Kretschmer nennt VW ein „schwerfälliges Kombinat“ – der Streit um Volkswagen wird zur Systemfrage

Es ist ein ungewöhnlich scharfes Wort für einen der wichtigsten deutschen Industriekonzerne: Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer nennt Volkswagen ein „schwerfälliges Kombinat“. Hinter dieser Formulierung steckt mehr als die Kritik eines Landespolitikers an einem Konzern, dessen Werk in Zwickau um seine Zukunft ringt. Kretschmer beschreibt damit ein Unternehmen, das aus seiner Sicht die Fähigkeit verloren hat, wirtschaftliche Entscheidungen konsequent nach Kosten, Wettbewerb und Zukunftsfähigkeit zu treffen. Und er verbindet diese Kritik mit einer noch grundsätzlicheren Diagnose: Volkswagen ist für ihn ein Symbol für die wirtschaftliche Lage Deutschlands. Kretschmers Botschaft ist deshalb unbequem. Volkswagen habe sich zu einem „schwerfälligen Kombinat entwickelt“ und müsse wieder zu einem international wettbewerbsfähigen Unternehmen werden, sagte der CDU-Politiker dem „Spiegel“. Das ist keine beiläufige Bemerkung. Es ist eine Abrechnung mit einer Unternehmenskultur, in der gewachsene Strukturen, regionale Interessen und politische Rücksichtnahmen offenbar stärker geworden sein könnten als die wirtschaftliche Logik, die über Produktionsstandorte und Aufträge entscheiden sollte.

Gerade der Streit um das Werk Zwickau macht diese Frage sichtbar. Kretschmer fordert, bei der Vergabe von Modellen und Aufträgen innerhalb des Volkswagen-Konzerns künftig stärker auf die Produktionskosten zu achten. „Künftig muss wirtschaftliche Logik der Maßstab sein“, sagt er. Wenn ein Modell in einem anderen deutschen Werk günstiger gefertigt werden könne, sei es aus seiner Sicht nicht nachvollziehbar, wenn die Produktion dennoch an einem teureren Standort stattfinde. Das Beispiel ist bekannt: Der ID.4 wurde in der Vergangenheit von Zwickau in das teurere Werk im niedersächsischen Emden verlegt. Für Zwickau ist eine solche Entscheidung weit mehr als eine Zahl in einer Konzernrechnung. Für eine Region hängt daran die Perspektive von Beschäftigten, Zulieferern und Familien. Für Volkswagen wiederum stellt sich die Frage, ob ein international tätiger Konzern seine Produktionsentscheidungen tatsächlich nach den wirtschaftlich sinnvollsten Bedingungen treffen kann oder ob sich über Jahrzehnte gewachsene Interessen zu einem Netz entwickelt haben, aus dem sich das Unternehmen nur schwer lösen kann.

Genau hier liegt der Kern des Konflikts. Volkswagen ist nicht irgendein Unternehmen. Der Konzern ist tief mit der deutschen Industriegeschichte verbunden, und seine Werke sind in vielen Regionen Teil der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Identität. Was in Wolfsburg, Zwickau, Emden oder an anderen Standorten entschieden wird, hat deshalb eine politische Dimension. Doch wirtschaftliche Entscheidungen lassen sich auf Dauer nicht allein mit politischer Bedeutung begründen. Ein Standort kann für eine Region unverzichtbar sein und gleichzeitig für einen Konzern zu teuer werden. Beides kann gleichzeitig wahr sein. Kretschmer selbst zieht deshalb eine klare Grenze bei der Zukunft des Zwickauer Werks. Gegen eine Umnutzung etwa durch einen Rüstungshersteller spricht er sich ausdrücklich aus. „Wir wollen, dass dort weiter Autos gebaut werden“, sagt der Ministerpräsident. Darin steckt eine ebenso politische wie wirtschaftliche Botschaft. Sachsen will Zwickau als Automobilstandort erhalten. Die entscheidende Frage aber lautet, unter welchen Bedingungen dies dauerhaft möglich ist.

Denn ein Werk allein dadurch zu erhalten, dass man seinen Fortbestand politisch fordert, schafft noch keine wirtschaftliche Perspektive. Ein Automobilstandort braucht Modelle, Aufträge, Investitionen und wettbewerbsfähige Produktionskosten. Er braucht eine Nachfrage nach seinen Produkten und einen Konzern, der davon überzeugt ist, dass genau dieser Standort auch in Zukunft einen Beitrag zur Wertschöpfung leisten kann. Wer Arbeitsplätze sichern will, muss deshalb nicht nur über den Erhalt bestehender Strukturen sprechen, sondern darüber, wie diese Strukturen wieder konkurrenzfähig werden. Kretschmer weitet seinen Blick deshalb über Volkswagen hinaus. Deutschland befinde sich in einem „Wirtschaftskrieg“ mit den USA und China und werde international wirtschaftlich „nach hinten durchgereicht“, sagt der CDU-Politiker. Trotz dieser Entwicklung gehe kein Ruck durch das Land. Das ist eine politische Zuspitzung, aber sie verweist auf ein reales Problem: Deutschland steht vor der Herausforderung, seine industrielle Stärke unter Bedingungen zu behaupten, die sich fundamental verändert haben.

Die Konkurrenz kommt nicht mehr nur aus traditionellen europäischen Industriestaaten. Die Vereinigten Staaten verfügen über enorme wirtschaftliche und technologische Kraft, China hat seine industrielle Basis in vielen Bereichen massiv ausgebaut. Für deutsche Unternehmen bedeutet das, dass die bisherigen Wettbewerbsvorteile nicht automatisch bestehen bleiben. Energiepreise, Arbeitskosten, Regulierung, Investitionsbedingungen, Infrastruktur und Geschwindigkeit bei unternehmerischen Entscheidungen werden damit zu Fragen, die nicht länger abstrakt diskutiert werden können. Sie entscheiden darüber, wo künftig produziert und investiert wird. Volkswagen steht dabei stellvertretend für das Dilemma. Der Konzern soll Arbeitsplätze sichern, Standorte erhalten, den technologischen Wandel bewältigen, Milliarden investieren und zugleich Kosten senken. Er soll elektrisch fahren, digitaler werden und international bestehen – und gleichzeitig die sozialen und politischen Erwartungen erfüllen, die mit seiner Größe verbunden sind. Das alles lässt sich nicht ohne Konflikte miteinander vereinbaren.

Der Streit um das Sparpaket von Konzernchef Oliver Blume zeigt, wie schwierig dieser Balanceakt geworden ist. Volkswagen steht vor einer Auseinandersetzung, die weit über die Frage einzelner Einsparungen hinausgeht. Europas größter Autobauer muss entscheiden, wie viel Veränderung notwendig ist, um wieder wettbewerbsfähig zu werden – und wie viel Widerstand gegen diese Veränderung das Unternehmen aushalten kann. Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch versucht deshalb offenbar, einen Eklat abzuwenden. Nachdem die geplanten Verhandlungstermine am Montag und Dienstag zwischen Vertretern des Volkswagen-Konzerns, des Landes Niedersachsen und der Arbeitnehmer ohne Kompromiss geblieben waren, will Pötsch am Mittwochabend noch einmal alle Fraktionen an einen Tisch holen. Insider berichten dem „Handelsblatt“ von diesem ungeplanten Termin. Zunächst will sich Pötsch mit den Vorständen des Volkswagen-Konzerns treffen. Anschließend soll das Gespräch mit dem Land Niedersachsen und den Arbeitnehmern gesucht werden. Dass ein solcher zusätzlicher Einigungsversuch überhaupt notwendig wird, zeigt bereits, wie tief die Fronten inzwischen verlaufen.

Am Freitag tagt der Aufsichtsrat von Europas größtem Autobauer. Das Gremium soll über Blumes Sparpaket abstimmen. Nach den gescheiterten Verhandlungen im Vorfeld der Sitzung gilt eine Ablehnung des Sparpakets als sicher. Sollte es tatsächlich dazu kommen, wäre das ein bemerkenswertes Signal. Ein Konzern, der dringend über seine Kostenstruktur, seine Standorte und seine internationale Wettbewerbsfähigkeit sprechen muss, würde zunächst an seiner Fähigkeit scheitern, sich auf einen gemeinsamen Kurs zu verständigen. Dabei geht es nicht nur um die Frage, ob Blume mit seinem Sparpaket recht hat. Es geht um die Grundsatzfrage, wie ein Konzern wie Volkswagen in einer Phase tiefgreifender Veränderungen geführt werden kann. Einsparungen allein lösen kein strategisches Problem. Aber ohne Einsparungen kann ein strategischer Neustart ebenfalls scheitern. Wer dauerhaft mehr ausgibt, als er im Wettbewerb erwirtschaften kann, verliert irgendwann den Spielraum für Investitionen. Wer dagegen ausschließlich kürzt, riskiert, genau jene Zukunft zu beschädigen, die er eigentlich sichern will. Das ist die schwierige Mitte, um die es gehen muss.

Sollte der Rettungsversuch von Pötsch scheitern und der Aufsichtsrat das Sparpaket am Freitag ablehnen, bereitet das Team um Blume bereits eine außerordentliche Hauptversammlung vor. Dann müssten die Aktionäre über das Sparpaket abstimmen. Doch auch damit wäre der Konflikt nicht beendet. Die Arbeitnehmer planen juristische Schritte, sollte eine Mehrheit der Aktionäre in einer solchen Versammlung für Blumes Sparpaket stimmen. Volkswagen droht damit eine Eskalation auf mehreren Ebenen: zwischen Vorstand und Arbeitnehmerseite, zwischen Konzern und Politik, zwischen unterschiedlichen Standorten und schließlich zwischen der wirtschaftlichen Notwendigkeit von Veränderungen und den Interessen derjenigen, die von diesen Veränderungen unmittelbar betroffen wären.

Kretschmers Forderung nach einem „Pakt für Deutschland“ fügt sich in dieses Bild ein. Sachsen sei bereit, gemeinsam mit Arbeitgebern und Gewerkschaften ein parteiübergreifendes Bündnis zu schmieden. „Jeder muss etwas beitragen und dafür ein Stück zusätzliche Sicherheit bekommen“, sagt der Ministerpräsident. Das ist vielleicht der konstruktivste Teil seiner Intervention. Denn die Debatte darf nicht bei der gegenseitigen Schuldzuweisung stehen bleiben. Wenn Deutschland seine industrielle Basis erhalten will, braucht es tatsächlich eine neue Verständigung zwischen Politik, Unternehmen und Beschäftigten. Eine solche Verständigung darf allerdings nicht bedeuten, dass jeder seine bisherigen Positionen einfach absichert. Ein Pakt, der nur den Status quo konserviert, wäre kein Zukunftspakt. Er müsste vielmehr die Frage beantworten, was jede Seite bereit ist zu verändern. Unternehmen müssen wirtschaftlich effizienter werden und ihre Entscheidungen nachvollziehbar an Wettbewerbsfähigkeit ausrichten. Arbeitnehmer brauchen Sicherheit, Perspektiven und verlässliche Bedingungen. Politik muss dafür sorgen, dass Investitionen nicht an immer neuen Hürden scheitern und dass die Rahmenbedingungen für industrielle Produktion wieder attraktiver werden.

In diesem Zusammenhang bekräftigt Kretschmer auch seine Forderung nach einer Rückkehr zur 40-Stunden-Woche. In einer Zeit des Wirtschaftskriegs wolle er „den Angriff wagen“. In den kommenden Jahren müsse bei gleichen Einkommen mehr gearbeitet werden, verbunden mit der Perspektive, Arbeitsplätze zu erhalten. Auch diese Forderung ist konfliktträchtig. Mehr Arbeitszeit kann ein Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit sein, aber sie ersetzt keine Strategie. Ein Unternehmen wird nicht allein dadurch international erfolgreicher, dass seine Beschäftigten länger arbeiten. Produktivität, Technologie, Investitionen, Energiepreise, Infrastruktur und die Qualität von Entscheidungen spielen ebenso eine Rolle. Die Debatte über Arbeitszeit darf deshalb nicht zum Ersatz für die viel schwierigere Diskussion über die Ursachen der deutschen Wachstumsschwäche werden. Dennoch wäre es falsch, Kretschmers Kritik lediglich als regionalpolitisches Interesse eines Ministerpräsidenten abzutun. Zwickau ist ein Brennglas für eine Entwicklung, die weit über Sachsen hinausreicht. Die Frage lautet, ob Deutschland seine industrielle Substanz bewahren kann, wenn die Bedingungen dafür schwieriger werden und die alten Mechanismen nicht mehr funktionieren.

Der Begriff „Kombinat“ ist dabei bewusst provokant gewählt. Er erinnert an eine Wirtschaftsordnung, in der Größe und institutionelle Verflechtung leicht wichtiger werden konnten als Effizienz und Wettbewerb. Volkswagen ist natürlich kein Kombinat im historischen Sinn. Aber Kretschmers Vergleich zielt auf eine Wahrnehmung: auf einen Konzern, dessen Komplexität und Interessenverflechtungen so groß geworden sind, dass Entscheidungen nicht mehr immer der einfachen Logik folgen, nach der ein Unternehmen dort produzieren sollte, wo es wettbewerbsfähig produzieren kann. Ob diese Kritik in jedem Detail trägt, ist eine andere Frage. Sie trifft jedoch einen Nerv. Denn am Ende geht es bei Volkswagen nicht allein um Zwickau, Emden oder Wolfsburg. Es geht um die Fähigkeit eines Industrielandes, sich selbst zu verändern, ohne seine industrielle Grundlage preiszugeben. Genau darin liegt die eigentliche Bewährungsprobe.

Der bevorstehende Aufsichtsratstermin ist deshalb mehr als eine weitere Sitzung eines großen deutschen Unternehmens. Er ist ein Moment, in dem sichtbar wird, ob Volkswagen den Konflikt noch durch Kompromisse lösen kann oder ob die Auseinandersetzung in eine offene Konfrontation kippt. Der Einigungsversuch von Hans Dieter Pötsch ist dabei kein Zeichen von Stärke, aber auch noch kein Zeichen des Scheiterns. Er ist zunächst der Versuch, die verschiedenen Interessen wieder an einen Tisch zu bringen. Das wird nicht reichen, wenn am Ende niemand bereit ist, sich zu bewegen. Volkswagen braucht weder politische Schonräume noch eine industrielle Abrissbirne. Der Konzern braucht eine realistische Strategie, die wirtschaftliche Vernunft und soziale Verantwortung miteinander verbindet. Sachsen braucht für Zwickau mehr als den politischen Wunsch, dass dort weiterhin Autos gebaut werden. Deutschland braucht mehr als Appelle an die Arbeitsbereitschaft. Es braucht den Mut, über die Bedingungen zu sprechen, unter denen industrielle Wertschöpfung in Deutschland künftig überhaupt noch möglich ist. Wenn aus Kretschmers scharfer Kritik am „schwerfälligen Kombinat“ am Ende eine ernsthafte Debatte über Wettbewerbsfähigkeit, Standortsicherheit und die gemeinsame Verantwortung von Politik, Unternehmen und Beschäftigten entsteht, hätte sie einen Wert. Dann wäre der Streit um Volkswagen nicht nur ein weiterer Konflikt um ein Sparpaket. Dann könnte er zum Ausgangspunkt für die viel größere Frage werden, wie Deutschland seine industrielle Zukunft sichern will. +++


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