Steinmeier: Viele erleben Corona als Angriff auf Selbstwertgefühl

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sorgt sich um unbewältigte mentale und seelische Folgen der Corona-Pandemie. Viele Menschen seien "einen bitteren, einsamen Tod gestorben", sagte Steinmeier der Wochenzeitung "Die Zeit". Vor lauter medizinischen und hygienischen Fragen, finanziellen und wirtschaftlichen Herausforderungen gebe es in der Pandemie "etwas, das bislang nicht sehr viel besprochen worden ist, das aber einen tiefen Eindruck auf uns alle hinterlässt: Wir alle sind jetzt seit langer Zeit wieder ernsthaft mit der Verletzlichkeit unseres Lebens konfrontiert. Wir hatten uns angewöhnt, die Autonomie unseres Daseins zu betonen, unsere Körper zu optimieren, zu kontrollieren. Nun erleben wir, dass der Kern des Daseins das Angewiesensein auf andere ist."

Viele erlebten das als Angriff auf ihr Selbstwertgefühl, als Verunsicherung und bei manchen rufe das Ablehnung hervor, so Steinmeier. Damit die Gesellschaft all das besser verarbeiten könne, wünsche er sich "ein öffentliches Trauergedenken für die vielen Toten der Corona-Pandemie und ihre Angehörigen, die häufig noch nicht einmal Beistand leisten konnten". Vom Präsidialamt initiierte Gespräche zwischen Anhängern härterer Maßnahmen und solchen, die die geltenden rigoros ablehnen, seien "herausfordernder" als zu jedem anderen Thema gewesen. "Die Ablehnung der Corona-Maßnahmen hat bei manchen den Charakter eines säkularen Glaubensbekenntnisses angenommen, einer in sich geschlossenen Welt, in die man von außen nur noch schwer reinkommt." Sein Verständnis für die Demonstranten höre auf, "wenn Antisemitismus und Extremismus sich in das Gewand des Corona-Protests hüllen". Er zwinge sich dann zu sagen: "Das ist unerträglich, aber es ist nur eine kleine Minderheit."

Mehrheit mit Gesundheitsversorgung in erster Corona-Welle zufrieden

Die Bevölkerung in Deutschland bewertet die Gesundheitsversorgung während der ersten Corona-Welle als überwiegend positiv. Das ist das Ergebnis einer Forsa-Umfrage im Auftrag des AOK-Bundesverbandes. Demnach gaben 78 Prozent der Befragten an, dass die wohnortnahe medizinische und pflegerische Infrastruktur auch in Pandemiezeiten gut funktioniert habe. 74 Prozent bestätigten diesen Eindruck auch für die Notfallversorgung von Patienten und Pflegebedürftigen. 63 Prozent der Befragten sehen allerdings mit Sorge, dass Krankenhäuser nicht zwingend notwendige Operationen verschieben mussten. Die Mehrfachbelastung für pflegende Angehörige empfand knapp die Hälfte (48 Prozent) als problematisch. Auch der eingeschränkte Zugang zu Pflegebedürftigen während des ersten Lockdowns hebt speziell diese Gruppe negativ hervor. Für die Erhebung wurden rund 2.000 Personen befragt.

Gesundheitsforscher: Corona-Maßnahmen nicht ausreichend begründet

Deutschlands Corona-Maßnahmen sind nach Ansicht des Gesundheitsforschers Jürgen Windeler nicht ausreichend wissenschaftlich begründet. "Wir haben eine zu dünne Datenbasis, mit der wir Entscheidungen begründen", sagte der Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) der Wochenzeitung "Die Zeit". Es sei versäumt worden, aussagefähige Studien zur Lage in der Coronakrise vorzulegen, welche die ermöglichten Maßnahmen beurteilen. "Wir wissen zum Beispiel nicht, wie viele Menschen tatsächlich infiziert sind oder waren", so Windeler. Ebenso unklar bleibe, wie viele Infektionen ohne Symptome blieben. Ein Grund dafür ist laut Windeler, dass über Probleme nicht geredet werde. "Derzeit sind Diskussionen und wissenschaftlicher Streit unerwünscht. Ich weiß von Wissenschaftlern, die durch Telefonanrufe oder Twitter-Mitteilungen darauf hingewiesen wurden, dass ihre Meinung nicht gefragt sei", so der IQWiG-Leiter. Sorgen bereit et ihm auch die Kommunikation mit der Bevölkerung. Kritische Fragen und Diskussionen würden als Verharmlosung abqualifiziert: "In Deutschland hat man sich meist mit Warnungen und Drohungen begnügt. Das ist keine Kommunikationsstrategie." +++


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