Der Abend, der in die Vereinsgeschichte des Hünfelder SV eingehen wird

Aaron Gadermann
Aaron Gadermann

Es spricht viel dafür, dass dieser 22. August 2025 in der Vereinsgeschichte der Fußball-Abteilung des Hünfelder SV eingehen wird. Weißt du noch, als der Bartosz Witkowski zehn Minuten vor Schluss eingewechselt wurde und zum 1:1 eindonnerte? Weißt du noch, als Aaron Gadermann fast mit Ende der regulären Spielzeit eingewechselt wurde - und dann mit dem Kopf zum 2:1-Sieg gegen Fernwald traf? So oder so ähnlich könnte es heißen. Nicht nur heute. Nicht nur morgen. Irgendwann in der Zukunft.

„Du musst auf mich spielen“, sagte Gadermann, der in seiner Jugend schon so manches Tor für den HSV erzielt hatte. Er meinte Leon Zöll, der ihm den entscheidenden Eckball als Scorer-Punkt zu seinem Tor maßgerecht serviert hatte. „Beschreiben kann man das nicht“, schob Gadermann nach, ob er sein Glücksgefühl wiedergeben könne. Und eine Aussage, die Symbolkraft besitzt: „Das zeichnet uns aus, dass wir Spiele verändern können.“ Er spricht den Teamgeist an im in dieser Saison gut bestückten Kader. „Im Training hat man es schwer. Keiner kann sich ausruhen. Jeder performt. Und muss das auch.“ Es war bereits Gadermanns drittes Saisontor - alle mit dem Kopf.

„Wir haben ein so wildes Spiel erwartet“, sagte er noch. Vielleicht trifft es abwechslungsreich, spannend, gutklassig, einem Abnutzungskampf zweier Top-Vertretungen der Hessenliga ähnelnd. Denn das war der Vergleich - trotz nicht eben vieler Torchancen. Es war einer auf Augenhöhe. Von Beginn an. Man hatte das Gefühl, dass der HSV besser reinfand. Gut sah es stets aus, wenn er im Aufbau und im Spiel nach vorn Geschwindigkeit und Tempo aufnahm, bisweilen auch durch Direktspiel - im heutigen Fußballdeutsch heißt das ja One-Touch-Football. Das Manko aber: Der Pass ins letzte Drittel aber kam oft nicht an. Schon gar nicht in die Box. Dennoch: „Jemo“ Kassa hätte nach acht Minuten das 1:0 machen müssen. Jonas Simon roch einen Pass des Gegners im Spielaufbau, spielte steil auf Marcel Trägler, dessen präzise Eingabe von links erreichte Kassa, der aber aussichtsreich an Gästekeeper Tolga Sahin scheiterte.

Dass sich der HSV mit Offensivaktionen im ersten Abschnitt schwertat, lag natürlich nicht zuletzt am Gegner. Fernwald zeigte seine Substanz in der Rhönkampfbahn und hinterließ einen starken Eindruck - spielerisch, kompakt und homogen als Mannschaft. Der Ex-Barockstädter Johannes Hofmann ragte zumindest eine Halbzeit lang heraus: als „abkippender Sechser“ holte er viele Bälle ab, er war Spiritus rector und Dreh- und Angelpunkt seines Teams im Aufbau. Wenn er nicht die Fäden in der Hand hielt an diesem Abend, wer dann? Doch auch Linksaußen Isaac Abeselom oder der physisch starke Innenverteidiger Julian Bender, an dem sich „Maschine“ Trägler die Zähne ausbiss, spielten stark.

Dass Fernwald nach knapp 40 Minuten in Führung ging, war so unverdient nicht. Zuvor hatten es Abeselom (29.) und Hofmann, der an Burgers vertikalen Ball nicht ganz herankam (32.) angedeutet. Und dann das: Hünfeld verlor im Bemühen, schnell und mit Tempo anzugreifen in einer Umschaltaktion, den Ball - und der Gast nutzte das fußballerisch sehenswert. Die fixe Kontersituation erreichte Abeselom, der links von der Grundlinie scharf nach innen gab - und Felix Hahn traf technisch stark zum 0:1. Nur: Wie der HSV in dieser Situation verteidigte, das geht gar nicht. Ballverlust: kann passieren. Absicherung der Aktion: wo war sie? Verteidigen mit dem Rücken zum Tor: scheußlich für einen Fußballer.

Doch der HSV antwortete. Er wusste, dass es im zweiten Abschnitt (nur) über Kampf ging. Dass er den Kontrahenten zu Fehlern zwingen musste. Ein rasantes Kampfspiel entwickelte sich. Natürlich unterliefen Hünfeld mehrere Ungenauigkeiten im Aufbau, mangelte es vor allem den Zuschauern auf der Tribüne an Geduld. Dass diese Abspielfehler indessen unter Bedrängnis passierten, war mehr oder weniger normal. Jedes der beiden Teams kämpfte um jeden Zentimeter. Nach einer Stunde gab‘s einen „Max-Tausch“: Lindemann, der erstmals mehr Minuten erhielt, sich aber einer für ihn eher ungeliebten Außenposition annehmen musste, kam für Vogler. Glück hatte der HSV bei der einzig nachhaltigen Offensivaktion der Gäste im zweiten Abschnitt: Kohsude Tsoda, der nach der Pause in die Position des linken Verteidigers schlüpfte, bediente über links Philipp Cloos mit einer präzisen Eingabe, der aber erwischte die Kugel nicht optimal - das heißt, HSV-Keeper Jannis Maul bekam die Hand runter und wehrte reflexartig ab (68.).

Was dann kam, bezeichnete Hünfelds Trainer Johannes Helmke später als „Input ins Spiel bringen“. Er meinte die beiden Einwechslungen. Ihre Geschichte ist bekannt. Wobei auch Bartosz Witkowski durchaus beeindruckte und seinem Ex-Trainer Andreas Herzberg, der auf der Tribüne saß, ein Lachen auf seine Fußball-Seele gezaubert haben dürfte. In der ersten Aktion nach seiner Einwechslung setzte Witkowski zum Dribbling und zur Beschleunigung auf engem Raum an, schlug einen Haken - und zog aufs kurze Eck ab. Doch Sahin passte auf. Ehe der Ex-Eiterfelder mit seiner zweiten Aktion zum 1:1 traf. Und Gadermanns Anekdote, mit ausreichend Glücks-Hormonen bedacht, ist bekannt.

Zurück blieb ein Sieg des Teamgeistes, den der Hünfelder SV gezeigt hatte. Kommen wir aber - ob Hollywood-reife Episode, weitergehenden Wahnsinn oder was auch immer - zurück auf den Boden. Denn der Sieg, so schön er war in seinen letzten Sekunden und den jeder auf seinem Nachhauseweg begleitete, bringt drei Punkte. Nicht mehr. Und nicht weniger. Das werden die Verantwortlichen des HSV verinnerlichen und beherzigen. Dennoch spricht einiges dafür, dass dieser Freitagabend in die Vereinsgeschichte des Hünfelder SV, Abteilung Fußball, eingehen wird.

Hünfelder SV: Maul - Zentgraf, Dücker, Witte (72. Witkowski), Zöll - Kemmerzell (74. Häuser), Simon (79. Kocak) - Vogler (61. Lindemann), Kassa - Paliatka, Trägler (90. Gadermann)

Fernwald: Sahin - Fischer, Bender, Furkert, Burger, Hofmann, Tsuda, Sedy (79. Krasniq), Hahn (90.+2 Kurtz), Cloos (72. Woiwod), Abeselom

Schiedsrichter: Tim Wiesner

Tore: 0:1 Felix Hahn (38.), 1:1 Bartosz Witkowski (84.), 2:1 Aaron Gadermann (90.) +++ rl


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