Der Vorstoß aus dem CDU-Wirtschaftsflügel, das grundsätzliche Recht auf Teilzeit einzuschränken, hat eine breite Debatte ausgelöst – und massiven Widerspruch aus Wissenschaft, Politik und sogar aus den eigenen Reihen der Union. Ökonomen warnen eindringlich davor, das Problem des Arbeitskräftemangels auf dem Rücken der Beschäftigten auszutragen und dabei die realen Ursachen zu verkennen.
In der Diskussion um eine mögliche Einschränkung des Teilzeitrechts verweist das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) darauf, dass Teilzeitarbeit in vielen Fällen keineswegs freiwillig gewählt wird. Ein erheblicher Teil der Beschäftigten arbeite weniger, als er oder sie eigentlich wolle. „Wenn alle Teilzeitbeschäftigten ihre Wünsche nach mehr Arbeitsstunden realisieren könnten, entspräche das 1,4 Millionen Vollzeitstellen“, sagte der IAB-Arbeitsmarktexperte Enzo Weber dem „Handelsblatt“. Das Potenzial sei damit längst vorhanden – es werde nur nicht ausgeschöpft.
Weber verweist zudem auf eine große Gruppe von Beschäftigten, die bislang gar nicht über eine Aufstockung ihrer Arbeitszeit nachdenken, dies aber unter besseren Bedingungen durchaus tun würden. Der Ausbau von Kinderbetreuung sei hier ein zentraler Hebel. „So erhöht der Ausbau von Kinderbetreuung auch die gewünschten Arbeitszeiten. Wenn man die Rahmenbedingungen verbessert, geben sich Menschen also nicht mehr mit weniger zufrieden“, so Weber. Die Botschaft ist klar: Wer mehr Arbeit will, muss zuerst die Voraussetzungen dafür schaffen.
Nach Daten des IAB wird die Teilzeitquote der Erwerbstätigen zwischen 15 und 64 Jahren in diesem Jahr insgesamt über 40 Prozent liegen. Erstmals war dieser Wert bereits im Sommer 2025 überschritten worden. In den 1990er-Jahren hatte die Quote noch bei gut 20 Prozent gelegen. Der jüngste Anstieg lasse sich laut Weber durch mehrere Faktoren erklären. Zum einen beteiligten sich immer mehr Frauen und ältere Menschen am Arbeitsmarkt, allerdings häufig in Teilzeit. Zum anderen gingen insbesondere in der Industrie Vollzeitstellen verloren, was die Quote zusätzlich nach oben treibe. Hinzu komme, dass die Präferenz für sehr hohe Arbeitszeiten insgesamt etwas abnehme.
Kritik an den CDU-Plänen kommt nicht nur vom IAB. Auch der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, warnt vor erheblichen negativen Folgen. Eine Einschränkung des Rechtsanspruchs auf Teilzeit würde „vielen Unternehmen und der deutschen Wirtschaft großen Schaden zufügen“, sagte Fratzscher der „Rheinischen Post“. Viele Beschäftigte in Vollzeit wünschten sich kürzere Arbeitszeiten. Eine entsprechende Regelung würde daher „stark gegen die Wünsche vieler Deutscher gehen, dadurch die Beschäftigung tendenziell eher reduzieren als erhöhen und somit den Fachkräftemangel in Deutschland weiter erhöhen“. Die Konsequenzen seien weniger Wachstum und Wohlstand sowie ein weiterer Anstieg von Unternehmensinsolvenzen.
Ausgangspunkt der Debatte ist der Vorstoß der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT), den grundsätzlichen Rechtsanspruch auf Teilzeit abzuschaffen. Künftig soll Teilzeit nur noch möglich sein, wenn „besondere Gründe“ vorliegen. Dazu zählen nach Vorstellung der MIT die Erziehung von Kindern, die Pflege von Angehörigen sowie berufsbegleitende Fort- und Weiterbildung. Freiwillige Teilzeitarbeit ohne Betreuungspflichten soll hingegen nicht mehr vorgesehen sein. Ein entsprechender Antrag mit dem Titel „Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit“ soll laut einem Bericht des „Stern“ beim CDU-Parteitag Ende Februar beschlossen werden.
Doch genau dieser Kurs stößt innerhalb der CDU auf Widerstand. Der Vorsitzende des CDU-Sozialflügels, Dennis Radtke, kritisierte den Wirtschaftsflügel scharf. „Mit einer solchen Einschränkung zäumen wir das Pferd von der falschen Seite auf“, sagte Radtke den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Auch er wünsche sich, dass mehr Menschen aus einer als „Teilzeitfalle“ empfundenen Situation wieder in Vollzeit wechseln könnten. Der Weg dorthin führe jedoch nicht über Zwang, sondern über bessere Rahmenbedingungen. Insbesondere bei Kinderbetreuung und Pflege gebe es weiterhin Defizite, die einen Wechsel in Vollzeit für viele unmöglich machten.
Radtke warnte zudem davor, Teilzeit strikt an bestimmte Lebenslagen zu knüpfen. Wer Teilzeit allein auf Kindererziehung und Pflege begrenze, müsse zwangsläufig festlegen, bis zu welchem Alter eines Kindes oder welchem Pflegegrad dies gerechtfertigt sei. „Das kann und soll jede Familie für sich selbst entscheiden“, sagte Radtke. Aus guten Gründen habe sich die CDU immer für maximale Wahlfreiheit ausgesprochen.
Scharfe Kritik kommt auch von der Opposition. Linken-Chefin Ines Schwerdtner sprach von „der nächsten Attacke auf hart arbeitende Menschen, besonders auf Frauen“. Der „Rheinischen Post“ sagte sie, das Recht auf Teilzeit als „Lifestyle“ zu diffamieren, sei respektlos gegenüber Millionen von Menschen, die Kinder großziehen, Angehörige pflegen oder schlicht versuchen, Arbeit und Leben miteinander zu vereinbaren. Teilzeit sei kein Luxusproblem, sondern oft die einzige Möglichkeit, überhaupt erwerbstätig zu bleiben. Wer dieses Recht einschränke, dränge vor allem Frauen aus dem Arbeitsmarkt, verschärfe Einkommensverluste und treibe mehr Menschen in Altersarmut. Das sei nicht modern, sondern rückwärtsgewandt. Wenn die Union unfreiwillige Teilzeit reduzieren wolle, müsse sie in bessere Kitas und verlässliche Ganztagsbetreuung investieren.
Auch die SPD weist den CDU-Vorstoß entschieden zurück. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Dagmar Schmidt warnte im „Handelsblatt“ vor dem „Schleifen hart erkämpfter Arbeitnehmerrechte“. Statt Beschäftigte zu Mehrarbeit zu drängen, müsse Deutschland stärker in Bildung, Qualifizierung, Forschung und Entwicklung investieren. Das unterstütze Wirtschaft und Wachstum nachhaltig. Zudem bezeichnete Schmidt den Vorstoß als widersprüchlich: Einerseits würden Beschäftigte gegen die Fakten als faul dargestellt, andererseits würden Menschen abgeschoben, die integriert seien und sich in Ausbildung oder Arbeit befänden.
Die Debatte zeigt: Der Konflikt um das Teilzeitrecht ist längst mehr als eine arbeitsmarktpolitische Detailfrage. Er berührt grundlegende Vorstellungen davon, wie Arbeit, Familie und individuelle Lebensentwürfe in einer modernen Gesellschaft zusammenpassen – und ob Politik auf Druck oder auf bessere Rahmenbedingungen setzt. +++

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