Das Ende einer Ära – und ein Signal für den deutschen Lebensmittelhandel

Tegut10

Wenn ein traditionsreiches Unternehmen wie Tegut ins Wanken gerät, ist das mehr als nur eine unternehmerische Entscheidung in einer ohnehin hart umkämpften Branche. Der angekündigte Rückzug der Genossenschaft Migros Zürich aus Deutschland und die geplante Übernahme eines großen Teils von Tegut durch Edeka markieren einen Einschnitt – für die Region Fulda, für Tausende Beschäftigte und für den deutschen Lebensmittelhandel insgesamt.

Über 7.400 Angestellte in rund 340 Filialen sind von der Entwicklung betroffen. Die Standorte liegen in mehreren Bundesländern. Für viele von ihnen ist Tegut weit mehr als ein Arbeitgeber. Die Supermarktkette gehört zu den wenigen Handelsunternehmen, die eine klar erkennbare Haltung zu Qualität, Regionalität und nachhaltigem Wirtschaften entwickelt haben. Gerade deshalb wirkt der Rückzug der Schweizer Eigentümer so schmerzhaft: Er zeigt, wie schwierig es geworden ist, im deutschen Lebensmittelhandel mit einer vergleichsweise kleinen Struktur dauerhaft zu bestehen.

Die Analyse der Migros Zürich fällt entsprechend nüchtern aus. Trotz massiver Kostensenkungen und deutlich reduzierter Verluste habe sich das Marktumfeld weiter verschärft. Rückläufige Umsätze und ein gnadenloser Wettbewerb hätten deutlich gemacht, dass Tegut mit seiner Positionierung und Unternehmensgröße langfristig wirtschaftlich nicht zukunftsfähig sei. Dass sich sogar die Option einer Gesamtübernahme durch einen neuen Händler außerhalb des deutschen Marktes als unrealistisch erwies, sagt viel über die aktuelle Lage der Branche.

Der deutsche Lebensmittelhandel gehört zu den konzentriertesten und gleichzeitig preisaggressivsten Märkten Europas. Seit Jahren dominieren einige wenige große Gruppen – allen voran Edeka, Rewe, die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland sowie Aldi. Sie verfügen über enorme Einkaufsmacht, ausgefeilte Logistiksysteme und eine Marktdurchdringung, mit der kleinere Wettbewerber kaum mithalten können. Wer in diesem Umfeld bestehen will, braucht entweder Größe oder eine extrem scharf definierte Nische. Beides gleichzeitig zu erreichen, ist schwierig.

Tegut hat über Jahrzehnte versucht, genau diesen Balanceakt zu schaffen: eine starke regionale Verwurzelung, ein klares Profil bei Bio- und Qualitätsprodukten und gleichzeitig ein Filialnetz, das über Hessen hinaus in mehrere Bundesländer reicht. Das hat lange funktioniert. Doch der Preisdruck im Markt, steigende Kosten und verändertes Konsumverhalten setzen selbst solchen Konzepten zunehmend Grenzen.

In dieser Situation erscheint der Einstieg eines starken Partners wie Edeka aus Sicht vieler Beobachter fast zwangsläufig. Auch die politischen Vertreter der Region Fulda reagieren entsprechend. Landrat Bernd Woide und Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld sprachen von einer „bitteren Nachricht“ mit Blick auf die Tradition des Unternehmens, dessen Geschichte 1948 mit dem Gründer Theo Gutberlet in Fulda begann. Zugleich betonten sie ihre Solidarität mit den Beschäftigten, die sich stark mit Tegut identifizierten.

Gleichzeitig setzen beide auf die Chancen eines Eigentümerwechsels. Vorbehaltlich der kartellrechtlichen Prüfung könne die Übernahme durch einen starken Händler wie Edeka helfen, Standorte und Arbeitsplätze zu sichern und perspektivisch sogar wieder zu expandieren. Stadt und Region Fulda hätten mit Edeka gute Erfahrungen gemacht.

Tatsächlich steht für viele Kommunen weit mehr auf dem Spiel als nur die Zukunft eines Unternehmens. Das Filialnetz von Lebensmittelmärkten erfüllt eine zentrale Versorgungsfunktion – gerade im ländlichen Raum. Wenn Märkte schließen, entstehen nicht nur wirtschaftliche Lücken, sondern auch soziale. Wo der Supermarkt verschwindet, verschwindet oft auch ein Stück Alltag.

Genau deshalb liegt es im vitalen Interesse von Städten und Landkreisen, dass Standorte erhalten bleiben und Leerstände vermieden werden. Die Region Fulda, so betonen ihre politischen Vertreter, biete weiterhin gute Rahmenbedingungen für starke und verlässliche Partner im Lebensmittelhandel.

Doch über die regionale Perspektive hinaus wirft der Fall Tegut eine größere Frage auf: Wie viel Vielfalt verträgt der deutsche Lebensmittelmarkt noch? Wenn selbst etablierte Ketten mit klarer Identität Schwierigkeiten haben, eigenständig zu bestehen, spricht vieles dafür, dass sich der Markt weiter konzentrieren wird.

Für Verbraucher bedeutet das möglicherweise stabile Preise und effiziente Strukturen. Für die Branche selbst aber wächst damit auch die Gefahr, dass Vielfalt verloren geht – an Konzepten, an regionalen Besonderheiten und an unternehmerischen Ideen.

Der Rückzug von Migros aus Deutschland ist deshalb nicht nur das Ende eines Engagements. Er ist auch ein weiteres Zeichen dafür, wie stark sich der Lebensmittelhandel verändert. Wer künftig bestehen will, braucht Größe, Kapital – oder eine Idee, die stark genug ist, sich gegen die Macht der großen Ketten zu behaupten. +++ nh


Popup-Fenster

2 Kommentare

  1. Die derzeit verbreiteten Krokodilstränen in manchen Nachrichtenportalen kann ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen. Überall ist von Schock und Fassungslosigkeit die Rede. Doch wenn bei tegut tatsächlich alles in Ordnung gewesen wäre, stünden wir heute gar nicht vor dieser Situation.

    In Wahrheit scheint man bei tegut schon seit längerer Zeit massive Fehler gemacht und wichtige Entwicklungen verschlafen zu haben. Selbst ALDI hat in den letzten Jahren qualitativ deutlich aufgeholt – ein Zeichen dafür, wie stark sich der Wettbewerb verändert hat.

    Gleichzeitig wirkt es so, als hätten einige Manager geglaubt, Probleme ließen sich durch Personaleinsparungen lösen. Doch genau hier liegt ein grundlegender Irrtum. Das Lebensmittelgeschäft, insbesondere mit Frischwaren wie Obst und Gemüse, ist nun einmal personalintensiv. Ein Laden funktioniert nicht dauerhaft gut, wenn dort nur ein oder zwei Personen arbeiten.

    Andere zeigen, dass es auch anders geht. EDEKA macht vor, wie wichtig gut geschultes und ausreichend vorhandenes Personal ist, damit ein Geschäft zuverlässig funktioniert und Kunden zufrieden sind.

    Hinzu kommen eigentlich einfache Grundregeln des Handels, die nicht vergessen werden sollten. Die alte Ware gehört nach vorne, die neue nach hinten – ein Prinzip, das im Alltag entscheidend für Qualität und Kundenzufriedenheit ist.

    Und noch ein Punkt zum Schluss: Am besten wissen die Mitarbeiter vor Ort, welche Produkte gut laufen und welche nicht. Der „Kollege Computer“ in einer weit entfernten Zentrale kann das nur begrenzt beurteilen – vor allem dann, wenn Entscheidungen getroffen werden, ohne die Erfahrungen aus den Filialen einzubeziehen.

    Wirklich neu ist diese Erkenntnis übrigens nicht. Auch bei VW hat man schon vor vielen Jahren verstanden, dass Verantwortung dorthin gehört, wo die Arbeit tatsächlich passiert: vor Ort.

    Denn am Ende gilt: Wenn Entscheidungen nah am Geschäft getroffen werden, klappt es auch besser mit den Kunden.

  2. Das nenne ich mal einen Kommentar. Geschrieben vom fast einzigen Journalisten in der Region. Bravo!!

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*