Personalnot in der Sozialen Arbeit in den Griff bekommen

„Eine Bildungsinitiative wäre ein Befreiungsschlag“

Professor Dr. Nikolaus Meyer. Foto: Julia Sidorenkova

Ob Kindertagesstätte, Kinder- und Jugendhilfe oder Hilfen für Menschen mit Behinderungen: Der Fuldaer Professionsforscher Professor Dr. Nikolaus Meyer vermisst im hessischen Koalitionsvertrag eine Strategie, um die Personalnot in der Sozialen Arbeit in den Griff zu bekommen. Das System ist „maximal auf Kante genäht“, sagt er und verweist darauf, dass das auch für die Gesellschaft nicht ohne Folgen bleibt. „Wenn wir anerkennen würden, das System läuft nur noch, weil die Beschäftigten es am Laufen halten, dann würde das viele Beschäftigte in einen ganz anderen Zustand bringen“, ist der Wissenschaftler überzeugt. Als Lösungsansatz schlägt er eine Bildungsinitiative vor – nicht zuletzt mit Blick auf den Ganztag in Grundschulen.

Herr Professor Meyer, was wissen Sie über die Situation in Kitas und in den vielen anderen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit?

In den vergangenen Jahren haben wir drei Befragungen durchgeführt. Mehr als 8.200 Antworten konnten wir alleine bei der letzten Befragung auswerten. Ergebnis: Es brennt an allen Ecken und Enden. In allen Handlungsbereichen der Sozialen Arbeit sehen wir hohe Erschöpfungswerte beim Personal. Die Pandemie hat die schon zuvor nicht guten Arbeitsbedingungen weiter verschärft. Zum Beispiel fehlt in den Allgemeinen Sozialen Diensten der Jugendämter das Personal. Aus einigen Bundesländern gibt es Klagen, dass der Kinder- und Jugendschutz nicht aufrechterhalten werden kann. In den Inobhutnahme-Stellen haben sich die Teams halbiert. Viele Beschäftigte haben ihre Jobs verlassen. Und 77 Prozent der Befragten haben uns gesagt, dass sie nicht bis zur Rente in der Sozialen Arbeit tätig sein wollen.

Von wie vielen Beschäftigten reden wir?

Laut Bundesagentur für Arbeit waren 2022 ungefähr 1,7 Millionen Menschen in der Sozialen Arbeit beschäftigt. Geschätzt kommen bis zu zwei Millionen Ehrenamtliche hinzu, deren Tätigkeit längst auf Dauer gestellt ist. Es sind ziemlich viele Menschen, die direkt oder indirekt von Sozialer Arbeit betroffen sind. Trotzdem findet das Thema in der Öffentlichkeit kaum statt oder wird nicht wahrgenommen.

Was bedeutet es, wenn so viele Beschäftigte ihr Arbeitsfeld verlassen?

Immer weniger Beschäftigte halten den Betrieb aufrecht. Dabei ist die Zahl der Menschen, die Soziale Arbeit beanspruchen, während der Pandemie gestiegen, und die Problemlagen sind komplexer geworden. Wie lange kann das funktionieren? Unter dem Druck, pragmatische Lösungen finden zu müssen, weichen fachliche Standards mehr und mehr auf. Der Stress wirkt außerdem als gewaltfördernder Mechanismus. In der dritten Befragung haben wir explizit nach Gewalt durch Beschäftigte gefragt und konnten einen Zusammenhang zwischen gewalttätigen Konstellationen und der Nichteinhaltung gesetzlicher Ruhepausen belegen. Das System ist maximal auf Kante genäht. Wir sollten wahrnehmen, dass da etwas ins Rutschen gerät.

Was genau meinen Sie, wenn Sie sagen, dass etwas ins Rutschen gerät?

Eine Gesellschaft muss Interesse daran haben, dass die Soziale Arbeit läuft, dass es den Beschäftigten gut geht, weil wir sonst mittel- wie unmittelbar ein großes Problem haben. Was wir in der Sozialen Arbeit machen, ist nicht Singen und Klatschen. Es geht um Interventionen am Lebenslauf. Wir operieren sozusagen ohne Skalpell an den Menschen. Alles, was wir an präventiver Arbeit versäumen, bearbeiten wir später mit dem doppelten Einsatz. Was passiert denn, wenn in der Kindertagesstätte die Fachkräfte fehlen? Das betrifft nicht nur die Eltern, die auf Betreuung angewiesen sind. Auch Frühkindliche Bildung ist ohne Personal kaum möglich. Es gibt einen klaren gesetzlichen Auftrag und der lautet: Erziehung und Bildung. In den vergangenen Jahren sind zwar Leistungsansprüche garantiert worden, aber das Einzige, was man ausgebaut hat, ist die Zahl der Einrichtungen – obwohl wir schon relativ lange einen Fachkräftemangel haben. Und jetzt stehen wir vor der nächsten großen Herausforderung, wenn ab 2026 der Ganztagsanspruch in den Grundschulen kommt.

Woher soll in der verbleibenden Zeit das Personal kommen?

Im Koalitionsvertrag der neuen hessischen Landesregierung heißt es, dass die Ressourcen für den Ganztag bereitstellt werden. Reicht das aus Ihrer Sicht nicht aus?
Ich erkenne im Koalitionsvertrag weder eine Strategie, um die herrschende Personalnot in den Griff zu bekommen, noch sehe ich eine Strategie, um die absehbaren Lücken durch den Ganztag ab 2026 pädagogisch angemessen zu „füllen“. Aus den Befragungen wissen wir: Die Beschäftigten in der Sozialen Arbeit verlassen ihren Job in der Regel nicht, um woanders mehr Geld zu verdienen. Sie suchen in erster Linie bessere Arbeitsbedingungen. Außerdem wollen sie Konflikten innerhalb des Ursprungs-Teams entgehen. Es geht also um ganz weiche Faktoren. Erst an dritter Stelle steht eine bessere Bezahlung. Weniger als acht Prozent der Befragten gaben das an.

Einige Bundesländer, auch Hessen, wollen fachfremdes Personal einsetzen. Wie bewerten Sie das aus wissenschaftlicher Sicht?

Wir wissen aus neueren Untersuchungen gerade im Ganztag, dass es ein Märchen ist zu behaupten, dass fachfremde Kräfte nur in der Vermittlung ihrer spezifischen Inhalte beschäftigt wären. Im Gegenteil: Sie übernehmen ganz selbstverständlich die zentralen Aufgaben des pädagogischen Personals oder des sozialarbeiterischen Personals. Insofern müssten sie die gleiche Qualifizierung haben.

Mehr Fachpersonal ist kurzfristig nicht zu haben. Was also schlagen Sie vor?

Natürlich ist allen Beteiligten bewusst, dass es keine einfache, sofortige Lösung gibt. Wenn wir sagen würden, wir sehen das Problem, wir gehen es jetzt an und steuern mit einer Bildungsinitiative zum Aufbau von Fachkräften dagegen – das wäre eine Perspektive für die Beschäftigten und ein Befreiungsschlag. Wenn wir anerkennen würden, das System läuft nur noch, weil die Beschäftigten es am Laufen halten, dann würde das viele Beschäftigte in einen ganz anderen Zustand bringen. Vielleicht müssten wir dann aber den Ganztag um zwei Jahre verschieben.

Sie sprechen von einer Bildungsinitiative. Heißt das, Sie sehen einen Lösungsansatz in mehr Ausbildungs- und Studienplätzen?

Weder an den Fachschulen noch an den staatlichen und kirchlichen Hochschulen sind die Plätze in den vergangenen Jahren ausgebaut worden. Fast ein Viertel der Studierenden in der Sozialen Arbeit studiert mittlerweile an privaten Hochschulen. Der Staat zieht sich durch Unterlassen aus der Daseinsfürsorge zurück. Und das bringt die Soziale Arbeit im Moment unfassbar unter Druck.
Wie kann es sein, dass es in einem Bundesland wie Hessen mit einem exorbitanten Bedarf an Erzieherinnen keinen Lehramtsstudiengang für Fachschulen mit der Fachrichtung Sozialpädagogik gibt? Woher kommen die Lehrer aktuell an den Fachschulen? Die ziehen wir aus der Praxis Sozialer Arbeit ab. Wir müssen die Soziale Arbeit viel besser steuern, um den Personalnotstand zu lösen.

Wo würden Sie ansetzen, um Personalfragen in der Sozialen Arbeit besser zu steuern?

Es gehört auch zur Wahrheit, dass die Soziale Arbeit zersplittert ist, nicht nur in viele verschiedene Handlungsfelder mit unterschiedlichen Interessen, sondern auch zwischen Zuständigkeiten des Bundes, der Länder, der Kommunen. Und zum Teil auch zwischen Ministerien. Der Ganztag zum Beispiel ist in Hessen eine Frage von Kulturministerium und Sozialministerium. Dabei ist die Entscheidung für den Ganztag auf Bundesebene getroffen worden. Diese Fragmentierung ist ein Problem. Nehmen wir die Ausbildung: Mit Blick auf die Fachschulen sind die Kultusministerien zuständig. Aber die Sozialministerien haben den Bedarf. Wenn die Kommunikation nicht klappt, läuft nichts. Wir sind an einem Punkt, an dem es eine Bund-Länder-Kommunen-Konferenz braucht, in der es nur um Soziale Arbeit geht, damit wir die sozialen Probleme in unserer Gesellschaft nicht betonieren, sondern Lösungen finden, insbesondere für Kindertageseinrichtungen, die Jugendhilfe und die Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigung. +++ pm

Zur Info
Professor Dr. Nikolaus Meyer lehrt und forscht seit 2020 an der Hochschule Fulda. Er hat die Professur für „Profession und Professionalisierung Sozialer Arbeit“ im Fachbereich Sozialwesen inne. Meyer gehört zu den wenigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Deutschland, die sich mit den Strukturen und Arbeitsbedingungen des Berufsfelds „Soziale Arbeit“ beschäftigen.