Das jüngste Beispiel des Ex-Barockstadt-Coaches Sedat Gören, der beim Nordost-Oberligisten VFC Plauen nach zehnmonatigem Engagement entlassen wurde, zeigt es: Wird auf Fußballtrainer keinen Wert mehr gelegt, hat das selten mit Respekt zu tun. Die kurze Stellungnahme des 1. Vorsitzenden des VFC, Thomas Fritzlar, drückte es zwar auf der Homepage des VFC aus, der Verein wolle die Entscheidung „mit Rücksicht auf Sedat Gören nicht im Detail erläutern“ - diese Worte aber klingen wie eine Zwangs- und Schutzbehauptung, derer sich viele Vereine bei solchen Entscheidungen entledigen. Wie ein Echo, das irgendwo an den Wänden eines Bergsees abprallt und in seinen Tiefen verschwindet. Schablonenhaft heißt es oft als Zugabe, „es habe nicht gepasst“ - und man wünsche dem Entlassenen für seine Zukunft alles Gute.
Die Zeiten sind vorbei, in denen an Fußballtrainer so leicht niemand drankam. Als sie eine Position hatten und ein Amt ausübten, das mit Respekt gefüllt war. An deren Worte und Arbeitsweise sich jeder im Verein orientierte, die Worte des Übungsleiters praktisch Gesetz waren. Kurzum: Als der Trainer die maßgebende Person war. Mancher mag jetzt sagen, die Zeiten haben sich halt geändert. Stimmt. Respekt im Umgang ist wenig bis nicht mehr angebracht, das Rütteln an einer Institution schon. Manchmal stellt sich die Frage, warum Trainer überhaupt noch eingestellt oder beschäftigt werden. Sollte man das nicht eher mittels einer Zeitungs-Annonce machen? Nach dem Motto „Wir bieten ein tolles Gehalt mit vielen Vergünstigungen. Mit einer Entlassung müssen Sie aber rechnen.“
Besonders schlimm ist es, dass diese Verhaltensmuster und Reflexe sich zunehmend auf die Gesellschaft und das wahre Leben übertragen. Das heißt, auch auf das Berufs- und Arbeitsleben. Immer mehr Möchtegern-Chefs verfahren ähnlich. Selbst sind menschliche Ausübungs-, Leit- und geschweige denn Vorlebe-Funktionen rar gesät oder mit der Lupe zu suchen - eine Personal-Entscheidung zu fällen, ist aber nicht weit. Und auch hier fragt man sich, wo Respekt wohnt. Oft arbeiten Sponsoren im Hintergrund an einer Entlassung - und auch wenn das Thema und die Verflechtungen und Abhängigkeiten von den Geldgebern altbekannt ist: Sie sollten sich, da sie in der Regel wenig Ahnung vom Sport haben, raushalten. Über den Werte-Verfall der Grundtugenden Respekt, Achtung und Anerkennung, auch von Hierarchien und Aufgabenbereichen, braucht sich niemand zu wundern. Auch bei sozialem Verhalten und Menschenführung einiger Firmen und Institutionen, in der Schule, der Erziehung oder anderen Grundmustern im späteren Leben ist das zu erkennen.
Schlimm auch, dass diese Reflexe nicht nur „oben“ stattfinden - nein, es färbt auch auf „unten“ ab. Viele Vereine, um in der Fußball- oder Sportsprache zu bleiben, nehmen sich dem an oder reagieren oder argumentieren in Entscheidungsfragen ähnlich. Auch im eher provinziellen Osthessen ist das so - und auch in dessen Berufsleben. Beispiele gab es in der jüngeren Vergangenheit zur Genüge. Doch bleiben wir bei der Kategorie „oben“. Dachte man früher, eine „Entlassung“ oder - wie hübsch verpackt, eine „Trennung“ - gäbe es nur in Phasen des „Miss-Erfolges“, oder „wenn es nicht läuft“, gehört das der Vergangenheit an. Oder es wird ab absurdum geführt. Ausflug in die Premier League, die beste Liga im internationalen Fußball und eine Art Premium-Produkt. So entließ Manchester United, ausgerechnet von der Trainer-Vorzeige-Figur Sir Alex Ferguson nach oben geführt, seinen portugiesischen Trainer Ruben Amorim - obwohl der dabei und auf bestem Wege war, das Team zu festigen - nur beenden durfte er den Prozess der Entwicklung und sein Projekt nicht. Oder Enzo Maresca vom FC Chelsea in derselben Liga. Die lagen auf Platz fünf - und der Italiener wurde „weggezaubert“. Den Vogel schoss jetzt Real Madrid ab, die „Galaktischen“, jener Verein, zu dem so viele junge Kicker wollen. Auf Platz zwei in der Primera Division liegend, erlaubte sich dieser elitäre Verein, den Ex-Leverkusener Coach Xabi Alonso, der Real im Herzen trägt, zu entlassen.
Arrigo Sacchi, italienischer Pressing-Papst und in einst Diensten von Real Madrid, bemerkte mal: „Wenn in Kolumbien ein Flugzeug abstürzt, ist für Florentino Perez der Trainer von Real Madrid schuld.“ Perez ist der steinreiche Präsident des Traditionsvereins aus der spanischen Hauptstadt. Und Jude Bellingham, Spieler Reals und früher bei Borussia Dortmund aktiv, legte dieser Tage gar den Finger in die Wunde. Ihm wurde von der Fußball-nahen, hübsch übertreibenden und aggressiven spanischen Presse vorgeworfen, zu den Spielern zu gehören, die nicht „an die Taktiken und Ideen des Trainers Xabi Alonso geglaubt hätten“. Bellinghams Reaktion: „Glaube nicht alles, was du liest. Irgendwann werden die Leute für die Verbreitung solcher schädlichen Fehlinformationen für Klicks und Kontroversen zur Verantwortung gezogen werden“. Mut hat er. Recht ebenso. Endlich hat sich einer getraut, die Wahrheit zu sagen. Und warum - ja warum nur - fühlt man sich bei dieser Aussage auch an Fulda erinnert?
Ja, aber das ist doch Profifußball, das ist doch eine andere Ebene, eine andere Bühne, mag man kontern. Das ist es wohl. Aber es ist erstaunlich, wie sich diese Missstände sowohl in der „großen Welt“ (ob in Manchester, Chelsea London oder Madrid) wiederfinden - wie auch in der eher „kleinen Welt“, zum Beispiel Osthessen. Es ist an der Zeit, dass sich Menschen existenzieller Werte erinnern, dass sie spüren, wer sie sind, woher sie kommen - und sich auch so verhalten. Nicht umsonst zählt die Nähe zum Bürger. Was spricht eigentlich dagegen, das Rad der Zeit zurück zu drehen? Den Mut und das Herz in die Hand zu nehmen? Fußball und Sport sind ja auch ein Ausschnitt und Abbild des wahren Lebens. Das zu schaffen, wäre an der Zeit. Sonst driftet die Gesellschaft immer mehr ab, spielt sie nur noch verrückt. Und sich der Werte-Verfall nicht fortsetzt. +++ rl

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