Ein Abend in der Rhönkampfbahn, an dem Biss, Spielglück und Effektivität nur stille Begleiter waren

Im Abschluss glücklos: Jemal Kassa. Foto: privat

Wie das Wetter, so auch das Spiel. Hin und wieder hört man sie, die Botschaften und Bemerkungen, die Sportplatz-Besucher nach Fußballspielen halt so machen. Da ist was dran, wenn man die Hessenliga-Partie des Hünfelder SV gegen Rot-Weiß Walldorf gesehen hat. Sie endete torlos. Und das nicht so ganz ohne Grund. Denn verlässt man das Feld der Oberflächlichkeit und widmet sich ein Stückchen der Bewertung und Analyse, dann bleibt mehr hängen von diesem tristen Abend in der Rhönkampfbahn. Wichtigstes Merkmal aber: Spannend war das Duell bis zur letzten Sekunde.

Um es aus Hünfelder Sicht beim Namen zu nennen: Der Biss in Abschluss-Handlungen fehlte – der Biss überhaupt, oftmals zielgerichtet und entschlossen in die Box zu kommen. Man könnte auch sagen, der „letzte Pass“. Mit dem einhergehend auch die Effektivität im Tor-Abschluss. Pech hatten die HSV-Kicker oft dabei. Denn ihre Torchancen oder die „verkappten“ hätten ausgereicht, um mehr als ein Spiel zu gewinnen.

Alleine in der ersten Hälfte waren es deren fünf Situationen. Und eigentlich immer war „Kreativsocke“ Jemal Kassa daran beteiligt. Gleich zur Einordnung: Kassa war fast immer anspielbar, ließ sich als „Zehner“ oft fallen, um den Ball abzuholen, zu initiieren oder zu seinen Dribblings anzusetzen. Oft kam er an den Strafraum oder dort hinein, viel Pech im Abschluss kam hinzu – flüssiges Mannschaftsspiel aber sieht etwas anders aus. Nehmen wir auch Luca Uth mit. Der lieferte als offensiv ausgerichteter Sechser wieder ein Laufpensum ab, das weit und breit seinesgleichen sucht; was er als Box-to-box-Spieler leistet, ist unglaublich. Manchmal hat man den Eindruck, dass er keine Abnehmer, keine Adressaten findet im HSV-Spiel. Oder zu wenig.

Die genannten Situationen. Zunächst zog Kassa in die Box ein, war aber zu leicht zu verteidigen (17.). Dein war der Angriffszug, als Lindemann auf Costa Sabate legte, der klatschen ließ, Kassa aber im letzten Moment geblockt wurde (23.). Oder sich Kassa gut Eins-gegen-eins durchsetzte, in die Box zog, sein Abschluss aber übers Tor ging (26.). Zwei Minuten später ließ der HSV das Herz des geneigten Fußballers anklopfen: Nach einem Einwurf in der eigenen Hälfte leitete Uth zu Kassa weiter, der nahm „Linde“ mit, dessen Flanke an den langen Pfosten Costa Sabate etwas zu schwierig abschloss. Nochmals führte Kassa Dribbling in die Box, der „Zehner“ ließ sich dort indessen etwas weit raus- und vom Tor wegtreiben (41.).

Kein Wort zum Gästeteam? Oh, doch. Walldorf verdiente sich den Punktgewinn. Mit einer Spur Glück, aber erarbeitet war das. Und in der Schlussphase hätte gar mehr herausspringen. Vor allem in der ersten Hälfte stand das Team gut und kompakt, verteidigte als Mannschaft gut, das Defensivverhalten war stimmig – Walldorf war bemüht, Hünfelds Spiel vom Tor wegzuhalten. Bei eigenem Ballbesitz hätte mehr gehen können. Hier und da fehlten Mut und Entschlossenheit. Aber das Team war ja nicht als Favorit angetreten und sammelte einen weiteren Punkt. Zudem hätte Walldorf mit der ersten echten Chance des Spiels in Führung gehen können: Fabian Manganiellos Linksschuss von der Strafraumgrenze strich nur knapp vorbei (19.).

Der Gast aber bot durchaus Räume zwischen den Linien an – Hünfelds Aufbauspiel war aber zu langsam, um das zu nutzen; gutes Pass-Spiel im Aufbau sieht anders aus. Das Spiel mit Ball war auf HSV-Seite in Halbzeit eins defizitär, die Anspiele mussten schneller, präziser und härter kommen. All das deckt sich damit, dass Fußball auf Kunstrasen halt ein anderes Spiel ist. Vertikale Läufe fehlten im ersten Abschnitt auf beiden Seiten.

Mit Beginn von Halbzeit zwei schien es, als würde sich der HSV besser in Spiel und Aufgabe reinarbeiten. Mehr Mut. Mehr Bei-Sich-Sein. Höheres Tempo. Vor allem Lindemann schaltete sich über die linke Seite immer wieder ins Spiel nach vorne ein. Allerdings hätte er hier und da einige Male noch konsequenter von seiner Außenposition nach innen ziehen dürfen. Der neue Schwung schlug sich in drei Möglichkeiten binnen vier Minuten nieder. Kassa war nach Uths lnagem Ball in einer Eins-gegen-eins-Situation, die keine wurde, nicht entschlossen genug am Strafraumeck (55.), und Maxi Fröhlich hatte Pech, als sein Abschluss knapp am langen Eck vorbeiging (57.). Das fehlende Spielglück klebte dem HSV erneut am Trikot, als Lindemanns Abschluss missriet (59.) – und das fußballerisch toll anzusehende Muster sah so aus: „Linde“ leitete selbst ein, spielte Doppelpass mit Fröhlich, Linde bewies Übersicht für Räume und nahm Costa Sabate mit, der rechts raus legte – und Hünfelds Flanke erwischte Linde nicht richtig (59.).

Doch im zweiten Abschnitt der zweiten Halbzeit meldete sich Walldorf zurück – und das Duell nahm zunehmend den Spannungsfaden auf. Zunächst hatte der HSV Glück, als Hendrik Sexauer beim Abschluss in der Box beim nunmehr glitschigen Untergrund wegrutschte (67.) – und ein Gästespieler nach Hünfelds defizitärem Verteidigen zum Kopfball kam (69.). Das Geschehen wechselte nun. Nochmals boten sich dem HSV zwei Gelegenheiten: Der eingewechselte Witkowski erreichte Fröhlichs Flanke nicht ganz (74.), und der Abschluss des glücklosen Kassa zu schwach geriet (76.).

Eine Spur Glück aber begleitete den HSV in den Schlussminuten. Walldorf initiierte noch einmal drei Gelegenheiten. Nach einer Ball-Eroberung fehlte das präzise Anspiel in die Box (79.), musste Hünfeld erneut etwas bangen, nachdem Ataka einen Freistoß an den zweiten Pfosten getreten hatte und der HSV den Ersten Ball nicht bekam (81.) – und der Ditanzschuss des eingewechselten Zerouali knapp drüber ging.

Nach dem Abpfiff blieben auf den ersten Blick schmucklose Erkenntnisse. Der Hünfelder SV hatte einen weiteren Punkt geholt – 16 sind es jetzt nach sieben Spielen, eine Zwischenbilanz, die sich sehen lassen kann. Walldorf sammelte seinen vierten Zähler ein. Und das beim Tabellenführer. Und in einer Lage, in der sich das Team zunächst mit dem oft benutzten Sprachbild des Mit-dem-Rücken-zur Wand-Stehens befindet. Erkenntnisse eines eher tristen Abends in der Rhönkampfbahn. Oder anders ausgedrückt: Ist das Wetter wieder besser, gibt es auch besseren Fußball. Der HSV reist am Sonntag nächster Woche nach Kassel. Zum CSC in die Auewiesen.

Hünfelder SV: Maul – Häuser, Dücker, Banh (67. Göbel), Lindemann – Paliatka, Uth – Kümmel (67.Witkowski), Kassa, Fröhlich – Costa Sabate

Rot-Weiß Walldorf: Grün – Kishi, Boujerad, Ataka, Niklas Meyer (73. Tanaka), Sexauer (58. Zerouali), Weil (46. Meyer), Zhakishev, Manganiello (80. Wanner), Enders, Riedl

Schiedsrichter: Jannis Jäschke

Tore: keine +++ rl


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