Mit neuen Förderangeboten, zusätzlichen Instrumenten zur individuellen Unterstützung und einem weiteren Ausbau des Ganztags startet Hessen in das Schuljahr 2026/2027. Trotz der angespannten Finanzlage will die Landesregierung zugleich neue Bildungsvorhaben auf den Weg bringen. Im Mittelpunkt stehen dabei bessere Grundkompetenzen in Mathematik und Deutsch, eine stärker datengestützte Unterrichtsentwicklung und die Umsetzung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung.
Bildungsminister Armin Schwarz (CDU) verbindet den Start des neuen Schuljahres mit dem Anspruch, Verlässlichkeit und Veränderungen miteinander zu verbinden. „Wir verbinden Innovation und Dynamik mit einem realistischen Blick und der Verantwortung für die bestmögliche Bildung unserer Kinder“, erklärte Schwarz. Auf die Landesregierung könnten sich die Eltern auch in herausfordernden Zeiten verlassen. Als Beleg für den eingeschlagenen Kurs verwies der Minister darauf, dass Hessen inzwischen das Land mit den wenigsten Schulabbrechern sei.
Mehrere Vorhaben, die in den vergangenen Monaten vorbereitet wurden, erreichen mit dem neuen Schuljahr den Schulalltag. Dazu gehören eine zusätzliche Deutschstunde in allen zweiten Klassen, die Einführung von Smartphone-Schutzzonen und eine stärkere Verankerung von Werte- und Demokratiebildung. Gleichzeitig beginnt ein umfangreiches Pilotprojekt, mit dem neue pädagogische Konzepte, Technologien und Organisationsformen zunächst in einem begrenzten Rahmen erprobt werden sollen.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Nutzung von Daten für eine individuellere Förderung. Hessen will zunächst im Fach Mathematik erproben, wie Informationen über die schulischen Leistungen von Schülerinnen und Schülern genutzt werden können, um Lehrkräfte bei der gezielteren Gestaltung ihres Unterrichts zu unterstützen. Insgesamt 60 Pilotschulen nehmen in diesem Schuljahr an dem Vorhaben teil. 30 Schulen waren bereits im Frühjahr gestartet und hatten nach Angaben des Landes eine positive Resonanz gezeigt.
An den Pilotschulen wird das bisherige Verfahren der Lernstandserhebungen ausgeweitet. Statt der bislang zwei verpflichtenden Erhebungen in der dritten und achten Klasse in verschiedenen Fächern sollen dort fünf Lernstandserhebungen in der dritten, vierten, fünften, achten und neunten Klasse durchgeführt werden. Im Mittelpunkt steht zunächst Mathematik. Ergänzend erhalten die Schulen digitale Diagnose- und Förderinstrumente wie das Lernsystem „bettermarks“ oder den „Mathe sicher können – Online-Check“. Die zusätzlichen Rückmeldungen sollen den Lehrkräften helfen, Lernstände genauer einzuschätzen und daraus konkrete Fördermaßnahmen abzuleiten. Der Grundsatz des Projekts lautet dabei: keine Diagnostik ohne Förderung.
Für die neue Form der datengestützten Unterrichts- und Schulentwicklung werden derzeit Schulaufsicht, Schulleitungen und Lehrkräfte qualifiziert. Begleitet wird das Projekt durch den wissenschaftlichen Austausch mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen, darunter die Rheinland-Pfälzische Universität in Landau, die Deutsche Akademie für Pädagogische Führungskräfte an der TU Dortmund und das Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation. Die datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung ist seit dem 1. August im hessischen Schulgesetz verankert. Die Pilotphase soll bis zum Ende des Schuljahres 2026/2027 laufen. Eine begleitende Evaluation soll anschließend die Grundlage für eine mögliche Ausweitung bilden.
Auch beim Lernen mit digitalen Werkzeugen setzt Hessen auf eine stärkere Verbindung von Diagnose und individueller Förderung. Nach dem Start an ersten Schulen im Mai wird die Nutzung des Online-Lernsystems „bettermarks“ für Mathematik ausgeweitet. Das System wurde um Möglichkeiten zur Lernstandserhebung ergänzt und kann in verschiedenen Unterrichtsphasen eingesetzt werden. Aufgaben lassen sich an unterschiedliche Lernstände anpassen, Schülerinnen und Schüler erhalten unmittelbare Rückmeldungen und können in ihrem eigenen Tempo arbeiten. Auch für den Vorbereitungsdienst junger Lehrkräfte soll „bettermarks“ künftig über die Studienseminare der Lehrkräfteakademie eingesetzt werden.
In Deutsch soll die Förderung der Lesekompetenz eine zusätzliche feste Säule bekommen. Zum zweiten Schulhalbjahr beginnt an 100 Grundschulen die Erprobung einer täglichen Lesezeit für die Jahrgangsstufen drei und vier. Dafür sind jeweils 20 bis 25 Minuten vorgesehen. Die Schulen können selbst entscheiden, wann sie die Lesezeit in den Tagesablauf integrieren. Sie ist nicht an den Deutschunterricht gebunden und soll mit speziellen Materialien umgesetzt werden. Neben den Lesefertigkeiten soll auch die Lesemotivation der Kinder gestärkt werden.
Eine weitere große Aufgabe liegt im Ganztag. Zum Beginn des neuen Schuljahres startet der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung zunächst für die ersten Klassen. Das Land bringt für umfassende Ganztagsangebote insgesamt 5.750 Lehrkräftestellen ein, davon 370 zum kommenden Schuljahr. Dafür werden rund 300 Millionen Euro bereitgestellt. Nach Angaben des Landes sind die Schulen aufgrund des frühzeitigen Ausbaus gut auf die neue Situation vorbereitet. 96 Prozent der öffentlichen Schulen arbeiten inzwischen im Ganztagsprogramm des Landes, bei den Grundschulen liegt der Anteil bei 97 Prozent. Auf dieser Grundlage geht die Landesregierung davon aus, dass jedem Erstklässler, dessen Eltern einen Ganztagsplatz wünschen, ein entsprechendes Angebot gemacht werden kann.
Der Ganztag soll dabei mehr sein als eine Betreuung über die reguläre Unterrichtszeit hinaus. Im Mittelpunkt stehen neben Deutsch und Mathematik auch Medienbildung, der Umgang mit Künstlicher Intelligenz, Wertevermittlung und die Auseinandersetzung mit Antisemitismus. Gesundheit, Bewegung, Ernährung und psychische Gesundheit gehören ebenso zu den Themen wie Kooperationen mit Kultur- und Sportvereinen.
Das bisher erprobte Pilotprojekt „Digitale Welt“ wird in diesem Schuljahr in den Ganztag überführt und steht damit allen Schulen als Angebot offen. Für Lehrkräfte soll die Unterstützung bei der Umsetzung ausgebaut werden. Gemeinsam mit der Goethe-Universität Frankfurt wurde dafür eine zentrale Unterrichtsplattform entwickelt, die den Schulen die Einführung und praktische Umsetzung erleichtern soll.
Bei der Unterrichtsversorgung sieht das Land Hessen ebenfalls eine stabile Situation. Fast 67.000 Lehrkräfte arbeiten an den Schulen. Gleichzeitig wurden die Investitionen in Bildung um 370 Millionen Euro auf insgesamt 6,2 Milliarden Euro erhöht. Rund 1.200 neu ausgebildete Lehrkräfte beginnen ihren Dienst an den Schulen. Weitere 3.850 Lehrkräfte befinden sich derzeit im Referendariat. Hinzu kommen erfahrene Kräfte, die durch die Einstellung von Pensionärinnen und Pensionären, verlängerte Dienstzeiten, eine Aufstockung von Teilzeit oder Teilzeit während der Elternzeit gewonnen werden konnten. Allein für dieses Schuljahr entspricht dies einem Umfang von mehr als 820 Stellen.
Für den Grundunterricht stehen in Hessen 40.950 Lehrkräftestellen zur Verfügung. Darüber hinaus kommen 15.750 Stellen für ein breites Netz von Fördermaßnahmen hinzu, das bis in den Ganztag reicht. Dieser zusätzliche Umfang entspricht einem Aufschlag von 38,5 Prozent auf die Grundversorgung und soll unmittelbar den Schülerinnen und Schülern zugutekommen. Darin enthalten sind unter anderem 3.400 Stellen für die Deutschförderung, 3.050 Stellen für sonderpädagogische Unterstützung, 1.140 Stellen für sozialpädagogische Begleitung und 350 Stellen nach Sozialindex. Das Finanzvolumen dieses Fördernetzes liegt bei mehr als einer Milliarde Euro jährlich.
Gerade bei der Deutschförderung hat das Land in den vergangenen Jahren zusätzlich Personal aufgebaut. Innerhalb von fünf Jahren kamen mehr als 700 Stellen hinzu, ohne dass dabei die Investitionen in die Deutsch-Intensivklassen für geflüchtete oder zugewanderte Kinder berücksichtigt sind. Auch im Ganztag und bei der Förderung von Kindern wurden in diesem Zeitraum fast 1.800 Stellen zusätzlich geschaffen. 370 davon kommen zum kommenden Schuljahr hinzu. Insgesamt stehen damit 5.750 Stellen für den Ganztag zur Verfügung. Die Gesamtzahl der Lehrkräftestellen bleibt mit rund 61.600 auf einem hohen Niveau.
Neben den großen Reformvorhaben kommen im neuen Schuljahr weitere Angebote hinzu. An ersten Schulen beginnt der konfessionell-kooperative Religionsunterricht. Evangelische und katholische Schülerinnen und Schüler lernen dabei gemeinsam und beschäftigen sich sowohl mit den Gemeinsamkeiten als auch mit den Unterschieden der beiden Konfessionen.
Auch das neue Schulgesundheitsmobil soll direkt an den Schulen ansetzen. Es ergänzt die Angebote des Hessischen Kompetenzzentrums Gesunde Schule und unterstützt Lehrkräfte und schulisches Personal vor Ort unter anderem bei Fragen der mentalen Gesundheit, Bewegung, Ernährung und Gesundheitsvorsorge.
Bei der Wiederbelebung setzt das Land ebenfalls auf eine möglichst frühe Vermittlung praktischer Kenntnisse. An mehr als 560 weiterführenden Schulen haben Schülerinnen und Schüler bereits gelernt, wie sie im Notfall einen Menschen wiederbeleben können. Bis zum Ende des Schuljahres sollen seit Beginn des Projekts voraussichtlich rund 120.000 Jugendliche erreicht werden. Künftig sollen alle Jugendlichen in Hessen in der Jahrgangsstufe sieben Wiederbelebungsunterricht erhalten.
Das Angebot der Jugendoffiziere der Bundeswehr wird ebenfalls ausgeweitet. Im Schuljahr 2025/2026 nahmen rund 8.300 Schülerinnen und Schüler an Vorträgen zur politischen Bildung und an Planspielen teil. Mit zahlreichen Schulen bestehen regelmäßige Kooperationen. Für Schulen insbesondere im ländlichen Raum bleibt zudem der Kulturbus bestehen, der kostenlose Fahrten zu kulturellen Einrichtungen, Orten und Gedenkstätten in Hessen ermöglicht.
Insgesamt steigt die Zahl der Schülerinnen und Schüler im neuen Schuljahr auf rund 809.000. Im vergangenen Jahr waren es 803.000. Rund 58.400 Kinder werden in die erste Klasse eingeschult, nach 57.970 im Jahr 2025. An den öffentlichen Schulen in Hessen arbeiten rund 67.000 Lehrkräfte. 1.808 öffentliche Schulen gibt es im Land.
Bei den verpflichtenden Deutschkursen vor der Einschulung rechnet Hessen mit rund 17.000 Kindern. Im vergangenen Jahr waren es 17.442. Die Zahl der zugewanderten und geflüchteten Kinder und Jugendlichen in Intensivklassen zur Deutschförderung wird für das neue Schuljahr auf 13.000 bis 15.000 prognostiziert, nachdem 2025/2026 rund 21.300 Kinder und Jugendliche entsprechende Angebote besucht hatten. Der Anteil der öffentlichen Schulen mit Ganztagsangeboten steigt nach Angaben des Landes von 87 Prozent im Jahr 2025 auf nun 96 Prozent.
Das neue Schuljahr beginnt damit für Hessen mit einem Mix aus Ausbau und Erprobung. Während zusätzliche Angebote bereits in den Unterricht und Ganztag einziehen, werden andere Vorhaben zunächst an ausgewählten Schulen getestet. Die Landesregierung will dabei vor allem die Grundkompetenzen stärken und zugleich genauer erkennen, wo einzelne Schülerinnen und Schüler Unterstützung benötigen. Das angekündigte Bildungspaket, das weitere Impulse für zentrale Bereiche setzen soll, wird derzeit noch abgestimmt und soll in der zweiten Hälfte der Legislaturperiode und darüber hinaus wirksam werden. +++

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