Ein unscheinbares Medizinprodukt könnte schon bald eine Schlüsselrolle in der Versorgung von Neugeborenen spielen: Eine Forschungsgruppe um den Kinderkardiologen Jannos Siaplaouras von der Hochschule Fulda arbeitet gemeinsam mit Partnern an einer intelligenten Nabelklemme, die Vitalwerte automatisch überwacht und im Ernstfall Alarm schlägt. Für das Projekt „InNa – Intelligente Nabelklemme“ stellt das Land Hessen nun fast 950.000 Euro bereit.
Überreicht wurde der Förderbescheid in der vergangenen Woche von Digitalministerin Kristina Sinemus. Beteiligt ist neben der Hochschule Fulda auch das Kompetenzzentrum für Informationstechnologie an der Technischen Hochschule Mittelhessen in Friedberg. Dort bringt insbesondere das Team um Wirtschaftsinformatiker Michael Guckert seine Expertise in Künstlicher Intelligenz ein.
Die Idee hinter dem Projekt ist ebenso einfach wie weitreichend: Während die Nabelklemme bislang lediglich den Blutfluss nach der Geburt unterbindet, soll sie künftig zusätzlich als drahtloses Frühwarnsystem dienen. Ausgestattet mit Sensoren erfasst sie wichtige Vitalparameter wie Zwerchfellbewegungen und den Puls der Aorta. Weichen diese Werte vom Normalbereich ab, gibt das System selbstständig Alarm. Anders als bisher wäre eine kontinuierliche Überwachung damit nicht mehr nur kranken, sondern auch gesunden Neugeborenen vorbehalten.
Die Forscher reagieren damit auf eine Lücke in der bisherigen Praxis. Zwar ist Monitoring ein zentraler Bestandteil der Neonatologie, doch im Alltag wird es routinemäßig meist nur bei auffälligen Fällen eingesetzt. Gleichzeitig erschweren verkabelte Systeme häufig den Umgang mit den Säuglingen – ein Problem, das die kabellose Nabelklemme lösen soll.
Ein Prototyp existiert bereits. Bis zum Ende der Projektlaufzeit im September 2027 soll daraus ein marktreifes Produkt entstehen. Geplant ist, die Technologie anschließend in Form eines Spin-offs aus der Hochschule heraus auf den Markt zu bringen.
Über die reine Gesundheitsüberwachung hinaus bietet das System zusätzliche Funktionen: So kann ein definierter Bewegungsradius hinterlegt werden. Verlässt das Baby diesen Bereich, wird ebenfalls ein Alarm ausgelöst. Zudem erleichtert die Technik die Lokalisierung eines Säuglings im Klinikalltag und soll helfen, Verwechslungen zu verhindern.
Für die Beteiligten liegt darin nicht nur ein medizinischer Fortschritt, sondern auch eine Antwort auf strukturelle Herausforderungen im Gesundheitswesen. Angesichts von Fachkräftemangel und steigenden Kosten könne die intelligente Nabelklemme dazu beitragen, Personal zu entlasten und die Versorgungsqualität gleichzeitig zu verbessern, betont Guckert.
Das Projekt bündelt damit medizinisches Know-how und KI-Forschung zu einer Anwendung, die direkt im Klinikalltag ansetzt – mit dem Anspruch, die Sicherheit und Betreuung von Neugeborenen nachhaltig zu verändern. +++

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