Osthessen ist die deutsche Metropole der Rückenoperationen

Im Operationssaal

Fulda. Ob ein Patient operiert wird, hängt von seinem Wohnort ab – medizinische Gründe spielen häufig nicht die Hauptrolle für eine OP-Empfehlung. Zu diesem erschreckenden Ergebnis kommt ein Team von Journalisten und Wissenschaftlern im Auftrag des WDR. Die Auswertung der Daten des Statistischen Bundesamtes zu rund 130 Millionen Krankenhausaufenthalten und die Recherchen des Teams vor Ort, ergeben ein alarmierendes Bild: Menschen aus einigen Regionen werden sehr viel häufiger operiert als anderswo, oft aus Profitinteresse.

Osthessen ist die deutsche Metropole der Rückenoperationen. Auf 100.000 Einwohner kommen dort 2.709 Eingriffe an der Wirbelsäure (Durchschnitt der Jahre 2013-2015). Das ist fast dreimal mehr als im Bundesdurchschnitt. Nach Aussage der AOK-Hessen, sind die Patienten in Osthessen nicht kränker als anderswo: „Wir haben die Hypothese, dass dort nicht alle Operationen nötig sind“, so Dr. Isabella Erb-Herrmann. Was hinter den auffälligen Ergebnissen steckt, hat die Story im Ersten „Operieren und Kassieren“ gezeigt, die am Montag im Ersten ausgestrahlt wurde und in der Region Osthessen für einiges Aufsehen sorgte. So die Ergebnisse des Senders nach monatelangen Recherchen und Interviews mit Chefärzten und Insidern. In der Region gibt es offenbar einen Wettbewerb zwischen zehn Kliniken, der dazu führt, dass insbesondere schwere und teure Rückenoperationen in den vergangenen Jahren stark zugenommen haben.

Wie die Kliniken an immer mehr Patienten und Operationen kommen, schildern Insider vor Ort. Kliniken schließen Kooperationsverträge mit niedergelassenen Ärzten, die ihren Patienten nicht nur eine OP empfehlen, sondern sie in diesen Kliniken auch selbst operieren. Dafür erhalten die niedergelassenen Ärzte eine üppige Beteiligung an den Fallpauschalen (Klinikeinnahmen für die Behandlung), die ihnen für eine ein- bis zweistündige Operation zwei- bis dreitausend Euro bringt. Die Doku präsentiert einen vertraulichen Vertrag einer osthessischen Klinik mit zwei niedergelassenen Orthopäden. Ihnen gemeinsam wird hier für OPs ein Jahresverdienst von 500.000 Euro in Aussicht gestellt. Dazu kommen die Einnahmen aus der Praxis.

„Aus eins mach zwei“ – das Splitten von Operationen ist ein zusätzlicher Trick, an mehr Geld zu kommen. Der Zusatzverdienst, wenn zweimal operiert wird, obwohl eine einzige größere OP möglich gewesen wäre, beläuft sich oft auf mehrere tausend Euro. Die ahnungslosen Patienten müssen das doppelte OP-Risiko tragen. Der Chefarzt der Neurochirurgie am Klinikum Fulda, Prof. Robert Behr, kritisiert das OP-Splitting von Kollegen in anderen Kliniken. Als Zweitgutacher der AOK hat er viele OPs überprüft: „Es ist tatsächlich so, dass wir hier Patienten sehen, die hätten besser nicht operiert oder nicht so operiert werden sollen.“

Die AOK kann auffällige OP-Entwicklungen nicht großflächig untersuchen. Denn: Für jeden überprüften Fall, der nicht beanstandet wird, muss sie eine Aufwandspauschale von 300 Euro zahlen, was sich im Jahr zu Millionenbeträgen summiert. Für die großflächige Überprüfung von vielen grenzwertigen Operationen, „fühlt sich tatsächlich niemand zuständig“, so Prof. Reinhard Busse von der TU Berlin. Eine wirksame Kontrolle überflüssiger Operationen, findet nicht statt, so das erschreckende Fazit der TV-Dokumentation. +++


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7 Kommentare

  1. „Osthessen ist die deutsche Metropole der Rückenoperationen.“

    Woran liegt das? Einfach daran, daß es in Fulda so wenig Menschen mit Rückgrat gibt. Die meisten hier kriechen und buckeln ihr Leben lang. Und das führt eben zu Rückenschmerzen.

    Da können wir nur froh sein, daß es hier eine so gut „florierende“ Rücken-OP Industrie gibt. Oder sollte man besser Mafia sagen? Aber das wäre gegenüber den armen Ärzten unfair. Die armen armen Ärzte, die so wenig verdienen. Auf denen darf man nicht herumtrampeln. Oder?

  2. Wenn man nun auch noch die Ankündigung eines Herrn AL…. auf seiner FB-Seite dazu sieht – denn künftig werden auch in der heimischen Zeitung und dem passenden Werbeblatt seine Thesen veröffentlicht – weiß der gescheite „OSTHESSE“, wo der Wind herweht. Was ist diese Region ein Sumpf. Aber dem geneigten Leser der osthessischen Medien – Sorry, dass ich das Wort Medien genannt habe – scheint es wirklich nicht zu jucken, was er für einen vorgekauten Mist präsentiert bekommt! Und das gilt nicht nur dafür. OH hat so gut wie kein eigenständiges Medium. fdi scheint hier die Ausnahme zusein.

  3. die gekauften in OH! das pfeifen doch die spatzen von den dächern. ist doch alles kein geheimnis mehr. ich generiere dort schon lange keinen klick mehr … werbemüll kann im wochenendblatt lesen wenn ich das will.

  4. „ON hat in dieser Angelegenheit um Stellungnahmen von Dr. Sami Al-Hami vom Neuro Spine Center im Münsterfeld, Dr. Michael Karl Eichler vom Wirbelsäulenzentrum Fulda/Main-Kinzig sowie von Professor Dr. Robert Behr vom Klinikum Fulda gebeten.“

    Der gestrige „Bericht“ in der FZ ist eine einzige Offenbarung über das „lukrative“ Geschäft mit den Kooperationsverträgen! FZ und ON wollen ihre Gesprächs- und Werbepartner ja nicht mit kritischen Fragen verärgern, deshalb werden die brisanten Themen ausgeklammert!

    Dass Kliniken Kooperationsverträge mit niedergelassenen Ärzten schließen, die ihren Patienten nicht nur eine OP empfehlen, sondern sie in diesen Kliniken auch selbst operieren und dafür eine üppige Beteiligung an den Klinikeinnahmen für die Behandlung erhalten, wird im FZ-Bericht natürlich nicht thematisiert.
    Die TV-Doku präsentiert beispielhaft einen vertraulichen Vertrag einer osthessischen Klinik mit zwei niedergelassenen Orthopäden. Ihnen gemeinsam wird hier für OPs ein Jahresverdienst von 500.000 Euro in Aussicht gestellt. Dazu kommen die Einnahmen aus der Praxis.

    Diese Kooperationsverträge sind doch das eigentlich skandalöse Problem des korrupten „OP-Booms“ in Osthessen, kosten sie doch vielen Patienten die Gesundheit!

  5. Folgende Frage? ON hatte den Film mit kritischen Anmerkungen von Prof. Behr angekündigt. Dieser Beitrag verschwandt nach der Sendung sofort von der Bildfläche. Es gab auch keinen Beitrag zum Film in ON. Weshalb nicht? Statt dessen wurde ein Pfleger von Dr. AH präsentiert. Thema also totgeschwiegen?
    Vielleicht, weil Dr AH ein guter Werbekunde ist? Aber was hätte Dr. AH denn überhaupt mit dem Thema zu tun?

  6. Dass sich nur Herr Prof. Dr. Behr vom Klinikum Fulda öffentlich äußert, ist bemerkenswert und verdient großen Respekt, zeigt es doch, dass er sich vom total korrupten System, auch hier in Fulda, deutlich distanziert und den Mut hat, das auch öffentlich zu bennen!

    Warum nimmt der Aufsichtsratsvorsitzende des Klinikums, Herr Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld keine Stellung!?

    Wir Bürger haben ein Recht auf ausführliche und wahrheitsgemäße Antworten der Verantwortlichen, auch wenn eine Aufdeckung evtl. Illegalität für diese vielleicht sehr unangenehm sein könnte!

    Durch unsere Steuergelder entlohnen wir diese Amtswalter und sind – quasi – deren Arbeitgeber! – Also – was hindert uns daran, denen mal auf den Zahn zu fühlen!

    Der investigative Journalismus hilft uns Bürgern mit der Aufdeckung solcher Skandale!

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