsch an die Geschäftsleitung ist, noch einmal darüber nachzudenken und das Ganze aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und nicht nur zu sehen, was habe ich für Probleme, sondern was habe ich für Chancen. Und das ist – glaube ich – das Entscheidende“, sagt Landrat Bernd Woide (CDU) in unserem Gespräch. +++ jessica auth







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