Bischof Gerber wirbt beim Katholikentag für demokratische Haltung und gesellschaftlichen Zusammenhalt

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Zusammenhalt wächst dort, wo Menschen zuhören, Haltung zeigen und Verantwortung füreinander übernehmen: Diese Linie betonte Bischof Dr. Michael Gerber bei der Diskussion „Gespaltene Gesellschaft, geeinte Haltung“ beim Katholikentag in Würzburg. Im Gespräch mit Elke Büdenbender sprach Gerber unter anderem über Erfahrungsräume, Werteordnung und gesellschaftliche Verantwortung.

Beim 104. Deutschen Katholikentag in Würzburg hat der Fuldaer Bischof Michael Gerber für mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt, demokratische Gesprächskultur und klare Werte geworben. Unter dem Titel „Gespaltene Gesellschaft, geeinte Haltung“ diskutierte Gerber gemeinsam mit Elke Büdenbender, dem Politikwissenschaftler Marcel Lewandowsky und der Bildungsexpertin Frieda Himstedt über Polarisierung, Demokratie und den gesellschaftlichen Umgang mit Krisen. Unter den Zuhörenden befand sich auch Frank-Walter Steinmeier.

Das Interesse an der Veranstaltung war groß. Zeitweise konnten keine weiteren Besucherinnen und Besucher mehr in die evangelische Kirche St. Johannis in Würzburg eingelassen werden. Mehr als 800 Menschen verfolgten die Diskussion.

Gerber betonte, gesellschaftlicher Zusammenhalt entstehe nicht abstrakt, sondern dort, wo Menschen konkrete Erfahrungen von Verantwortung und Selbstwirksamkeit machten. Gerade Kirche müsse Räume schaffen, in denen Menschen Würde erleben und Verantwortung für andere übernehmen könnten. In Krisenzeiten komme es darauf an, sich nicht über Kränkungen und Verlusterfahrungen zu definieren, sondern über das Potenzial, das jedem Menschen geschenkt sei.

Als Beispiele nannte der Fuldaer Bischof ehrenamtliches Engagement beim Katholikentag sowie die bevorstehende „72-Minuten-Aktion“ im Zusammenhang mit dem bundesweiten Ehrentag zum Geburtstag des Grundgesetzes, den Bundespräsident Steinmeier ausgerufen hat. Menschen müssten erleben, dass es sich lohne, sich für andere einzusetzen, sagte Gerber. Solche Erfahrungen könnten helfen, über die eigene Gruppe hinauszudenken und gesellschaftliche Verantwortung konkreter wahrzunehmen.

Der Politikwissenschaftler Lewandowsky widersprach der Vorstellung einer vollständig polarisierten Gesellschaft. In vielen Sachfragen liege die Gesellschaft näher beieinander als häufig angenommen. Problematisch sei vielmehr eine zunehmende „affektive Polarisierung“, bei der gesellschaftliche Gruppen sich gegenseitig stark abwerteten und voneinander abschotteten. Viele Menschen nähmen Politik und Gesellschaft dauerhaft als krisenhaft wahr und hätten den Eindruck, politische Institutionen könnten Probleme nicht mehr lösen. Populistische Bewegungen griffen diese Gefühle gezielt auf.

Elke Büdenbender warb dafür, einander zuzuhören und im Gespräch zu bleiben. Haltung zu zeigen bedeute auch, andere Menschen ernst zu nehmen und ihre Erfahrungen zu verstehen, sagte sie. Mit Blick auf soziale Netzwerke sprach sie sich dafür aus, digitale Plattformen stärker in die Verantwortung zu nehmen. Freiheit bedeute immer auch Verantwortung für andere und für das gesellschaftliche Zusammenleben.

Frieda Himstedt hob die Bedeutung politischer Bildung hervor. Zuhören müsse ebenso eingeübt werden wie die Fähigkeit, menschenfeindlichen Positionen zu widersprechen, ohne jede Beziehung abzubrechen. Menschen könne man annehmen, ohne populistische Aussagen unwidersprochen zu lassen, sagte sie.

Mit Blick auf rechtspopulistische Positionen machte Gerber deutlich, dass aus christlicher Sicht die Ordnung der Werte entscheidend sei. Menschenwürde, soziale Gerechtigkeit und Verantwortung über das eigene Kollektiv hinaus seien universale Werte. Anliegen wie Heimat oder Sicherheit könnten ebenfalls wichtig sein, dürften jedoch nicht an erster Stelle stehen. „Schutz der Heimat vor Fremden ist kein universaler Wert“, sagte Gerber. Wenn ein solcher Gedanke zum obersten Maßstab werde, rückten universale Werte in den Hintergrund.

Darin liege für ihn ein „kategorialer Unterschied“ zu rechtspopulistischen Positionen. Zwischen demokratischen Parteien gebe es trotz unterschiedlicher Schwerpunkte gemeinsame Anknüpfungspunkte und ein Ringen um soziale Gerechtigkeit, Menschenwürde und Verantwortung. Wo jedoch Abschottung und Ausgrenzung an die Stelle universaler Verantwortung träten, gehe es um eine andere Form des Dialogs.

Die Deutsche Bischofskonferenz habe sich in dieser Frage bewusst klar positioniert, sagte Gerber. Trotz unterschiedlicher Einschätzungen in anderen Themenfeldern gebe es dabei eine gemeinsame und einstimmig getragene Linie.

Auch innerhalb der Kirche gebe es Erfahrungen von Verlust und tiefgreifenden Veränderungen, sagte der Bischof mit Blick auf notwendige Strukturreformen in den Gemeinden. Gerade in solchen Situationen stelle sich neu die Frage nach dem Auftrag von Kirche und christlichem Glauben in der Gesellschaft. Mit Blick auf das bevorstehende Pfingstfest warb Gerber dafür, nicht in Angst oder Abschottung zu verharren. Christlicher Glaube bedeute, Verantwortung zu übernehmen und sich für das Gemeinwohl einzusetzen.

Veranstaltet wurde das Podium von der Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke in der Bundesrepublik Deutschland, der Arbeitsgemeinschaft katholischer Akademien in Deutschland sowie der Katholischen Erwachsenenbildung Deutschlands. Begrüßt wurden die Teilnehmenden unter anderem von Gunter Geiger, dem Vorsitzenden der AKSB. Moderiert wurde die Diskussion von Katja Sinko. Fragen und Impulse aus dem Publikum brachten AKSB-Geschäftsführerin Andrea Rühmann und Niklas Wagner in die Debatte ein. +++


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