Klartext mit Radtke – Die Frage nach Gerechtigkeit

Klaus-Radtke

Natürlich bin ich kein Fantast. Vollkommene Gerechtigkeit wird es auf dieser Welt niemals geben. Doch das darf uns nicht davon abhalten, nach ihr zu streben. Das Vermögen der Superreichen ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen. Berichten zufolge verfügen die rund 3.000 Milliardäre weltweit inzwischen über mehr als 15 Billionen US-Dollar. Diese Vermögenszuwächse sind vor allem auf die Entwicklung der Finanzmärkte und die Wertsteigerung von Unternehmensbeteiligungen zurückzuführen.

Während die Vermögen der Reichsten immer weiter wachsen, stagniert die Kaufkraft vieler Arbeitnehmer. Auch in Deutschland bleibt die Vermögensschere erheblich. Mehr als 170 Milliardäre leben hierzulande, und die Bundesrepublik zählt zu den Ländern mit der höchsten Konzentration an Superreichen in Europa.

Weltweit ist Vermögen extrem ungleich verteilt. Die reichsten 1,6 Prozent der erwachsenen Bevölkerung besitzen nahezu 48 Prozent des globalen Vermögens. Demgegenüber stehen rund 41 Prozent der Erwachsenen, die gemeinsam weniger als ein Prozent des weltweiten Vermögens besitzen.

Das sind die Fakten. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Soll das so bleiben?

Sobald hierzulande über eine Reichensteuer oder die Anhebung des Spitzensteuersatzes diskutiert wird, ist der Protest bestimmter politischer Lager groß. Dabei sollte bedacht werden, dass vermögende Personen ihren effektiven Steuersatz durch legale Gestaltungsmöglichkeiten und komplexe Abschreibungsmodelle teilweise auf ein Minimum reduzieren können. Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer verfügt über solche Möglichkeiten nicht. Ebenso wenig kann er seine steuerlichen Angelegenheiten über Malta oder Panama organisieren.

Deshalb halte ich es für notwendig, hohe Vermögen stärker zur Finanzierung des Gemeinwesens heranzuziehen. Relativ wenige Wohlhabende engagieren sich durchaus gesellschaftlich, doch insgesamt bleibt die Frage der Verteilungsgerechtigkeit bestehen. Dabei geht es nicht um Sozialneid, sondern um Fairness. Und wenn sich Reiche hauptsächlich um die weitere Zunahme ihres Portfolios sorgen und nicht unbedingt für die Entwicklung im Land, das Gemeinwohl, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die politischen Zustände interessieren, dann sollten sie erst recht finanziell Beiträge leisten müssen.

Das letzte Hemd hat zwar bekanntlich keine Taschen. Dennoch scheint der Drang nach immer mehr Besitz, Status und Vermögen oft grenzenlos. Wer besitzt die größere Finca, die längere Yacht oder das leistungsstärkere Fahrzeug? Selbstverständlich soll sich Leistung lohnen. Doch auch dieses Prinzip kennt Grenzen. Mich hat seinerzeit zutiefst beeindruckt, was Joey Kelly einmal bei einem Vortrag geäußert hat. Er machte sich seinerzeit auf eine Reise – ohne einen Cent Geld. Seine Aussage war: von den Reichen bekommst Du gar nichts, aber von den Armen. Denn die wissen, wie das ist, arm zu sein. Das hat mich sehr nachdenklich gemacht.

Allein die Entwicklungen im Profifußball verdeutlichen, wie sehr wirtschaftliche Interessen inzwischen dominieren. Vieles ist zu einem reinen Geschäft geworden. Deshalb müssen wir nicht nur über neue politische Strukturen nachdenken, sondern auch über wirtschaftliche Rahmenbedingungen.

Es ist kein Geheimnis, dass Innovationen – ob in der Pharmaindustrie oder in anderen Branchen – mitunter verzögert oder sogar verhindert werden, um bestehende Geschäftsmodelle zu schützen. Ebenso ist bekannt, dass manche Unternehmen fragwürdige Methoden anwenden, um ihre Gewinne zu maximieren. All dies ist dokumentiert und vielfach belegt. Der Kapitalismus bringt zweifellos Wohlstand hervor, treibt jedoch bisweilen auch bedenkliche Blüten.

Mir ist bewusst, dass Veränderungen weder in der Politik noch in der Wirtschaft leicht durchzusetzen sind. Dennoch sind sie offenkundig unverzichtbar und notwendiger denn je. Sofern wir auch künftig in einer lebenswerten und gerechten Gesellschaft leben wollen. +++ Klaus H. Radtke


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