Es ist kein Abgang mit großem Knall, keiner, der sich in den Vordergrund drängt. Eher einer, der leise daherkommt, fast beiläufig – und gerade deshalb Gewicht hat. Hans-Joachim Tritschler hat sein Mandat in der Fuldaer Stadtverordnetenversammlung niedergelegt. Er wird dem neuen Stadtparlament, das sich am 20. April 2026 konstituiert, nach 37 Jahren und einem politischen Leben, das weit vorher begann, nicht mehr angehören.
Wer mit Tritschler spricht, merkt schnell: Hier verabschiedet sich keiner, der sich selbst verklärt. Sondern einer, der gelernt hat, Widersprüche auszuhalten. Einer, der nicht ohne Zweifel auskommt – und vielleicht gerade deshalb so lange geblieben ist.
Sein politischer Weg beginnt nicht in Fulda, sondern in Frankfurt am Main. Dort, wo er aufwuchs, wurde er früh politisiert. Die Studentenbewegung, die späten Ausläufer von 1968 – für den damals 15-Jährigen war das mehr als Kulisse. Es war ein erster Anstoß. Organisiert wurde sein Engagement später, mit 22, während des Studiums an der Fachhochschule Fulda, in der Juso-Hochschulgruppe. Der Eintritt in die SPD folgte 1977. Ein Schritt, den er bis heute nicht bereut hat – trotz allem.
Denn es gab sie, die Momente des Zweifelns. Mehr als einmal, sagt er. Die Hartz-Gesetze unter Schröder, die Große Koalition unter Merkel – Entscheidungen, die ihn ins Grübeln brachten. Und doch blieb er. Nicht aus blindem Pflichtgefühl, sondern aus einer Art nüchterner Abwägung: Noch immer stimme er mit mehr als der Hälfte der sozialdemokratischen Ziele überein. Und vor allem: Die SPD sei kein monolithischer Block. Es gebe sie noch, die Gleichgesinnten. Das reiche ihm. Vorerst.
Dass ihn auch die aktuelle Politik auf Landes- und Bundesebene nicht gerade in Hochstimmung versetzt, verschweigt er nicht. Aber ein Austritt? Nein. Das steht nicht zur Debatte.
Vielleicht ist es diese Mischung aus Skepsis und Bindung, die seinen politischen Stil geprägt hat. Entscheidungen, die man bereut, habe es immer gegeben, sagt er. Zuletzt etwa die Zustimmung zur Schlossturm-Krone. Ein Detail, das mehr verrät als lange Grundsatzreden: Politik ist für Tritschler kein abstraktes Feld, sondern konkret, greifbar – und manchmal eben auch unerquicklich.
Seine Entscheidung, das Mandat niederzulegen, kommt nicht plötzlich. Sie ist lange gereift, bewusst getroffen. Tritschler gehört nicht zu denen, die sich aus dem Amt drängen lassen. Er wollte selbst bestimmen, wann Schluss ist. Und so ist dieser Abschied weniger ein Rückzug als eine Setzung.
Wer nach Ratschlägen für den politischen Nachwuchs fragt, bekommt keine fertigen Formeln. Ratschläge, sagt er, könnten wie Schläge wirken. Was er sich eher wünsche: mehr Beharrlichkeit, mehr Durchhaltevermögen, mehr Resilienz. Und einen kritischeren Blick auf das Wirtschaftssystem und seine Folgen. Es ist ein Satz, der hängen bleibt – weil er mehr andeutet, als er ausführt.
Sein eigenes Leben ist dabei alles andere als das eines klassischen Berufspolitikers. Aufgewachsen in einer Handwerker- und Arbeiterfamilie – die Mutter Friseuse, der Vater Elektrofeinmechaniker – führte ihn sein Weg über Realschule, Lehre und Berufstätigkeit zur Fachoberschule und schließlich zum Studium. Eine Biografie ohne glatte Linien, dafür mit Bodenhaftung.
Politisch geprägt wurde er auch durch die Geschichte seiner Familie. Der Großvater, im Widerstand gegen Hitler, Gefängnis und KZ, im Krieg gefallen – eine Erzählung, die Spuren hinterließ. Vielleicht erklärt sie, warum Politik für Tritschler nie nur Verwaltung war, sondern immer auch Haltung.
Sein Leben, sagt er, habe sich stets in Gemeinschaften abgespielt: Freundschaften, Cliquen, Vereinssport. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Fußball – früher aktiv, heute als Zuschauer, vor allem beim Haimbacher SV, dem er seit über 40 Jahren angehört, und als Sympathisant von Eintracht Frankfurt. Dazu Radfahren, Schwimmen, Lesen, Besuche in der Frankfurter Museumslandschaft, der alten Heimat. Es sind die Konstanten jenseits der Politik.
Und jetzt? Jetzt beginnt etwas, das man gemeinhin Ruhestand nennt. Tritschler klingt nicht nach Aufbruch, eher nach Öffnung. Mehr Zeit selbst gestalten, mehr Zeit mit der Frau, die Kinder öfter sehen – sie leben nicht in Fulda. Große Pläne hat er nicht. Vielleicht auch bewusst nicht. Denn wer zu viele Pläne macht, sagt er, ist am Ende nur umso enttäuschter.
Es ist ein Satz, der gut zu diesem Abschied passt. Kein Pathos, keine großen Gesten. Aber eine Haltung, die bleibt. +++
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Auch für mich war Hans-Joachim Tritschler immer (und wird es hoffentlich bleiben) ein guter Ratgeber, ein Kenner der regionalen Politik, einer der den Mut hatte, auch unbequeme Dinge zu sagen, kein Hardliner, sondern ein vernunftgeleiteter Handler, ein verlässlicher und konsequenter Sozialdemokrat. Er wird nicht nur uns, sondern auch anderen Partnern und Wegebegleitern fehlen.
Gleichermaßen fühlt sich der Abschied von Edith Bing, die auch nicht mehr für das Stadtparlament kandidiert hatte, als Verlust an. Edith kam für die SPD in die Stadtverordnetenfraktion zu einer Zeit, wo es sich als Frau nicht gerade exotisch, aber doch zumindest neu-spannend anfühlte. Wir damaligen Genossinnen schickten sie als eine der ersten Frauen in das Stadtparlament. Und sie war diejenige, die sich in all den Jahren in der sozialen Fuldaer Szene am besten auskannte.
Beide Plätze, der von „Barney“ und der von Edith, die von beiden mit hoher Sachkompetenz gefüllt worden waren, werden nicht so leicht zu ergänzen sein.
Mit H,J. verliert die Stadtpolitik ein starke Kraft, ihm wünsche ich weiterhin alles Gute!
Fulda verliert mit ihm keinen politischen Lautsprecher – sondern eine Stimme mit Substanz. Und das ist am Ende der größere Verlust.
Ich kann mich den vielen Stimmen nur anschließen: Herr Tritschler wird definitiv fehlen. Er hat die SPD mit Haltung vertreten und war kein bloßer Mitläufer. Dafür gebührt ihm großer Dank.
Ein zutreffender Bericht. Herr Tritschler – auch Frau Bing – haben mir in meiner Bürgermeisterzeit (2004–2014) wertvolle, sachliche Diskussionsbeiträge geliefert. Einige davon konnte ich, besonders im Sozial- und Sportbereich, umsetzen. Beide waren kommunalpolitisch engagiert und versuchten, sozialdemokratische Grundthemen umzusetzen. Dafür bedanke ich mich ausdrücklich.
Kann meinem Vorschreiber nur zustimmen. Für mich ist er einer der letzten Vertreter der Fuldaer SPD, der noch echte Authentizität verkörpert. Klare Haltung, nah an den Menschen und nicht einfach nur Parteilinie – genau das fehlt heute viel zu oft. Hoffentlich kommen solche Stimmen wieder.
Hervorragend charakterisiert.
Gleich wie man im einzelnen zu den politischen Positionen von Herrn Tritschler stehen mag:Er hat sie sachlich und engagiert vertreten, Haltung gezeigt, Widerstand nicht gescheut und den geruchlosen Schlaffüßen in der Stadtregierung und in seiner eigenen Partei ordentlich Dampf gemacht.
Man nenne mir jemanden, der in seine Fußstapfen treten könnte !
Dass die SPD nicht aus ihrem Loch herauskommt, daran trägt Herr T. auf jeden Fall keine Schuld. Vielmehr sind es die auf Karriere. Unauffälligkeit in Verbindung mit viel Schleimerei und Nickerrei bedachten Genossinnen und Genossen in seiner Partei. Sie sind es, die die Partei ruinieren.
Nenne mir mal jemand fünf Initiativen in den letzten zehn Jahren, wo sich die SPD in Fulda als Opposition profiliert hat.
Ich kenne nur welche, wo er Tritschler eine zentrale Rolle gespielt hat. Die SPD sollte sich an Herrn T. ein Beispiel nehmen, damit sie nicht im Winde verweht.
Eins steht in jedem Falle fest: Herr Tritschler war kein Schauspieler, von denen wir in der Politik auf allen Ebenen leider zu viele haben – und deshalb unsere Demokratie ganz erheblich Schaden genommen hat.
Und damit u.a. dem rechten Sumpf das Feld bereitet wurde.
Neben Tritschler hört auch die langjährige Vorsitzende des SPD Ortsvereins Nordend, Frau Edith Bing auf. Das bedaure ich sehr, da Frau Bing immer eine sichere Ansprechpartnerin war, wenn es um Belange des Nordends ging. Sie hat unter anderem dafür gesorgt, dass die Bürgerinnen und Bürger des Nordends mit dem Stadtteilbüro (https://www.nordend-fulda.de/) nun eine Möglichkeit haben, direkt ihre Belange gegenüber der Stadtverwaltung zu artikulieren. Ich hoffe, dass wenigstens dort ihr Engagement weitergehen wird, da es imho keinen neuen Ansprechpartner in der SPD für das Nordend geben wird. Und ob es nun ratsam wäre, sich mit Belangen des Nordends an das AFD Bundestagsmitglied Pierre Lamely zu wenden, der auch aus dem Nordend stammt, wage ich zu bezweifeln. Hängt aber von der politischen Sicht des Betrachters ab.