Spahns Abkehr vom Inzidenzwert stößt auf Kritik bei Opposition

Jens Spahn (CDU)

Die Opposition kritisiert Gesundheitsminister Jens Spahns (CDU) Entscheidung, die Hospitalisierungsrate als zentrales Corona-Warnsystem zu nutzen. „Die Regierung hat wie immer nicht die richtigen Lehren aus dieser Pandemie gezogen“, sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Christine Aschenberg-Dugnus, der „Welt“. „Wir benötigen eine Kombination verschiedener Faktoren, das bedeutet neben dem Inzidenzwert auch die Hospitalisierungsquote, die Belegung der Intensivkapazitäten sowie die Impfquote zu berücksichtigen.“

Zwar habe die Koalition inzwischen erkannt, dass ein neues Corona-Warnsystem nötig sei, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Janosch Dahmen. „Aber sie hat nichts in der Schublade. Es ist beschämend, dass auch eineinhalb Jahre nach Ausbruch von Corona das Krisenmanagement darin besteht, dass Gesundheits-, Justizministerium und Kanzleramt auf den letzten Drücker anfangen, über Lösungen für ein Corona-Warnsystem öffentlich zu brainstormen“, so Dahmen.

„Wir müssen uns Sorgen machen, ob das Land so ausreichend vorbereitet in eine beginnende vierte Welle geht.“ Der Grünen-Politiker verwies auf bestehende Warnampeln als mögliche Vorbilder: Es gebe Beispiele für Systeme wie die Berliner Ampel, die man sich auf Bundesebene anschauen könnte. „Entscheidend für Eindämmungsmaßnahmen sind dabei die Inzidenz, der R-Wert und die Hospitalisierungsrate, vor allem die Belegung der Intensivstationen – das ist sinnvoll.“ +++


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1 Kommentar

  1. Erstens: Etwas mehr Klarheit zum Thema „Belastung des Gesundheitssystems“:

    Eine Überlastung des Gesundheitssystems tritt bereits ein, wenn die Gesundheitsämter als wesentlicher Teil unseres Gesundheitssystems überlastet sind. Dies betrifft z.B. auch die Nachverfolgung von Infektionen! Und der Aufwand hierfür ist unabhängig vom Impfstatus, unabhängig von der Krankenhausbeslastung …
    Vor diesem Hintergrund wurde seinerzeit der Inzidenzgrenzwert von 50 eingeführt, da ab 50 die Gesundheitsämter kapazitiv nicht mehr in der Lage sind, eine Kontaktnachverfolgung zu gewährleisten, was einenVerlust der Pandemie-Kontrolle bedeutet.

    Auch Frau Teichert, die Quasi-Sprecherin der Gesundheitsämter, hat bereits vor einigen Wochen wieder darauf hingewiesen und bemerkt, dass bereits einige Gesundheitsämter wieder „am Limit“ sind.

    Die aktuellen Diskussionen über diesen Grenzwert lassen nicht erkennen, wie diese Aufgabe künftig gelöst werden soll! Es sei denn, man verzichtet bewußt auf eine Nachverfolgung und nimmt einen Kontrollverlust in Kauf!

    Zweitens: Wer nur noch entsprechend der Hospitalisierungsrate bzw. der Intensivbettenbelegung die Pandemie steuert, nimmt in Kauf, dass ein evtl notwendiges Gegensteuern erst – im Vergleich zu heute – mit 4-6 Wochen Verzug eingeleitet werden kann. Die Folge wäre, dass Infektionswellen kräftiger ausfallen als zuvor! Will man das wirklich in Kauf nehmen? Oder will man erst mal über den Wahltag kommen, um anschließend – ab Oktober – wieder in ein unkontrolliertes, bisher nicht gekanntes Pandemiegeschehen eingreifen zu müssen?

    Die adäquate Lösung wäre, an der Inzidenz als Steuerungsparameter – auch mit dem Vorlauf – festzuhalten und stattdessen die Relationen zur Hospitalisierungsrate und zur Rate der Intensivbettenbelegung entsprechend dynamisch anzupassen mit Rückkopplung an eine dann geänderte Inzidenz: Also in etwa nach Spahns Spruch: 200 ist die neue 50!

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