Hünfelder SV – Anlehnen an der Säule der großen HSV-Familie

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Aaron Gadermann. Foto: privat

Es war der Moment, an dem jeder Anlehnung brauchte. An der dicken Säule der großen HSV-Familie. Fassungslosigkeit machte sich breit nach der 1:2-Heimniederlage der Hünfelder gegen Eintracht Stadtallendorf in der Fußball-Hessenliga. Dicke Fassungslosigkeit. Etwas, das nicht zu greifen war. Gepaart mit Unverständnis. Tiefem Unverständnis. Das Spiel aus den Händen gegeben zu haben. Vielmehr aber auch war es die Art und Weise, wie dies geschah. Der HSV wollte nach dem Jahresabschluss ein positives Gefühl mitnehmen in die Winterpause. Und lange sah es auch danach aus.

Nach einer ersten Halbzeit, bei der manche nur physisch anwesend waren, hatte sich der HSV aufgerafft. War der Gastgeber im Spiel mit Ball zuvor gar nicht existent – trat er plötzlich beherzt auf. Stellte sich den Zweikämpfen, nahm sie an – und gewann viele davon. Präsenz zeigte Hünfeld endlich in seinem Heimspiel: Hier bin ich. Ich will das Spiel gewinnen. Erstes Lebenszeichen war der aufsetzende Freistoß des zur Pause eingewechselten Trägler (51.). Später eroberte sich Pressing-Spieler Simon den Ball im gegnerischen Strafraum, schloss auch ab – aber zu zentral (65.). Ein Fröhlich-Abschluss wurde zudem geblockt. Doch es kam besser – und Stadtallendorf mag sich gefragt haben, wo bin ich hier eigentlich?

71 Minuten waren gespielt, da schlug der HSV zu. Leon Zöll machte das, was er oft tut – und gerne. Er trat eine Ecke, Maxi Fröhlich verlängerte die per Kopf – ehe Innenverteidiger Aaron Gadermann am langen Pfosten zum 1:0 traf. Und seinem Team ein gehöriges Stückchen Erlösung verschaffte. Ein breites und langgezogenes Raunen war in der Rhönkampfbahn hör- und spürbar. Hünfeld hatte ein Spiel gedreht, vielmehr auf seine Seite gezogen. Fußball ist auch und vor allem Arbeit. Zusammen und füreinander einstehen. Wie im richtigen Leben eben. Hinzu kam ein Moment der Gänsehaut: Nach 80 Minuten kam Thore Hütsch ins Spiel. Der Margretenhauner Hütsch, zuvor im Steinbacher Mühlengrund aktiv und lange unter Matthias Wilde in der aufstrebenden Jugend des FV Horas. Eine eklige und langwierige Schambein-Entzündung hatte Hütsch ein Stoppschild gesetzt und es ihm vermehrt, seither für den HSV zu kicken.

Doch da auch Fußball ein Spiel ist, traten unvorhergesehene Dinge ein. Erstmals im zweiten Abschnitt meldete sich Stadtallendorf nach gut 80 Minuten in torgefährlichen Räumen zu Wort. Nach vertikalem Anspiel kam der noch bedrängte Schütze im Strafraum nicht so recht zum Abschluss (83.). Indessen: die Nachspielzeit kam ja noch. Und mit ihr Unfassbares. Zunächst versuchte es Kassa in einer versprechenden Kontersituation fast von der Mittellinie aus. Machte noch nichts – obwohl zwei Mitspieler bereit waren, mitgenommen zu werden.

Kaum war eine Minute vorüber – da vergaben der eingewechselte Jan-Niklas Herr und Marcel Trägler eine wesentlich vielversprechendere Kontersituation. Die aber hätten sie besser ausspielen müssen. Das taktische Verhalten schmerzte. Und diese Situation nicht genutzt zu haben, tat weh. Denn im Gegenzug – das Spiel war nicht unterbrochen – erarbeitete sich Stadtallendorf mit dem Mut der Verzweiflung eine Ecke. Oder anders ausgedrückt: Dem HSV gelang es nicht, das Spiel beim nicht eben tollen Flutlicht vom eigenen Tor wegzuhalten. Der Ecke folgte eine Kopfball-Verlängerung – und ausgerechnet Schütze, der zuvor einiges hatte liegen lassen im Abschluss, traf aus Nahdistanz zum 1:1. 90.+3. Mehr noch, und alle Momente eines griechischen Dramas mussten Platz machen jetzt. Plötzlich kam Gäste-Kicker Kilian Parson im Strafraum an den Ball – und aus der Drehung traf er flach in Hünfelds Tor. Ober besser gesagt: in das HSV-Herz. Alle, die es mit dem Gastgeber hielten, waren stumm und entsetzt. So, als hätte man ihnen die Sprache geklaut. Bei der Eintracht war der Rest nur Jubel.

Denn deren Sieg war aufgrund der Leistung und Chancen in der ersten Hälfte alles andere als unverdient. Klarer und strukturierter wirkte das Spiel im Aufbau. Im letzten Drittel war es weder gut noch zielführend, lange prägten vertikale Anspiele auf den hoch aufgeschossenen Zentrum-Stürmer Lindenthal das Vorgehen. Ehe eine Führung zur Pause dicke gerechtfertigt gewesen wäre: nach Chancen für Schütze, als HSV-Keeper Boureanu klasse abwehrte (34.), Steins Abschluss-Pech, als Gadermann in letzter Konsequenz rettete (38.) – und Schütze einen tiefen Kopfball aus Nahdistanz nicht unterbrachte; eine Chance, die man eigentlich gar nicht vergeben kann.

Der HSV indessen hatte ein Spiel aus der Hand gegeben, das er niemals hätte verlieren dürfen. Auch mit taktisch fadem Beigeschmack. Das nasskalte Wetter, das bei jedem in die Kleidung kroch, tat ein Übriges. Jeder suchte jetzt Halt an der dicken Säule der großen Familie des Hünfelder SV.

Hünfelder SV: Boureanu – Häuser, Dücker, Gadermann, Zöll – Kocak (46. Kemmerzell), Simon, Vogler (81. Hütsch), Kassa (90. Herr), Lindemann (46. Trägler), Fröhlich

Eintracht Stadtallendorf: Schneider – Juwara (85. Onyekwere), Rindernecht, Bremer (59. Parson), Funk, Schütze, Heuser, Berninger-Bosshammer, Stein (64. Trümner), Lindenthal, Hinzmann

Schiedsrichter: Kevin Steinmann

Tore: 1:0 Aaron Gadermann (72.), 1:1 Arne Schütze (90.+3), 1:2 Kilian Parson (90.+4) +++ rl


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