Merz hört mit – Pakistan am Rubikon

Gerhard Merz

Gießen/ Fulda. Als der weiland Bundespräsident Christian Wulff dem weiland BILD-Chefredakteur Kai Diekmann auf die Mailbox sprach, dieser habe den Rubikon überschritten, da wusste er vermutlich nicht, was er, Wulff, damit auslösen würde. Nicht nur, aber auch damit stand er in scharfem Gegensatz zu Julius Cäsar, der erstens den Rubikon selbst überschritt – statt dem Pompeius per Handy mitzuteilen, jener solle gefälligst hinter den Tiber zurückweichen statt über den Rubikon vorzurücken – und der das zweitens mit voller Absicht tat, um schließlich drittens – und wichtiger – den sich anschließenden Bürgerkrieg zu gewinnen, an dessen Ende ihm der Kopf seines Widersachers zu Füßen gelegt wurde, während Wulff den seinen dem Diekmann zu Füßen legen musste, also gewissermaßen auf dem Weg nach Canossa am Rubikon sein Waterloo erlitt. (Zu Canossa und Waterloo, vgl. „Merz hört mit“ vom 18.Oktober/10.November 2015)

Nicht wenige sahen das damals als ungerecht an und waren der Auffassung, den Rubikon habe Diekmann spätestens mit der Veröffentlichung der Wulff’schen Rubikon-Maibox-Nachricht überschritten, wie überhaupt ja die BILD-Zeitung im Überschreiten der trüben Wasser des Rubikons des guten Geschmacks eine gewisse Routine aufweise, wenn nicht gar eine Pionierfunktion erfülle. Diese wird deshalb erfreut haben, was kurz nach dem Wulff-Rücktritt gemeldet wurde: „Rubikon ist überschritten: Springer bilanziert Print-to-Online-Strategie“ (e-book-news.de, 9. März 2012). Sie freuten sich freilich zu früh, denn das Portal konnte melden, dass man besagten Rubikon nicht etwa in Richtung Bürgerkrieg, sondern bedauerlicher- für den Verlag freilich erfreulicherweise in Richtung Rekordumsatz und steigende Gewinne überschritten habe – und dass trotz noch kurz zuvor herrschender Befürchtungen vor dem „großen Zapfenstreich“.

Schon aus all dem erhellt, das der Rubikon ein eher rätselhaftes, janusköpfig-sphinxartiges Gewässer ist, in dem sich Gut und Böse zu einer trüb-ominösen Brühe vermischen. Es passt gut zu diesem Befund, dass die genaue Lage des Rubikons umstritten ist. Galt bis vor kurzem noch als gesichert, dass er irgendwo in Italien seinen Lauf durch die Wirrnisse der Zeit nimmt, so ist auch diese Gewissheit ins Wanken geraten, ja man könnte sagen, der Rubikon hat den Rubikon überschritten. So liegt nach Auffassung des – für die Geografie Italiens freilich möglicherweise nicht maßgeblichen – Südtiroler Salto.bz vom 28. November 2015 nicht etwa der Rubikon in Italien, sondern ganz „Italien (steht) am Rubikon“, und zwar wegen „Renzis Achillesferse“, welch letztere in dessen fehlendem Kampf gegen die Korruption bestehe. (Zum Wesen der Achillesferse vgl. „Merz hört mit“ vom 23. Juni 2015). Dass ein ganzes Land wegen der Achillesferse seines Regierungschefs am Rubikon steht, diesen aber wegen just dieser Achillesferse nicht überschreiten kann oder aber andrerseits möglicherweise gerade deswegen überschreiten muss, das gehört zu den ungelösten Rätseln der neueren Rubikon- wie auch der Achillesfersen-Forschung.

Auch die von www.sozialismus.info am 11. Juli 2015 verbreitete Meldung „Tsipras überschreitet den Rubikon“ lässt einen voller Fragen zurück, obwohl das der trotzkistischen Internationale anhängende revolutionäre digitale Organ für diesen Fall immerhin veritable bürgerkriegsähnliche Zustände vorhersagt, also immerhin in der älteren Traditionslinie der Rubikon-Geschichtsschreibung bleibt.

Anders die durchaus nicht revolutionäre Konrad-Adenauer-Stiftung, die in einem Länderbericht „Pakistan vor dem Rubikon?“ vermutet (4. April 2011), wohingegen der Peszter Loyd am 17. September 2015 vom „Polizeistaat Ungarn“ scheibt, in dem „Orbán .. den Rubikon überschritten (hat)“, Letzterer übrigens ohne die bürgerkriegsähnlichen Zustände befürchten zu müssen, die für Pakistan eher allgegenwärtig und für Griechenland immerhin zu befürchten sind, die jedenfalls dem Brauchtum gemäß immer mit dem Überschreiten des Rubikon verbunden werden.

Da hilft es nicht weiter, dass nach der „EZB am Rubikon“ (FAZ, 16. Dezember 2014) auch „Europa: ‚Den Rubikon überschritten‘ hat (Die Weltwoche, Ausgabe 18/2010) und zwar mit ausgerechnet jenem Rettungspaket der Europäischen Union für den Pleitestaat Griechenland“, der – s.o. – in Folge genau der Annahme dieses und folgender Rettungspakete nun ebenfalls vor dem Rubikon steht, wobei unklar bleibt, ob Griechenland und Europa auf der gleichen oder auf verschiedenen Seiten des Flüsschens ins Wasser starren.

In ganz andere Weltgegend wird der geostrategisch interessierte Mensch verwiesen, wenn er vom „Hotel Rubikon“ im ukrainischen Donezk liest, einer Gegend, in der mittlerweile gewohnheitsmäßig jeder verfügbare Rubikon überschritten wird, der dort freilich eher unter den Namen Don und Donezk bekannt ist, aber ebenso zuverlässig Bürgerkriege auszulösen im Stande ist. Bürgerkriege, an denen wiederum jener Igor Strelkow keinen geringen Anteil hat, der sich am 10. September 2015 auf Slavyangrad.de mit den dunkel-raunenden Sätzen– “Der Rubikon ist überschritten – der schwarze Peter ist verliehen – der Westen wird keine Zugeständnisse machen” zu Wort meldete.

In jedem Fall ist man in all diesen Weltgegenden gut beraten, eine „Rubikon-Rüstung“ zu besitzen. Es handelt sich dabei um „ein mittleres Rüstungsset, das gegen 42.000 Karma pro Stück bei Händlern an den fünf Tempeln sowie am Narthex in den Ruinen von Orr erhältlich ist“. Die hätte der Wulff gebraucht! +++ fuldainfo

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