Goodyear-Gelände in Fulda: Zukunft entsteht nicht durch Nostalgie, sondern durch kluge Entscheidungen

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Industriegeschichte verpflichtet – aber sie darf eine Stadt nicht lähmen. Das ehemalige Goodyear-Gelände in Fulda ist dafür das beste Beispiel. Mit dem Erwerb des rund 16 Hektar großen Areals hat die Stadt weit mehr getan, als eine große Industriefläche zu kaufen. Sie hat Verantwortung übernommen – für die Vergangenheit ebenso wie für die Zukunft. Genau darin liegt die eigentliche Bedeutung dieses Projekts.

Das Gelände erzählt noch immer von einer Zeit, in der mehr als 125 Jahre Reifenproduktion den Standort prägten und Generationen von Beschäftigten hier ihren Lebensunterhalt verdienten. Wer heute durch die Hallen geht, begegnet den Spuren dieser industriellen Vergangenheit auf Schritt und Tritt. Der Geruch von Kautschuk ist noch wahrnehmbar, Maschinen stehen weiterhin im Heizhaus, das denkmalgeschützte Verwaltungsgebäude und das markante Heizhaus erinnern an eine Epoche, die Fulda wirtschaftlich und gesellschaftlich geprägt hat. Dass diese Bauwerke erhalten werden sollen, ist deshalb weit mehr als klassische Denkmalpflege. Es ist das klare Signal, Geschichte nicht zu beseitigen, sondern ihr einen Platz in der Zukunft zu geben.

Doch Erinnerung allein schafft keine Perspektiven. Genau deshalb überzeugt der eingeschlagene Weg grundsätzlich. Die Überlegung, das historische Heizhaus künftig als Event-Location zu nutzen, steht beispielhaft für den Wandel, den viele ehemalige Industriestandorte erfolgreich vollzogen haben. Gebäude verlieren ihren Wert nicht mit dem Ende ihrer ursprünglichen Nutzung. Im Gegenteil: Industriearchitektur kann zu einem Ort der Begegnung werden, Kultur ermöglichen und einem Quartier eine neue Identität verleihen. Gleichzeitig wäre es ein Fehler, sich allein auf solche Symbolprojekte zu verlassen. Eine Veranstaltungshalle kann Impulse setzen, sie ersetzt jedoch kein tragfähiges Stadtentwicklungskonzept.

„Bestreben, solides gewerbliches Interesse hierher zu überführen“

Die eigentliche Chance liegt deshalb in der geplanten Mischung unterschiedlicher Nutzungen. Die Stadt verfolgt das Ziel, Arbeitsplätze zu erhalten wie neue zu schaffen, Unternehmen anzusiedeln und gleichzeitig Freizeit- sowie Sportangebote zu etablieren. Auch eine Padel-Tennis-Anlage gehört zu den diskutierten Möglichkeiten. Bereits heute gebe es täglich branchenübergreifend Anfragen berichtet Julian Rudolf, von der Stadtkämmerei des Magistrats der Stadt Fulda. Mit ihm sind viele weitere Veranwtortliche aus nahezu allen Fachämtern der unterschiedlichen Dezernate bei der Stadt eingebunden, verdeutlicht Fuldas Stadtbaurat und Magistratsmitglied Daniel Schreiner (parteilos) beim gestrigen, ersten exklusiven Pressenrundgang, nachdem die Stadt Fulda Anfang Juli 2026 in Besitz des rund 17 Hektar großen Areals gekommen ist, ausgeübt hatte. Ebenso ist die Stadt in Besitz eines kleineren Parkplatzes zur Seite der Michael-Henkel-Straße unweit des kommunalen Klinikums hin gekommen. Welche Konzepte letztlich umgesetzt werden, ist bewusst noch offen. Unterschiedliche Grundstückszuschnitte, die nach Aussagen von Stadtbaurat Schreiner im zweitstelligen Millionenbereich beziffert werden, und Verkehrsanbindungen werden derzeit geprüft. Gerade diese Offenheit sollte nicht als Unsicherheit missverstanden werden. Sie zeigt vielmehr, dass Stadtentwicklung kein starres Konzept ist, sondern ein Prozess, der wirtschaftliche Anforderungen mit städtebaulicher Qualität in Einklang bringen muss.

Wer allerdings nur über spätere Nutzungen spricht, unterschätzt die eigentliche Herausforderung. Bevor auf dem Gelände überhaupt gebaut werden kann, beginnt die Arbeit im Verborgenen. Gebäude müssen digital erfasst, unterirdische Leitungen dokumentiert und Verkehrsgutachten erstellt werden. Hinzu kommen Untersuchungen möglicher Altlasten. Wobei Gummi-Abrieb keine Schadstoffbelastung ist. Zwar rechnet die Stadt nicht mit gravierenden Belastungen, dennoch können im Bereich ehemaliger Tankstellen, Lagerflächen oder entlang der Bahntrasse Rückstände früherer Nutzungen oder alte Ölfässer nicht ausgeschlossen werden, bekundet Stadtbaurat Schreiner. Nach Einschätzung der Verantwortlichen wurden im eigentlichen Gummibetrieb hingegen keine besonders problematischen Stoffe eingesetzt. Ebenso selbstverständlich gehört die Suche nach möglichen Blindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg zu den notwendigen Vorarbeiten. Weil Fulda bombardiert wurde, ist diese Untersuchung unverzichtbar, auch wenn Stadtbaurat Daniel Schreiner größere Funde aufgrund der jahrzehntelangen Überbauung des Geländes eher für unwahrscheinlich hält. Gerade diese wenig spektakulären Schritte zeigen, wie Stadtentwicklung tatsächlich funktioniert. Sie beginnt nicht mit dem ersten Spatenstich, sondern mit Vermessungen, Gutachten, Analysen und sorgfältiger Planung. Das mag weniger Aufmerksamkeit erzeugen als große Visionen, entscheidet aber darüber, ob aus einer Idee am Ende ein funktionierendes Quartier entsteht. Wer nachhaltige Stadtentwicklung fordert, muss deshalb auch die notwendige Geduld akzeptieren.

Fokus auf Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen

Das gilt ebenso für den Zeitplan. Wie schnell sich das Gelände entwickelt, hängt maßgeblich davon ab, wann geeignete Investoren und Nutzer gefunden werden. Gelingt dies kurzfristig, kann die Entwicklung entsprechend schneller voranschreiten. Andernfalls rechnet die Stadt zunächst mit einer zwei- bis dreijährigen Planungs- und Erschließungsphase. Insgesamt dürfte die Transformation des ehemaligen Werksgeländes rund zehn Jahre in Anspruch nehmen. Das klingt nach einer langen Zeit. Tatsächlich spricht dieser Zeitraum jedoch eher für sorgfältige Planung als für mangelnden Fortschritt. Große Stadtentwicklungsprojekte entstehen nicht über Nacht, sondern wachsen Schritt für Schritt. Schreiner: „Wir sind bestrebt, solides gewerbliches Interesse hierherzuführen.“ Der Stadtbaurat berichtet, als sich das Areal noch in Privatbesitz befand, wenig Interesse bekundet wurde. Das sei nun anders. Seit dem die Stadt in Besitz des weitläufigen Geländes ist, erreiche die Stadt täglich Anfragen aus der gesamten Bundesrepublik, was die Stadt freue, wenn es auch eine Aufgabe sei, dieser sich die Stadt nun stellen muss. Fuldas Bürgermeister Dag Wehner (CDU) ergänzt: „Unser Fokus liegt auf der Schaffung, Erhaltung von Arbeitsplätzen, die im ersten Schritt weggefallen sind. Wir wollen auf langer Sicht an diesem Standort selbstverständlich wieder Arbeitsplätze etablieren.“ Dass Steuereinnahmen hier eine große Rolle spielen, versteht sich von selbst.

Dass hinter all diesen Planungen weit mehr steckt als Flächen, Gebäude und Investitionen, zeigt die Geschichte von Jörg Happ. Er arbeitete 26 Jahre auf dem Gelände – zunächst in der Produktion, später als Gerätewart bei der Werksfeuerwehr. Nach der Werksschließung begleitete er den Rückbau der Anlagen, heute ist er Hausmeister bei der Stadt Fulda. Seine Rückkehr an den ehemaligen Arbeitsplatz war für ihn sichtlich emotional. Seine Hoffnung, dass auf dem Gelände wieder etwas „Anständiges“ entsteht, macht deutlich, worum es bei diesem Projekt tatsächlich geht. Ebenso wurde unser Rundgang von einem Passanten auf der anderen Seite des Zaunes beobachtet. Er hält inne und kommt mit uns ins Gespräch. 30 Jahre habe er „in der Gummi“ gearbeitet. Dass das Werk geschlossen wurde, stimmt ihn für einen Moment sentimental. Zumindest sei die Parkplatzsituation um das Areal jetzt sehr viel besser geworden, spaßt er. Bürgermeister Dag Wehner und Stadtbaurat Schreiner wünschten ihm „Alles Gute!“. Wir setzten unseren Rundgang in Richtung Maschinenräume fort. Elektrizität ist noch vorhanden und man vernimmt ein leises Surren von den Stromakkus, die gekühlt werden müssen.

Stadtentwicklung betrifft nicht nur Gebäude und Infrastruktur. Sie tangiert Geschichten, Erinnerungen, Biografien von vielen Arbeitnehmern, die im Werk viele Jahre ihre Schicht verübten, sowie das Selbstverständnis einer ganzen Stadt. Genau deshalb darf das ehemalige Goodyear-Gelände weder zu einem Freilichtmuseum der Industriegeschichte noch zu einer austauschbaren Gewerbefläche ohne Identität werden. Die eigentliche Aufgabe besteht darin, Vergangenheit und Zukunft miteinander zu verbinden. Historische Gebäude zu bewahren, neue Unternehmen anzusiedeln, Arbeitsplätze zu schaffen und zugleich Raum für Freizeit und Begegnung zu entwickeln – nur dieses Zusammenspiel kann dem Areal, das derzeit streng videoüberwacht wird, dauerhaft neues Leben geben. Die Voraussetzungen dafür sind vorhanden. Jetzt kommt es darauf an, den begonnenen Weg konsequent weiterzugehen. Wenn wirtschaftliche Vernunft, städtebauliche Qualität und der Respekt vor der Geschichte gleichermaßen berücksichtigt werden, kann auf dem ehemaligen Goodyear-Gelände weit mehr entstehen als ein neues Gewerbegebiet. Fulda hat die Chance, ein Quartier zu schaffen, das als Beispiel für gelungene Transformation weit über die Region hinaus Beachtung findet. Eines hat der Rundgang gezeigt: Das Gelände hat großes Potenzial, etwas Neues zu schaffen. Diese Chance sollte die Stadt nutzen. +++


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