Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) hat sich hinter Äußerungen von Generalinspekteur Eberhard Zorn über den ukrainischen Gegenangriff und eine mögliche Ausweitung der russischen Aggression gestellt. "Ich stimme zu, dass Putin unberechenbar ist. Putin hat einen Nachbarn überfallen und die territoriale Integrität weiterer Staaten infrage gestellt", sagte sie den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.
Vor dem Hintergrund schließe sie nicht aus, dass Putin noch andere Schritte geht. "Wir haben keine konkreten Anzeichen dafür, aber er ist bereits einen Weg gegangen, den wir uns auch nicht hätten vorstellen können." Zorn hatte davor gewarnt, dass Russland in Europa einen weiteren Krieg vom Zaun brechen könnte. "Kaliningrad, die Ostsee, die finnische Grenze, Georgien, Moldau es gibt viele Möglichkeiten", sagte der Generalinspekteur. Zugleich äußerte er sich zurückhaltend zu den Erfolgsaussichten des ukrainischen Gegenangriffs. Er sehe allenfalls "Gegenstöße, mit denen man Orte oder einzelne Frontabschnitte zurückgewinnen, aber nicht Russland auf breiter Front zurückdrängen kann", analysierte Zorn. Dafür wurde er von Militärexperten scharf kritisiert.
Lambrecht sagte dazu: "Die Erfolge, die die Ukraine erkämpft hat, sind sehr beeindruckend und ermutigend, das kann und darf man nicht kleinreden. Aber zurückgeschlagen sind die russischen Truppen noch lange nicht. Das hat der Generalinspekteur deutlich gemacht und diese Einschätzung teile ich." Lambrecht verteidigte die Weigerung der Bundesregierung, Kampf- und Schützenpanzer an die Ukraine zu liefern. "Es ist wichtig, dass wir gemeinsam mit den Verbündeten handeln. Auch die Amerikaner liefern keine Kampf- und Schützenpanzer westlicher Bauart. Kein westlicher Partner tut dies", sagte sie. Die Nachfrage, ob sie als Reaktion auf eine deutsche Kampfpanzer-Lieferung einen russischen Angriff auf Deutschland für möglich halte, verneinte Lambrecht nicht: "Ich glaube nicht, dass es einen Automatismus gibt. Aber ich muss auch sagen: Bis zum 24. Februar haben sich auch viele nicht vorstellen können, dass Putin tatsächlich die Ukraine angreift." Zugleich bestritt Lambrecht, sich von der Furcht vor einem russischen Angriff leiten zu lassen. "Furcht ist ganz bestimmt kein guter Berater in solchen Zeiten. Weder Olaf Scholz noch ich sind furchtgeleitet", sagte sie. "Es geht um Besonnenheit. Genauso agieren wir."
Experten erwarten weitere ukrainische Offensiven
Nach der erfolgreichen Gegenoffensive der ukrainischen Armee in der nordöstlichen Region Charkiw sehen Experten nun das Potenzial weiterer ukrainischer Gegenstöße. "Die Ukrainer werden alles tun, die Initiative zu behalten und Russland keine Gelegenheit zu geben, sich neu zu sortieren", sagte Nico Lange, bis 2021 Leiter des Leitungsstabs im Bundesverteidigungsministerium, der "Bild am Sonntag" dazu. "Ich halte es für wahrscheinlich, dass wir weitere Offensiven der Ukraine sehen werden." Auch Militärfachmann Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations in Berlin hält die ukrainische Gegenoffensive in Charkiw nur für den Anfang. Sollte die Ukraine "genügend gepanzerte Fahrzeuge und vielleicht sogar Kampfpanzer" erhalten, könnte sie "immer mehr Schwung in ihrer Gegenoffensive entwickeln" und "in den Winter hinein, spätestens aber im Frühjahr, nennenswerte Teile des besetzten Gebiets zurückerobern", sagte er der "Bild am Sonntag". Konkret hält Gressel "die Befreiung von Cherson für das einfachste Ziel". Zudem ist es laut dem Ukraine-Kenner "gut im Bereich des Möglichen", dass die Ukraine eine "Frühjahrsoffensive, die das ukrainische Festland wieder mit dem Asowschen Meer verbindet und die Krim abschneidet" in Gang setze. +++
