Künstliche Intelligenz verändert nicht nur die Art, wie Unternehmen arbeiten. Nach Einschätzung vieler Firmen in Deutschland könnte ihr Einsatz in den kommenden fünf Jahren auch auf die Höhe der Löhne durchschlagen – und zwar nicht unbedingt zugunsten der Beschäftigten. Besonders diejenigen, die erst wenige Jahre im Beruf stehen und keinen (Fach-)Hochschulabschluss haben, müssen nach den Erwartungen der Unternehmen mit einem sinkenden Einkommen rechnen. Das geht aus einer aktuellen Umfrage des ifo Instituts hervor.
Das Bild, das die Unternehmen zeichnen, ist dabei keineswegs einheitlich. KI wird offenbar nicht als gleichmäßiger Druck auf sämtliche Gehälter verstanden. Vielmehr hängt die erwartete Entwicklung davon ab, welche Qualifikation ein Beschäftigter mitbringt und wie lange er bereits im Berufsleben steht. Gerade bei den weniger erfahrenen Arbeitskräften fällt der Blick der Unternehmen allerdings auffallend häufig nach unten. Etwa jedes zweite Unternehmen, das bereits KI einsetzt, rechnet bei Beschäftigten mit weniger als fünf Jahren Berufserfahrung mit niedrigeren Löhnen. Bei Arbeitskräften, die mindestens fünf Jahre Berufserfahrung haben, erwarten rund 40 Prozent Lohnkürzungen.
Gleichzeitig geht ein erheblicher Teil der Unternehmen davon aus, dass die Löhne stabil bleiben. Je nach Qualifikation der Beschäftigten erwartet ein Drittel bis die Hälfte der Unternehmen keine Veränderung. „Künstliche Intelligenz wird aus Sicht vieler Unternehmen die Löhne nicht für alle Beschäftigten gleichermaßen beeinflussen“, sagt ifo-Forscherin Anna Ruffert. „Am ehesten rechnen sie bei weniger erfahrenen Arbeitskräften mit sinkenden Löhnen.“ Darin steckt ein bemerkenswerter Befund: Die Einführung neuer technischer Möglichkeiten wird von den Unternehmen nicht allein als Produktivitätsgewinn gesehen, sondern offenbar auch als Faktor, der den Wert bestimmter Tätigkeiten am Arbeitsmarkt verändern könnte.
Besonders deutlich zeigt sich diese Erwartung bei den Dienstleistern. Unter den Unternehmen dieser Branche rechnen 53,3 Prozent bei Beschäftigten mit kürzerer Berufserfahrung mit sinkenden Löhnen. Bei denjenigen, die länger als fünf Jahre im Beruf sind, liegt der Anteil bei 44,2 Prozent. Im Handel erwarten 47,9 Prozent beziehungsweise 41,3 Prozent niedrigere Löhne. Im Verarbeitenden Gewerbe sind es 46,5 Prozent bei kürzerer und 38,9 Prozent bei längerer Berufserfahrung. Weniger ausgeprägt ist diese Erwartung im Baugewerbe. Dort rechnen 39 Prozent der Unternehmen bei Beschäftigten mit kürzerer Berufserfahrung mit sinkenden Löhnen, bei längerer Berufserfahrung sind es 31,3 Prozent. Die Angaben beziehen sich jeweils auf Beschäftigte ohne (Fach-)Hochschulabschluss.
Ein Hochschulabschluss schützt nach den Erwartungen der Unternehmen allerdings nicht grundsätzlich vor einem negativen Lohneffekt durch KI. Bei Beschäftigten mit einem (Fach-)Hochschulabschluss verändern sich die Erwartungen für sinkende Löhne kaum. Zugleich öffnet sich für diese Gruppe jedoch eine andere Perspektive: Die Unternehmen sehen deutlich häufiger die Möglichkeit steigender Einkommen. Besonders dann, wenn formale Qualifikation und längere Berufserfahrung zusammentreffen.
Bei Beschäftigten mit einem (Fach-)Hochschulabschluss und mehr als fünf Jahren Berufserfahrung erwarten 26 Prozent der Unternehmen einen positiven Effekt des KI-Einsatzes auf die Löhne. Selbst bei kürzerer Berufserfahrung sehen noch 16,3 Prozent der Unternehmen eine Verbesserung des Gehalts. Der Abstand zu den weniger qualifizierten und weniger erfahrenen Beschäftigten ist erheblich. Bei Niedrigqualifizierten mit kurzer Berufserfahrung liegt der Anteil der Unternehmen, die einen positiven Lohneffekt erwarten, lediglich bei 5,9 Prozent.
„Für Arbeitskräfte mit formalen Abschlüssen – besonders in Kombination mit längerer Berufserfahrung – halten Unternehmen häufiger positive Lohneffekte durch KI für möglich“, sagt Ruffert. Die Zahlen deuten damit auf eine Verschiebung hin, bei der nicht allein die Frage entscheidend ist, ob KI einen Arbeitsplatz verändert, sondern auch, welche Kenntnisse und Erfahrungen ein Beschäftigter in diese Veränderung einbringen kann. Während Unternehmen bei einem Teil der Arbeitskräfte offenbar Einsparpotenziale sehen, verbinden sie den Einsatz der Technologie bei höher qualifizierten und erfahreneren Beschäftigten häufiger mit der Aussicht auf höhere Einkommen.
Besonders markant ist dieser Unterschied im Baugewerbe. Unter den KI-nutzenden Bauunternehmen erwarten 24,0 Prozent bei höherqualifizierten Beschäftigten mit kurzer Berufserfahrung steigende Löhne. Bei einer Berufserfahrung von mehr als fünf Jahren steigt dieser Anteil auf 29,8 Prozent. Bei den Dienstleistern liegen die entsprechenden Werte bei 14,9 Prozent und 27,3 Prozent. Im Handel sind es 15,9 Prozent bei kürzerer und 24,9 Prozent bei längerer Berufserfahrung. Im Verarbeitenden Gewerbe erwarten 15,6 Prozent der Unternehmen bei höherqualifizierten Beschäftigten mit kurzer Berufserfahrung steigende Löhne, bei längerer Berufserfahrung sind es 24,2 Prozent.
Damit zeichnet die Umfrage ein Arbeitsbild, in dem Künstliche Intelligenz nicht schlicht als Gewinner- oder Verlierertechnologie erscheint. Die möglichen Folgen verteilen sich vielmehr entlang von Qualifikation und Berufserfahrung. Wer über einen formalen Abschluss verfügt und zugleich bereits mehrere Jahre Berufserfahrung gesammelt hat, wird von Unternehmen deutlich häufiger als jemand wahrgenommen, dessen Arbeit durch den Einsatz von KI an Wert gewinnen kann. Für weniger qualifizierte und jüngere Arbeitskräfte fällt die Erwartung dagegen wesentlich zurückhaltender aus.
Die Zahlen stammen aus der ifo Konjunkturumfrage im Juni 2026. Befragt wurden mehr als 3.000 Unternehmen in Deutschland, die KI bereits nutzen. Ihre Einschätzungen geben damit keinen tatsächlichen Nachweis darüber, wie sich Löhne in den kommenden fünf Jahren entwickeln werden. Sie zeigen vielmehr, welche Erwartungen bei den Unternehmen bestehen, die die Technologie bereits einsetzen und ihre möglichen Folgen für die Arbeitswelt aus eigener Erfahrung beurteilen können. Gerade diese Erwartungen machen die Ergebnisse bemerkenswert: Für einen Teil der Beschäftigten verbindet sich der technologische Wandel aus Sicht der Unternehmen mit der Aussicht auf höhere Einkommen. Für andere steht dagegen die Möglichkeit sinkender Löhne im Raum – und besonders häufig trifft diese Einschätzung diejenigen, die am Anfang ihres Berufslebens stehen. +++

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