Es war 15.58 Uhr an diesem 7. März 2026, als Jubel aufbrandete in der Johannisau. Soeben hatte die SG Barockstadt Fulda-Lehnerz die favorisierte U23 des Bundesligisten FSV Mainz mit 2:1 niedergerungen. Wieder einmal – nachdem sie 0:1 zurückgelegen hatte und eine ebenso tolle wie siegbringende Reaktion gezeigt hatte. Sie hatte ihr Herz im Spiel mit Ball in beide Hände genommen, an ihrem Charakter gearbeitet und einiges getan, um ihre Anhänger mitzunehmen.
Auch Daniyel Cimen spielte. Mit Zahlen und Worten, die beeindruckend sind, aber auch zu denken geben. „Das war das 13. Mal in dieser Saison, glaube ich, dass wir es geschafft haben, ein Spiel drehen zu können“, meinte Fuldas Trainer. Mit einem Dreifach-Wechsel hatte er Mitte des zweiten Abschnitts offensive Korrekturen vorgenommen, die die Wende herbeiführten. Da hatte die SGB durch das Elfmetertor des Ex-Bundesligaspielers Yunus Malli hinten gelegen – fast niemand hatte in der Entstehung dieses ruhenden Balles ein Foul gesehen. Als der Wechsel beim Gastgeber noch nicht vollzogen war, drehte die SGB bereits am Rad, aber noch ohne Erfolg. Tobias Göbels Rückzieher kratzte Mainz‘ Keeper Gauer im Rückwärtslaufen noch von der Linie (61.), und Moritz Dittmann arbeitete aus spitzem Winkel gut, Grauer aber war erneut zur Stelle (66.).
Die Wende kam erst, nachdem der Gast seinen Kontrahenten ins Spiel gelassen hatte. Das war nach 71 Minuten: Mainz‘ Abwehrkraft Ugljanin unterlief, nachdem er zuvor den Schuss des eingewechselten Marvin Pourié abgewehrt hatte, ein folgenschwerer Fauxpas in der Befreiung – der stets um Präsenz bemühte Dittmann profitierte davon und traf zum Ausgleich. Zwei geschenkte Tore – wie auch Cimen bemerkte. Die SGB aber hatte Lunte gerochen und wollte mehr. Schade war‘s, als Pouriés gute Weiterleitung Zugang Luis Klein erreichte – sein erster Einsatz im SGB-Trikot -, dessen Eingabe aber nicht so toll war (74.). Doch das Beste kam noch aus Sicht des Gastgebers. 86 Minuten waren vorüber, als die SGB und auch Dittmann in der Situation blieben, nachdem ein Angriff nicht so toll zu Ende gespielt wurde, Dittmann flanken durfte, seine Aktion Sarpei im Zentrum fand, der ruhig blieb und auf Arcanjo Köhler ablegte – und der zum umjubelten 2:1-Sieg traf.
Apropos Arcanjo Köhler. „Es freut mich für Nicola. Schon zuletzt in Bahlingen machte er ein gutes Spiel, musste akzeptieren, dass er heute nicht in der Startelf stand – und jetzt belohnte er sich.“ Erfrischend warn seine nimmermüden Versuche, wichtig und entscheidend seine offensiven Impulse. Andererseits, und um den anderen Teil der Wahrheit nicht auszublenden: Wie hatte Mainz in dieser Situation verteidigt? Hatte das etwas mit Regionalliga zu tun? Selbst schuld, mochte man als Neutraler denken, wenn man so wenig tut, um ein Tor zu verhindern.
Arg und maßlos enttäuscht war auch Benjamin Hoffmann anschließend. „Wir haben zuletzt zwei gute Spiele gemacht. Aber mit dem 1:0 schlagen wir uns praktisch selbst und verlieren unsere Spielidee“, sagte der Trainer, der soeben erst seinen Vertrag am Bruchweg verlängerte, nachdem er 2019 von Borussia Dortmund gekommen war und mit den A-Junioren des FSV Mainz 2023 Deutscher Meister wurde. „Wir spielen viel zu sehr klein, klein – und machen Fulda damit stark“. Nach wie vor war der Platz in der Johannisau arg holprig und vom Winter gezeichnet.
Hinzu kam, dass Julian Maurice Derstroff das 2:0 hätte machen können, als sein Flachschuss äußerst knapp am langen Pfosten vorbeistrich (67.). Zudem war SGB-Keeper Zapico bei einem Mainzer Kopfball zur Stelle (64.), brachte Gäste-Kicker Tim Müller keinen vernünftigen Quer- oder Rückpass in die Box zustande und schien eine Abseitsentscheidung, nachdem der Mainzer Angreifers Videira Pereira durchgesteckt hatte, fragwürdig.
Außerdem sollte man sich – und hier geht es nicht um Erbsenzählen oder Haare in der Suppe finden -, fragen, was wäre eigentlich gewesen, wenn die SGB nicht durch diesen „Ugljanin“-Fauxpas tor- und siegbringend ins Spiel zurückgefunden hätte? Denn ihr Spiel mit Ball war lange nix. Gar nix. Das ist auch nicht – jedenfalls nicht allein – damit zu erklären, dass sich Hans Nunoo Sarpei mehr noch als ein abkippender Sechser gab. Eine hübsche taktische Maßnahme, die im Nachhinein aufging und sicher Sinn machte. Ex-Profi Sarpei mischte sich zwischen die Innenverteidiger Marius Grösch und Aaron Frey, um den schnellen Mainzer Stürmern und Offensivkräften Moreno Fell, Videira Pereira und auch Derstroff möglichst wenig, idealerweise gar keine Räume zu bieten. Das gelang aus SGB-Sicht weitgehend – es hemmte aber auch das Spiel mit Ball. Sarpeis oft hohe Ballgewinne fehlten.
Womit wir abschließend – neben den drei Punkten – bei der vielleicht wichtigsten Erkenntnis für die SG Barockstadt sind: das Spiel gegen den Ball. Das war erfreulich und äußerst positiv. Dem Team tut es sichtlich gut, wenn es zusätzlich einen Spieler mehr im Zentrum hat (zukünftig Sarpei?) und – vor allem – gelang es dem Gastgeber, wie zuletzt hier und da vermisst – die defensiven Halbräume zu schließen. Mainz, fußballerisch schon etwas besser, fand kaum Schlupflöcher.
Ach ja, was passierte eigentlich in der ersten Halbzeit? Der Gast war gefühlt überlegen. Moreno Fell, mit zehn Toren treffsicherster Mainzer, wurde vertikal eingesetzt, seinen Flachschuss aber hielt „Zapi“ sicher (15.) – und er war auch nach Gleibers Abschluss da, als der Gast über seine rechte Seite mal schneller spielte, die SGB beim zweiten Ball aber klären konnte (20.). Und die SGB? Die fand erst nach einer halben Stunde zu sich: Göbel hatte Pech, als er an Schmitts Freistoß-Flanke nicht ganz drankam (28.), auch Pomnitz, als er nach einem langen Ball nicht zum Abschluss fand (29.) – oder als nach Schmitts Einwurf „Hilles“ Ball parallel vor der Torlinie entlang trudelte (37.). Auf der Gegenseite war Videira Perreira nach weitem vertikalen Anspiel im linken Halbraum durch und auch an der Grundlinie, seine Eingabe aber war nicht gut (45.).
Und alle hoffen beim Team aus Fulda, dass Kevin Hillmann nicht auch noch ausfällt. ER musste verletzungsbedingt zeitig raus; für ihn kam … Bis – ja bis – die SGB ihr Herz in beide Hände nahm, Mut bewies, ihren Charakter anzapfte und ihre Anhänger mitnahm.
SG Barockstadt: Zapico – Kraft, Grösch (68. Besso), Frey, Hillmann (50. Luis Klein) – Sarpei – Ivankovic, Dittmann (90.+3 Iljazi), Pomnitz (68. Arcanjo Köhler), Schmitt – Göbel (68. Pourié)
FSV Mainz U23: Gauer – Derstroff (90. Burger), Moreno Y Fell (82. Seven), Malli, Amann, Ugljanin, Müller, Azakir (46. Yamasaki), Marincau, Videira Pereira (90. Gabriel), Gleiber
Schiedsrichter: Marvin Hoffmann
Zuschauer: 1.480
Tore: 0:1 Yunus Malli (53., Foulelfmeter), 1:1 Moritz Dittmann (72.), 2:1 Nicola Arcanjo Köhler (87.)
Gelb-Rot gegen Mainz (90.+5) +++ rl

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