Bischof Dr. Michael Gerber hat zum Jahresschluss im Fuldaer Dom dazu aufgerufen, Verantwortung nicht auf den eigenen sozialen, politischen oder kirchlichen Kreis zu begrenzen. Angesichts zunehmender Polarisierung und Entsolidarisierung in Deutschland und weltweit brauche es einen Perspektivwechsel hin zu Gemeinwohl und Menschenrechten, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz für Migration. Zugleich kündigte Gerber für das Bistum Fulda einen mehrjährigen Klärungsprozess an, in dem Aufgaben und Kräfte neu gebündelt werden sollen. Dabei werde es notwendig sein, sich von einzelnen Bereichen zu trennen und zugleich Zukunftsfelder gezielt zu stärken, um den kirchlichen Auftrag als Zeichen der Einheit und im Dienst des Gemeinwohls auch künftig verlässlich erfüllen zu können.
Das Jahr 2025 habe negative Entwicklungen weiter verstärkt, sagte Gerber. „Polarisierungen in unserem Land und weltweit haben zugenommen. Wir erleben massive Prozesse der Entsolidarisierung.“ Als Beispiele nannte er den Rückgang der Entwicklungshilfe sowie die wachsende Unsicherheit internationaler Partnerschaften zwischen Völkern und Staaten.
Angesichts der Vielzahl politischer, wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Herausforderungen befinde sich die Menschheit insgesamt in einer großen Stress-Situation, sagte der Bischof. In solchen Lagen sei ein Rückzug ins Eigene nachvollziehbar. „Stress schweißt die Herde zusammen, nach außen zeigt der Einzelne, zeigt die Herde eher Abwehrreaktionen.“ Gerade diese Dynamik sei jedoch gefährlich, betonte Gerber. Die großen sozialen, ökonomischen und ökologischen Fragen ließen sich heute nur noch aus einer globalen Perspektive lösen.
Zur Begründung verwies Gerber auf den Soziologen Hans Joas, der von einem „moralischen Universalismus“ spreche. Darunter sei die Fähigkeit und Bereitschaft zu verstehen, ein Geschehen aus der Perspektive anderer zu betrachten und Handlungen danach zu bewerten, welche Folgen sie für Menschen hätten, die nicht zum eigenen Kollektiv gehörten. Nationale Lösungsansätze griffen aus Sicht des Bischofs zu kurz, da die Welt inzwischen in hohem Maße miteinander verflochten sei.
Einen solchen Perspektivwechsel sah Gerber bereits in der biblischen Tradition angelegt. Im Buch Jesaja werde eine Zeit großen Drucks und kollektiver Verwundung beschrieben, in der sich zugleich das Gottesverständnis Israels weite. „Unser Gott ist auch der Gott der anderen Völker, unser Gott ist auch der Gott, der für die anderen Völker sorgt“, sagte Gerber. Daraus ergebe sich eine neue Sicht auf zunächst fremde Menschen. Diese Weite werde im Neuen Testament aufgegriffen, etwa in der Erzählung von den Weisen aus dem Morgenland, die Menschen unterschiedlicher Herkunft in einem gemeinsamen Bekenntnis zusammenführe.
Auch die Kirche selbst stehe unter erheblichem Druck, sagte der Bischof. In dieser Situation liege es nahe, die vorhandenen Kräfte auf den eigenen innerkirchlichen Bereich zu konzentrieren. Diese Versuchung beschrieb er mit den Worten: „Make catholic church great again.“ Das Zweite Vatikanische Konzil habe jedoch bewusst einen anderen Weg eingeschlagen. Gerber zitierte aus der Kirchenkonstitution Lumen Gentium, wonach die Kirche in Christus „gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ sei.
Für das Bistum Fulda ergebe sich daraus ein Klärungsprozess in den kommenden Jahren. Es müsse neu bestimmt werden, welches Profil der kirchliche Sendungsauftrag heute habe, sagte Gerber. Gemeinsam mit den zuständigen Gremien werde zu entscheiden sein, wo Aufgaben aufgegeben und wo neue Schwerpunkte gesetzt werden. Maßgeblich seien dabei zwei Leitfragen: was Menschen helfe, eine tiefere Beziehung zu Gott zu finden, und was dazu beitrage, dass Menschen einander näherkämen.
Dabei gehe es nicht um Rückzug, sondern um Konzentration auf tragfähige Strukturen, sagte der Bischof. Ziel sei es, Kräfte zu bündeln, Verantwortung zu teilen und dort gezielt zu stärken, wo Menschen Orientierung, Gemeinschaft und konkrete Hilfe fänden.
Zum Übergang ins neue Jahr benannte Gerber mehrere Haltungen, die Orientierung geben könnten. Dazu zählten eine nüchterne Analyse der Situation, das Benennen von Grenzen, die Bereitschaft, den Reichtum des Anderen zu entdecken, das Eingehen breiterer Allianzen sowie eine konsequente Ausrichtung am Gemeinwohl. Diese Haltung sei weder naiv noch resigniert, sondern fördere Verantwortungsbewusstsein und Handlungsfähigkeit.
Die Bedeutung nüchterner Analyse habe er persönlich neu erfahren, sagte Gerber mit Blick auf seine eigene Erkrankung. Ende Juni war bei ihm Krebs diagnostiziert worden. „Nur eine nüchterne Analyse kann Heilung ermöglichen.“ Wo Menschen mit sogenannten alternativen Fakten oder stark vereinfachenden Erklärungen argumentierten, sei kritisches Nachfragen notwendig, etwa nach den zugrunde liegenden Quellen und deren Glaubwürdigkeit.
Aus einem Gespräch während seiner Rehabilitationszeit berichtete Gerber von einer christlichen Schule für geflüchtete Kinder, die klare Grenzen setze. Kulturelle Vielfalt bedeute nicht, gegenüber toxischen Tendenzen blind zu sein. Zugleich sei es wichtig, den Reichtum von Menschen wahrzunehmen, die anders seien. Eine taubstumme und nahezu blinde Physiotherapeutin habe ihm dazu gesagt: „Du schaust zu oft auf das Defizit eines Menschen, auf das, was er oder sie nicht bringt.“
Der Bischof sprach sich zudem für neue Allianzen aus, auch mit Partnern, die zunächst fremd erscheinen könnten. Angesichts der Bedrohung von Freiheit und demokratischer Ordnung brauche es eine breitere Allianz von Kräften, für die universelle Menschenrechte zentral seien. Zugleich betonte er die Verantwortung jedes Einzelnen. Christen lebten aus dem Glauben, dass das Wesentliche bereits von Gott geschenkt sei. Daraus erwachse die Freiheit, nicht ängstlich auf das Eigene zu schauen, sondern Talente großzügig einzubringen. Dies stärke die Bereitschaft, Zeit, Fähigkeiten und Engagement in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen.
Hoffnung verstand Gerber nicht als Rückzug ins Private, sondern als Kraftquelle, die einen nüchternen Blick auf die Realität ermögliche und Verantwortung über den eigenen Kreis hinaus trage. Zum Abschluss stellte er ein Wort aus Jesaja 40,31 an den Beginn des neuen Jahres: „Die aber auf den Herrn hoffen, empfangen neue Kraft, wie Adlern wachsen ihnen Flügel. Sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und werden nicht matt.“
Bereits an Weihnachten hatte Gerber im Fuldaer Dom zentrale Aspekte dieser Perspektive aufgegriffen. In der Christmette am Heiligen Abend sprach er persönlich über seine Krebserkrankung sowie über unveräußerliche Würde und das Angenommensein des Menschen. Am ersten Weihnachtsfeiertag betonte er die Konkretheit des weihnachtlichen Glaubens und widersprach der Abwertung von Empathie als Schwäche.
Der Gottesdienst zum Jahresschluss am Vorabend des Hochfestes der Gottesmutter Maria wurde im Fuldaer Dom festlich musikalisch gestaltet. Der Domchor, der JugendKathedralChor sowie ehemalige Chormitglieder wirkten mit. Die musikalische Leitung hatte Domkapellmeister Franz-Peter Huber. An der Domorgel spielte Domorganist Max Deisenroth, an der Chororgel Ulrich Moormann. Weitere Informationen sind auf der Internetseite des Bistums Fulda abrufbar. +++

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