Für einen Moment könnte man meinen, Nils Milde fische in seinem Seelenleben. Das aber hat er nicht nötig. Er lebt es. Diszipliniert. Geradeaus. Wach. Organisiert. Strukturiert. Extrem ehrlich und glaubwürdig kommt der 51-jährige Lehrer der Jahn-Schule in Hünfeld daher. Milde ist auch Leichtathlet des Hünfelder SV. Und er hat Großes vor: In wenigen Tagen nimmt er an der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Südkorea teil. Er startet in der Altersklasse der 50- bis 54-Jährigen – in den Wettbewerben 3.000 Meter Hindernis, 5.000 Meter und „vielleicht der Staffel über 4×400 Meter“, wie er sagt.
Am Freitagabend geht sein Flieger. Um 19.40 Uhr von Frankfurt aus in die südkoreanische Hauptstadt Seoul. „Noch einmal umsteigen“ müsse er. Ein Inlandsflug nach Daegu, dem Ort der Wettkämpfe und mit fast 2,5 Millionen Einwohnern die viertgrößte Stadt des Landes. „Eigentlich war ich ja 800- und 1.500-Meter-Läufer“, erklärt Milde, „doch das Training dafür ist zu zeitaufwändig und zu intensiv“.
Ein grandioses Erlebnis steht ihm bevor. Wie er seine Chancen bei der WM in Asien sieht? Wie die Aussichten sind? „Ich trete mit der achtbesten Meldezeit an“, betont er. Im November vergangenen Jahres hatte er Rückenprobleme, bei einer Trampolin-Fortbildung hatte sich der Lehrer für Sport und Arbeitslehre einen Nerv eingeklemmt. Das zog sich bis Mitte Januar hin. Und Milde zapft Realitätsnähe und Gesundheit an. „Ich bin erst einmal total happy, dass ich seit Februar total schmerzfrei bin.“
Seine Zugangsvoraussetzungen und Erfahrungswerte sind sicher alles andere als übel. Im vergangenen Jahr war er Siebter der Europameisterschaft über 3.000 Meter Hindernis auf Madeira. Milde knackte seine persönliche Bestzeit – und den sage und schreibe 31 Jahre alten Hessischen Rekord. „Diese Zeit versuche ich jetzt anzugreifen“, setzt er sich ein ansprechendes Ziel. Wenn ich jetzt meine Zeit des letzten Jahres verbessere, ist das ein Super-Ergebnis. Gelingt mir das nochmal zu toppen, käme ich unter die ersten Acht.“
Überhaupt: Über internationale Wettkampf-Erfahrung verfügt er zuhauf. „Da hatte ich schon einige Wettkämpfe“, blickt Nils Milde zurück. Etwa 2010 im kanadischen Kamloops. Das ist in der Nähe des berühmten Vancouver. Dort wurde er auf Anhieb Weltmeister über 800 Meter und 1.500 Meter. „Da war ich in einer genialen Form“, erinnert er sich mit Stolz und einem Stückchen Wehmut. „Früher hatte ich eine Fernbeziehung. Da konnte ich trainieren, wie ich wollte.“ Milde, der in Bielefeld geboren wurde und in Paderborn studierte, kam vor zehn Jahren der Liebe wegen nach Osthessen. Heute wohnt er in Petersberg-Steinau – nur ein paar Kilometer sind es bis zu seinem Arbeitsplatz und zum Trainingsort Rhönkampfbahn. Mit einer Ärztin ist er verheiratet, beide haben siebenjährige Zwillinge. „Das kostet Verantwortung und viel Energie“, schiebt er nach.
Oder als Nils Milde, ebenfalls 2010, bei der EM in Ungarn an den Start ging. Auch da bewies er, was in ihm steckt. Er wurde Europameister über 800 Meter. Auch bei der WM im brasilianischen Porto Allegre war er dabei. Grandios sein Erfolg: Bronze über 3.000 Meter Hindernis. Oder er greift auf das Ziel in Kürze, dem südkoreanischen Daegu, zurück. Erstmals dort, nahm er indes an der Hallen-Konkurrenz teil.
Als Nils Milde vor knapp zehn Jahren nach Osthessen kam, trainierte er zwei Mädchen – oder weibliche Jugendliche. Einmal Maja Severloh, die er als 14-Jährige übernahm. Fünf Jahre dauerte die Zusammenarbeit an. Mit großem Erfolg: Maja wurde Zweite der Deutschen Meisterschaften – und Hessenmeisterin. Später studierte sie in Freising Landwirtschafts-Architektur. Und auch Marina Zachartschuk stand unter Mildes Anleitung. Über 400 Meter Hürden qualifizierte sie sich für „die Deutschen“; auch sie studierte, in Marburg. Erneut kramt der Mensch Milde etwas hervor. „Eine nette Erfahrung. Mit ihnen zur Deutschen Meisterschaft zu fahren und sie darauf vorzubereiten. Sie zu betreuen. Und auch zu trösten, wenn es einmal nicht so gut lief.“
Für die Leichtathltetik-Abteilung des Hünfelder SV startet er seit zwei Jahren. „Zuvor war ich für meinen alten Verein ASC Darmstadt aktiv. Wir hatten eine starke Staffel über 3×1.000 Meter Viermal in Folge wurde sie Deutscher Meister“, kratzt er in seiner Erinnerung. Zurück zum HSV. „Hier fühle ich mich pudelwohl. Rainer Hahn kümmert sich um alles. Alle sind fleißig und freundlich“, bemüht er eine kleine Wohlfühl-Oase. Oder auch nicht so klein. Eine Leichtathletik-Geschichte des Hünfelder SV zu schreiben und darin nicht Rainer Hahn zu erwähnen, das geht nicht. Ihm glückte ein genialer Schachzug, als er Nils Milde bat, schulübergreifend eine Talentfördergruppe mit ihm zu übernehmen – eine Zusammenarbeit zwischen Schule und Verein also. Eine fast perfekte Schnittstelle. Das Training dauert zwei Stunden und findet am Donnerstag statt, Hahn und Milde wechseln sich vertretungsweise ab am Nachmittag. Hahn weiß seinen Mitstreiter zu schätzen. Er greift gar in eine hohe Bewertungs-Skala, innerhalb derer man nichts hinzufügen muss. „Nils Milde lebt schlicht und ergreifend Leichtathletik.
In den wärmeren Monaten des Jahres kommt es schon mal häufiger vor, dass Nils vor seiner Arbeit und dem Schuldienst trainieren muss. Um 5 Uhr aufstehen und um 6 Uhr beim Training in der Rhönkampfbahn sein – das ist in solchen Fällen keine Seltenheit. Um acht Uhr zur Schule, „der Rest ist Familienzeit“, betont er. Überhaupt setzt er Prioritäten – und er lebt danach: „Erst kommt die Familie. Dann die Schule. Und dann der Sport.“ Um das zu unterstreichen, fügt er an: „Die Familie ist sehr wichtig. Meine Frau unterstützt mein Programm sehr gut. Und Zwillinge zu haben, ist auch von Vorteil, weil die sich gut mit sich selbst beschäftigen. Die ersten drei Jahre dagegen mit ihnen waren teilweise stressig.“
Der Sportler Nils Milde ist auch der Mensch Nils Milde. Das wurde in unserem Gespräch immer wieder deutlich. Wenn auch nur in Facetten. Erst am Tag vor unserem Termin kamen er und seine Familie aus dem Urlaub zurück. Aus den Dolomiten. Zunächst hielten sie sich etwas eine Woche in Natz oberhalb von Brixen auf, später am Kalterer See. Jetzt steht zumindest dem 51-Jährigen ein weiteres Erlebnis ins Haus. Die WM in Südkorea. Auch die soll ins Herz treffen. +++ rl

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