Dies ist die Geschichte eines besonderen Menschen. Was Ingelore Berger auch tut – sie tut es mit Herz. Wenn das Etikett „jung“ jemals eine Berechtigung hatte, dann an dieser Stelle. Am Donnerstag wird sie 90 Jahre jung, oder nennen wir es einfach so: Sie feiert ihren 90. Geburtstag.
50 Gäste sind eingeladen. Es gibt Grüne Soße, Eier und Kartoffeln. Das Essen scheint dem Leben auf dem Dorf angepasst. Kein Schnickschnack, volksnah, ins Herz. Die Feier findet – natürlich, welche Frage – im Schützenhaus statt. Den Rummel der Vorbereitung, falls es ihn denn geben sollte, steckt Ingelore Berger weg. Besser: Sie lächelt ihn weg. Das Einzige, das sie, nein nicht beschäftigt, vielleicht um sie herumschleicht: „Hoffentlich sind alle zufrieden. Das hat man immer, dieses Gefühl.“
Ihre Verbindung zu Land und Leuten, zu Verein und Mitmenschen, die ist speziell. Herzlich und unverrückbar. Das Verhältnis von Geben und Nehmen passt wie die Faust aufs Auge. „Ich bin froh, dass ich hier in Stärklos so viele Freunde gefunden habe“, sagt sie. Und es klingt wie eine Überzeugung. Fast wie ein Gesetz. „Vom ersten Tag an bin ich gut aufgenommen worden“. Eine Nachbarin – begeisterte Schützin – nahm sie abends mit ins Schützenhaus. Sie schleppte sie mit, um in bester Dorfsprache zu bleiben. Ob eher Zufall oder nicht: Die Verbindung war hergestellt. Eine Verbindung fürs Leben.
Die Nähe zum Sportschießen, die musste erst auf den Weg gebracht werden. Und sie wurde es. Sie wurde in die Tat umgesetzt. „Ich hatte bis dahin mit Schießen nix am Hut. Ich hatte vorher noch nie ein Gewehr in der Hand. Das hat sich dann so ergeben, ich habe erst einmal mit dem Vereinsgewehr geschossen.“ Bis – ja, bis – sich dies ereignete. 1999 war Ingelore Berger aus Ratingen am Niederrhein ins Haunetal nach Stärklos gekommen, da machte sich so etwas wie der Wohlfühl-Faktor breit in ihr. Sie war in ihrer neuen Heimat nicht nur angekommen. Wieder griffen Geben und Nehmen um sich.
Der Verein schenkte ihr ein Luftgewehr
Ingelore Berger hatte eine Idee. „Ich feiere meinen 66. Geburtstag groß“, beschloss sie. „Ich wurde gefragt, was ich mir wünsche“, erinnert sie sich lebensnah, und sie antwortete: „Ich wollte ein Bänkchen oben am Wald mit schönem Blick in die Rhön.“ So tickt sie halt. Verbundenheit zu Natur und Ort. Auch ein Anklopfen an die Seele. „Dann die große Überraschung: Ich bekam auch ein Luftgewehr geschenkt.“ Gefühle überlappten sich. Jetzt sagt Ingelore Berger: „Mit diesem Gewehr schieße ich heute noch.“ Mit ihm gewann sie im vergangenen Jahr die Silbermedaille bei den Hessischen Meisterschaften, Disziplin: Luftgewehr aufgelegt, Altersklasse Sechs.
“Wenn du das erlebst, wie sie wahrgenommen wird, das ist einfach herzlich. Bevor sie nach Hause geht, setzt sie sich zu uns an den Tisch“
Es ist überfällig, dass Heiko Faust ins Spiel kommt. Nicht zuletzt der 1. Vorsitzende des Schützenvereins Stärklos ist von Ingelore Bergers Auftreten und Wirkung auf ihre Mitmenschen angetan. Äußerst angetan. „Wenn du das erlebst, wie sie wahrgenommen wird – das ist herzlich. Bevor sie nach Hause geht vom Schützenhaus, setzt sie sich zu uns an den Tisch und trinkt zwei oder drei Bier mit.“ Der SV Stärklos gibt, Ingelore Berger gibt zurück. Oder andersherum. Von Anfang an sei sie präsent gewesen im Haunetaler Örtchen. Heiko Faust imponiert auch, wie sie als jetzt 90-Jährige mit 70-Jährigen, also 20 Jahre Jüngeren, in Konkurrenz tritt im Altersschießen. „Das ist ein Riesen-Unterschied“, erklärt Heiko, „unfassbar auch, dass sie in ihrem Alter immer noch ohne Brille auskommt“.
Warum sie in ihrem Alter noch schießt? „Es macht mir Spaß. Man kommt mit Leuten aller Altersklassen zusammen, auch mal mit ganz Jungen. Es ist auch mal interessant, was die so für Meinungen haben.“ Reicht die Begründung? Fast möchte man sagen: keine Fragen mehr. In jedem Jahr nahm sie an Hessischen Meisterschaften teil, dreimal auch an Deutschen, „ich habe mich hochgearbeitet“, mischt sich Stolz unter das Augenzwinkern. Und wie lange sie es noch vorhabe, ihrer Leidenschaft Sportschießen nachzugehen? „Solange das Gewehr noch in Ordnung ist, schieß‘ ich weiter, „es gibt keine Ersatzteile mehr dafür“. Zudem sieht sie darin eine „Aufgabe, sich weiter sportlich zu betätigen“.
Als 63-Jährige fand Ingelore Berger – wie gesagt – nach Stärklos. „Wegen der Pferde. Ich wollte Pferde am Haus.“ Die Möglichkeit bekam sie nicht am eigenen – aber bei ihrer Nachbarin. „Ich war beliebt bei den ganzen kleinen Mädchen. Sie durften alle bei mir reiten“, freut sie sich. Und sie schlägt eine Brücke, die gar nicht so groß ist. „Auch Ernst Faust, Heikos Vater, hat auf meinen Ponys gesessen.“ Früher im Rheinland, engagierte sie sich beim Düsseldorfer Reit- und Fahrverein; hier lernte sie auch ihren einstigen Lebenspartner kennen. Bis zum 30. Lebensjahr ritt sie Turniere. Sie erinnert sich an „wunderschöne Wanderritte“ – Distanzritte bis zu 80 Kilometern Länge – , zum Beispiel an den „Siebengebirgs-Wanderritt“; 150 Pferde kamen da zusammen.
Ingelore Berger öffnet ihr Herz. Sie braucht nicht viele Worte, um ihre Leidenschaft und Wünsche auszudrücken. Sie sind an ihrem Gesicht abzulesen. Einfach. Klar. Mit Nachdruck. Es dauert nicht lange, und man weiß, woran man ist bei ihr. „Ich wollte aufs Land. Ich bin kein Stadtmensch.“ Zeitig in ihrem Leben reifte der Entschluss: „Sobald ich nicht mehr arbeiten muss, ziehe ich aufs Land. Ich wäre auch im Rheinland geblieben. Aber da waren die Preise zu hoch. Und ich wollte ein eigenes Häuschen haben.“ Eine unschlagbare Verbindung. Die lebte sie. Und lebt sie. Die füllt sie mit Leben. Ingelore Berger freut sich, dass sie in Stärklos gelandet ist. „Ich habe ein Super-Dorf gefunden. Mit sehr gutem Zusammenhalt.“ Sie begründet dies. Wieder mit knappen Worten. „Als ich hierher gezogen bin, fand ich das toll. Ich habe das Landleben genossen.“ Sie half im Kuhstall, die Kartoffel-Ernte wurde zu ihrem Hobby, und sie ging auch zur Treibjagd mit.
Überhaupt waren und sind Tiere in Ingelore Bergers Leben ständige Wegbegleiter. Sie spielten und spielen eine besondere Rolle. Wegen der Pferde kam sie hierher, mehrere Hunde hatte sie – und noch heute hält sie ihr Hund „Benji“ auf Trab. Dienstagabends besucht sie das Training im Sportschießen im Schützenhaus, mittwochs und donnerstags geht sie zur Gymnastik, einmal nach Nüst, einmal nach Neukirchen – das wirkt überschaubar, ist aber für eine Person ihren Alters nicht ohne.
Kürzlich wurde Ingelore Berger bei der Sportler-Ehrung des Landkreises Hersfeld-Rotenburg ausgezeichnet. Was ihr das bedeutet? „Dass ich in meinem Alter nochmal so geehrt werde, das hätte ich nicht erwartet. Ich hab‘ mich riesig gefreut.“ Heiko Faust war auch da beim „Abend des Sports“. Er war von den Socken, und er wunderte sich: „Selbst da gab sie so viele positive Antworten. Und es fiel auf, dass so viele Leute zu ihr kamen.“
Denn ein spezieller Wesenszug bricht sich Bahn. Viele faseln davon oder bringen es zur Sprache – Ingelore Berger lebt es. „Ich versuche, alles immer positiv zu sehen. Das ist, denke ich, auch eine wichtige Lebens-Einstellung. Mein Leben hat so viele Knicks gehabt.“ Davon soll hier weniger die Rede sein – nicht, um sie zu leugnen, sondern um ein anderes Bild der Sportschützin zu zeigen. Mit dem gefüllt, was sie ausmacht. Sogar diese kleine Anekdote sollte so manchen anregen und ihm zu denken geben. „Wenn ich mal keinen Job kriege bei irgendeiner Veranstaltung, sehe ich das nicht negativ. Ich denke dann halt, die schonen mich. Ich fühle mich da nicht ausgeschlossen. Man muss das positiv sehen.“ Sich nicht berücksichtigt zu fühlen, das muss man erstmal wegstecken. Und es in eine positive Richtung zu lenken, erst recht. Wer kann das schon? Bleibt nur ein Schluss: Die positive Denke, die wohnt einfach in Ingelore Berger. Vor allem, wenn sie hinzufügt: „Das ist wirklich wichtig im Leben.“
In die Welt zu reisen, sich einen Einblick vom Leben und von Gewohnheiten anderer Menschen zu schaffen, auch das ist ein Stück von Ingelore Berger. „Mein Traum war immer einmal, in die Mongolei zu reisen“, sagt sie, als sei es stets ein Ausschnitt ihres Herzens gewesen. Vor drei Jahren ergriff sie diese Chance – als 87-Jährige. „Die Weite und das karge Leben, das die Leute dort meistern“, habe sie inspiriert, „und wie sie unter all den Bedingungen trotzdem zufrieden sind“. Warum nur schiebt sie etwas nach, dass man ihr auf Anhieb glaubt: „Ich habe früher viele solcher Reisen gemacht. Immer mit Kontakt zu Menschen.“ Auch in Argentinien war sie, oder in Ecuador, zehn Tage wohnte sie mit Indianern zusammen. Ingelore Berger war und ist dankbar. In ihr wohnte und wohnt Demut. Sie nahm auch „Sachen mit, die in Deutschland unmodern wurden“; Kleidung ist gemeint. „Solche Dinge, die bleiben einem im Gedächtnis.“
Zurück bleibt ein Gespräch, das auch dem Verfasser dieses Berichtes in Erinnerung bleibt. Voller Ehrlichkeit, Offenheit, Dankbarkeit, Demut, der Wichtigkeit des Verhältnisses von Geben und Nehmen und jenem, was im Leben wirklich wichtig ist. Um die Betrachtung abzurunden, hilft wieder eine kleine Anekdote. Ingelore Berger hat einige davon auf Lager, und sie erinnert sich. „Ich bin jetzt 27 Jahre hier“, sagt sie, „eine ältere Dame hat mal zu mir gesagt: Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das ohne dich hier war.“ Und dem Vernehmen nach haben alle aus dem Verein ihre Hilfe zum Geburtstag angeboten. Grüne Soße ist genügend da. +++ rl

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