Es ist kurz vor Neun an diesem Freitagabend in der Johannisau. Die Mehrheit der 1.285 Zuschauer jubelt. Dazu hat sie auch allen Grund. Die überschäumende Freude ist berechtigt. Soeben haben die Fußballer der SG Barockstadt jene des FC Bayern Alzenau mit 3:1 (1:0) geschlagen in der Regionalliga Südwest. Die SGB hat ihre in den vergangenen Wochen erarbeitete Stabilität erneut unter Beweis gestellt. Vorerst und vor den übrigen Spielen des Wochenendes hat sie sich gar bis Rang sechs der Rangliste geschoben. Eine Folge beharrlicher Arbeit, des Miteinander und der Geschlossenheit, des An-einem-Strang-Ziehens. Doch im Becher der Freude liegen nach wie vor einige Krumen.
In Hälfte eins entpuppte sich der Unterhaltungswert als überschaubar. Selbst der fußballerische Wert war nicht viel höher. Das Spiel lebte von seiner Spannung – und taugte eher zur Analyse. Aus Sicht der SGB zeichnete sich das Geschehen als Abbild oder Schablone der letzten Heimspiele ab: gegen den Ball gut, mit Ball eher schwach. Der Gastgeber verteidigte tief, mit einem überragend präsenten Hans Sarpei vor oder bei Bedarf auch in der letzten Reihe – er verengte geschickt die Halbräume. Alzenau bot im Aufbau einiges, was mit Fußball zu tun hat. Versiert und trickreich war der Gast, vor allem mit dem Ex-Eintrachtler Matthias Brauburger über die linke – und den versierten Ex-Barockstädter Luka Garic über den linken Halbraum. Die rechte Seite lahmte etwas, Ferukoski sah man kaum. Auffallend das Muster, Zielspieler Filip Pandza in der Spitze einzusetzen. Er machte viele Bälle fest, verlängerte auch per Kopf. Das monierte auch SGB-Trainer Daniyel Cimen. „Gerade in Zweikämpfen waren wir in der ersten Halbzeit einen Tick zu passiv, wir haben Pandza nicht richtig in den Griff bekommen.“
Alzenau schälte sich gefühlt als Punktsieger heraus. Angelo Mora, der das Team aus Mainfranken an der Seite des Ex-Hanauers Kreso Ljubicic trainiert, sagte dazu: „In der ersten Halbzeit haben wir durchaus guten Fußball gespielt. Was uns gefehlt hat, war vielleicht der Abschluss.“ Nicht nur vielleicht. Man kann auch sagen, das entschlossene und zielgerichtete Verhalten auf dem Weg zur Box. Zu oft fehlte der letzte Pass, zu oft ging es zu langsam auf dem Weg zu Tor und Box. Spiel und Verhalten im letzten Drittel waren nicht gut. Die Tür öffnete sich, als Sitter Eins-gegen-eins im Strafraum gehen können, doch Milian Habermehl blockte (30.). Und kurz bevor die SGB zum 1:0 traf, hatte wiederum Sitter die Führung für den Gast auf dem Fuß, nachdem Pandza einen tiefen kurzen Ball hinter die Abwehr im Strafraum spielte. Die SGB aber vermochte mit vereinten Kräften – wozu auch der dieses Mal im Tor stehende Justin Duda zählte -, zu klären.
Allerdings war Cimens Team auch nach Pandzas Aktivität stets in der Situation, es sicherte die Räume gut ab. So gut sich die SGB in letzter Konsequenz verhielt, wenn Alzenau aufs Tor wollte – so dünn war lange ihr Spiel mit Ball. Der Abstand zwischen Mittelfeld, sofern es denn eins gab, und Angriff war wieder zu groß – es gab Löcher, die andere Teams als Alzenau bestrafen. Möglichkeiten, ein Tor zu erzielen, gab es auch für die SGB im chancenarmen Vergleich im ersten Abschnitt kaum. Etwa, als Göbel in einer Kontersituation zu ungenau auf den parallel mitlaufenden Dittmann passte (23.) – oder als Niko Köhler vertikal auf Ivankovic legte, der zurückpasste, Köhler im zweiten Versuch schoss, aber geblockt wurde (33.). Apropos Köhler: Er lieferte seine wohl stärkste Leistung in einem Heimspiel der SGB ab: Extrem lauffreudig war er – wie auch Kapitän Pomnitz, der hier und da an den „alten“ Leon erinnerte, und Roko Ivankovic. Köhler gefiel auch durch Tiefen-Läufe, worauf seine Mitspieler in Halbzeit eins selten reagierten. Zudem war Köhler stets bemüht, das Spiel schnell zu machen. Das war klasse. Lob bekam er auch von Mora, der ein „überragendes Spiel“ seines Ex-Schülers beim FSV Frankfurt gesehen hatte.
Die erste Halbzeit wollte sich schon verabschieden – da passierte dies. Die SGB reagierte in einer Konter-Situation vorzüglich. Pomnitz spielte direkt und mit viel Spielverständnis und -Intelligenz – das kann nur ein Fußballer – in den freien Raum auf Dittmann, der gab flach und scharf vor Tor, und Ivankovic schob ein. Alzenau hatte nach eigenem abgewehrten Angriff eine schlechte Rest-Verteidigung, stand schlecht – und ließ sich nach Moras Worten „verleiten“. Der Treffer war spiel-mitentscheidend. Das lässt sich an den Aussagen der Trainer ablesen. In der Halbzeit-Pause habe man auf Alzenaus Seite „das Gefühl gehabt, dass uns das Gegentor den Stecker gezogen hat“, meinte Mora. Cimens Worte indessen hörten sich anders an. „Uns hat einfach das erste Tor gut getan. Wie eine Befreiung.“
Und was die SGB in den ersten 30 Minuten der zweiten Hälfte bot, das sieht man so oft nicht in der Johannisau. Sie spielte – wieder einmal im zweiten Abschnitt – mutiger, beherzter, presste höher, war bei Zweiten Bällen präsent und hatte mehr Ballgewinne. Das Tor zum 2:0 – früher Lohn schon fünf Minuten nach Wiederbeginn – war des Sehens wert. Marke One-Touch-Football mitten in Fulda. Die Stationen des Direktspiels und einer vortrefflichen fußballerischen Aktion: Köhler – Göbel – Dittmann. Das heißt, Köhler spielte Göbel an, der leitete auf „Ditti“ weiter – und der ließ sich die Eins-gegen-eins-Chance gegen Alzenaus Keeper Samarelli nicht nehmen.
Dieser Treffer hatte zudem Symbolkraft für das Spiel und das Auftreten der Teams: Hier die willensstarke, aggressive, nach vorn gerichtete SGB – dort der in Hälfte zwei viel zu passiv und teilnahmslos wirkende Gast, der das Geschehen über sich ergehen ließ. Zumal schon kurz danach – nach einer Stunde – die Entscheidung folgte. Ein Treffer, den Leon Pomnitz selbst initiierte – und an dessen Ende er auch stand. In der Entstehung lief ein guter Angriff über links, Pomnitz nahm Arlind Iljazi mit, dessen Flanke zur Ecke abgewehrt wurde. Auch die klärte Alzenau zunächst, aber nicht konsequent – Pomnitz nahm die Kugel direkt und traf zum 3:0. Nicht weniger sehenswert als Tor Nummer zwei. Sogar Keeper Duda kam aus seinem Tor herbeigeeilt, um mitzujubeln.
Viel tat sich im Anschluss dessen nicht mehr. Ivankovic verpasste den Abschluss und den vierten Treffer – und die SGB leistete sich eine leicht konfus wirkende Schlussphase. Das beanstandete auch Daniyel Cimen. „Die letzten zehn Minuten haben mir gar nicht gefallen“, sagte Fuldas Trainer, „wir müssen solch ein Spiel besser runterspielen“. Folge dieses schludrigen Verhaltens: Alzenaus Treffer zum 1:3. Garic setzte in seiner effektivsten Aktion den eingewechselten Justin Barry ein, der junge Tempodribbler brachte den Ball vors Tor – und der ebenfalls ins Spiel gekommene Lukas Fecher drückte die Kugel am langen Pfosten über die Linie.
Kommen wir zu einigen Zerrbildern. Man sollte Patrick Schaaf und Hans Sarpei nicht vergleichen. Sie besitzen fraglos einen ähnlichen Wert für die SGB; war der heutige Sportliche Leiter Schaaf nicht auf dem Platz oder ist es jetzt Sarpei nicht – geraten mannschaftliches Gefüge und Statik schon ins Wanken. Beide aber sind stark unterschiedliche Spielertypen: Schaaf erkannte Räume im Schlaf, er bewegte sich intuitiv in jenen, er war immer anspielbar und strahlte große Präsenz aus. Diese Präsenz besitzt auch Sarpei. Er antizipiert auch gut. Kommt aber über seine Zweikampfstärke ins Spiel. Notfalls beißt er sich rein. Zudem scheint es übertrieben, Moritz Dittmann und Tobi Göbel als „Traumpaar“ zu etikettieren. Und: Traf Leon Pomnitz „traumhaft“? Vielmehr zapfte er seine Schussstärke, seine Schusstechnik und seinen Mut zum Abschluss an. Was tun, wenn diese ganzen „Träume“ eines Tages in einer Wolke auf den harten Boden der Realität in der Johannisau runterplumpsen?
Lieber den Ball flachhalten und sich an Fakten und der Wahrheit orientieren. Das tut auch Fulda gut – und hiermit ist ausdrücklich nicht die SG Barockstadt gemeint. Mit welchen Worten schloss doch Daniyel Cimen? „Wir wollen versuchen, uns auf das nächste Spiel zu fokussieren. Das gelingt uns im Moment ganz gut.“ Wir schließen uns an. Und Alzenau weiß, warum es aller Voraussicht nach den Weg zurück in die Hessenliga antreten muss. Nochmal zur SGB: Die Leistung war ansprechend. Vielversprechend. Eine halbe Stunde lang gut. Nicht mehr und nicht weniger. Und die Fans freuten sich.
SG Barockstadt: Duda – Kraft, Habermehl, Frey, Iljazi – Sarpei (78. Banh) – Dittmann (70. Klein), Ivankovic, Pomnitz (84. Grösch), Köhler (84. Siebert) – Göbel (78. Pourié)
FC Bayern Alzenau: Samarelli – Samardzic (65. Ljubicic), Wilke, Hamza Boutakhrit – Ayguel – Nsandi (65. Barry), Ferukoski (65. Trageser), Garic, Brauburger – Sitter (77. Jihad Boutakhrit), Pandza (72. Fecher)
Schiedsrichter: Jannis Jäschke
Zuschauer: 1.285
Tore: 1:0 Roko Ivankovic (43.), 2:0 Moritz Dittmann (51.), 3:0 Leon Pomnitz (60.), 3:1 Lukas Fecher (88.) +++ rl

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