Viele Selbstständige sehen ihre Lage weiter kritisch

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Die deutsche Wirtschaft tastet sich zurück ins Plus, doch bei vielen Selbstständigen kommt davon wenig an. Während das Bruttoinlandsprodukt 2025 leicht um 0,2 Prozent zulegte, bleibt die Stimmung unter Soloselbstständigen, Freiberuflern, Handwerkern und kleinen Dienstleistern gedrückt. Der neue Selbstständigen-Report 2026 von WISO MeinBüro und dem VGSD zeichnet ein klares Bild: Unsicherheit, steigende Belastungen und wachsender Frust prägen den Alltag.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Nur noch knapp 46 Prozent der Befragten bewerten ihre eigene wirtschaftliche Lage als gut bis hervorragend. Ein Rückgang, der sich über Jahre abzeichnet: 55 Prozent waren es 2024, 60 Prozent noch 2018. In 15 von 16 Bundesländern hat sich die Lage nach Einschätzung der Selbstständigen verschlechtert. Einzig Brandenburg zeigt eine leichte Verbesserung, bleibt aber ebenfalls weit hinter früheren Werten zurück. Thüringen bildet das Schlusslicht.

Parallel dazu verschiebt sich das politische Stimmungsbild. Ein Drittel der Befragten fühlt sich den Grünen nahe, während CDU/CSU, FDP, AfD, Linke und SPD deutlich dahinterliegen. Doch unabhängig von Parteipräferenzen eint viele ein Gefühl: mangelnde Wertschätzung. Rund 90 Prozent geben an, sich von der Politik wenig oder gar nicht respektiert zu fühlen – ein Anstieg gegenüber den Vorjahren und Ausdruck eines tief sitzenden Vertrauensverlusts.

Auch wirtschaftlich bleiben Unterschiede bestehen. Frauen planen weiterhin geringere Jahresumsätze als Männer, arbeiten im Schnitt aber auch weniger Wochenstunden. Gleichzeitig zeigt sich Bewegung bei den Honoraren: Immer mehr selbstständige Frauen erreichen höhere Stundensätze, was auf eine langsame Angleichung hindeutet. Regionale Unterschiede bleiben jedoch stark. In Sachsen-Anhalt etwa liegen die niedrigsten Stundensätze bundesweit.

Besonders belastend wirkt das Geschäftsklima. Rund 62 Prozent bewerten es als schlecht oder sehr schlecht, nur ein Drittel als mittelmäßig. Die Forderungen sind klar: mehr Respekt, fairere Sozialversicherungsbeiträge und eine Gleichbehandlung mit Angestellten. Gerade bei der Krankenversicherung sehen sich viele benachteiligt. Selbstständige zahlen ihre Beiträge auf den gesamten Gewinn – und damit faktisch auch auf Beträge, die bei Angestellten nicht berücksichtigt werden. Hinzu kommt, dass oft auch private Einnahmen beitragspflichtig sind.

Diese Gemengelage treibt viele in Gedanken ins Ausland. 38 Prozent haben darüber nachgedacht, Deutschland zu verlassen, knapp sechs Prozent planen konkret. Hauptgründe sind Bürokratie, hohe Steuern und Lebenshaltungskosten. Auch rechtliche Unsicherheiten, etwa durch mögliche Statusfeststellungsverfahren, spielen eine Rolle. Ein Verfahren, das klären soll, ob tatsächlich Selbstständigkeit vorliegt oder eine abhängige Beschäftigung – und das für viele wie ein Damoklesschwert wirkt.

Dabei ist das Wissen über die Risiken oft lückenhaft. Viele glauben etwa, mehrere Auftraggeber würden automatisch vor Scheinselbstständigkeit schützen – ein Irrtum. Tatsächlich gibt es keine klaren Positivkriterien, nur Anhaltspunkte, die gegen Selbstständigkeit sprechen können. Entsprechend groß ist die Verunsicherung. Ein Viertel der Befragten hat bereits Aufträge verloren, weil Auftraggeber Risiken scheuten.

Die Folgen reichen weit: Manche denken über das Aufgeben der Selbstständigkeit nach, andere über einen Umzug ins Ausland. Gleichzeitig bleibt ein Großteil erstaunlich resilient. 65 Prozent fühlen sich durch mögliche Prüfverfahren nicht unmittelbar bedroht. Und mehr als 83 Prozent würden sich erneut selbstständig machen.

Ein weiterer Trend zeigt sich beim Blick aufs Alter. Mehr als die Hälfte der Selbstständigen plant, über das Renteneintrittsalter hinaus zu arbeiten – teils aus finanzieller Notwendigkeit, teils aus Überzeugung. Die Mehrheit spart regelmäßig für die Altersvorsorge, doch viele halten die bestehenden Regelungen für unzureichend. Besonders kritisch wird die sogenannte Aktivrente gesehen: Während angestellte Rentner steuerfrei hinzuverdienen können, gilt das für Selbstständige nicht. Eine Ungleichbehandlung, die rund 81 Prozent als ungerecht empfinden.

Trotz aller Schwierigkeiten bleibt die Motivation hoch. Selbstbestimmung und flexible Arbeitszeiten sind die zentralen Gründe für die Selbstständigkeit – stärker denn je. Gleichzeitig wachsen die Sorgen: unplanbare Aufträge und dauerhaft hohe Abgaben stehen ganz oben auf der Liste.

Der Blick in die Zukunft ist entsprechend nüchtern. Die meisten sehen sich weiterhin in Deutschland, viele erwarten stagnierende oder sogar schlechtere finanzielle Verhältnisse. Ein kleiner Teil rechnet mit Verbesserungen, ein anderer mit dem Ende der eigenen Selbstständigkeit.

So entsteht ein widersprüchliches Gesamtbild: viel Unternehmergeist, große Anpassungsfähigkeit – und zugleich tiefe Ernüchterung über die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Die Selbstständigen bleiben. Aber sie warten. Auf bessere Bedingungen. Auf mehr Verlässlichkeit. Und darauf, dass ihr Beitrag zur Wirtschaft nicht länger übersehen wird. +++


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