Angenommen, der Hünfelder SV hätte einen Wunsch frei beim Fußball-Gott – der heutzutage in oberflächlichen Sprachbildern so oft bemüht wird -, würde der wohl lauten: Bitte, bitte, mehr Spielglück. Diese Botschaft basiert auf dem 1:1 (1:0) im Heimspiel der Hessenliga vom Samstagnachmittag gegen den FC Eddersheim. Der reiste immerhin als Tabellenzweiter der höchsten hessischen Spielklasse in die Rhönkampfbahn an – doch das Fenster der Bewertung, gegen Eddersheim zu punkten, ist nicht mehr dasselbe wie in der Vorrunde. Durch zwei Abgänge in der Winterpause ist der FCE nicht mehr das Team, an das man kaum rankommt. Und das Allerbeste: Der HSV bot eine starke Vorstellung, die zu drei Punkten gereicht und dies auch gerechtfertigt hätte.
Ein bisschen Spielglück hatte sich Hünfelds Trainer Johannes Helmke im Vorfeld auch gewünscht. In der Anfangsviertelstunde sah er, dass sein Team Zugriff und Orientierung auf und ins Spiel finden musste. Das mit neuem Gesicht auftretende Eddersheim begann stark – fast, als wollte es den HSV überrennen. In einigen Situationen hatte man den Eindruck, als wollte der Gast Eins-gegen-eins über den ganzen Platz spielen. Die offensiven Impulse und ihre Substanz erschienen stark. Doch erstens litten darunter Kompaktheit und mannschaftliches Gefüge, auch das Spielfeld enger zu halten, zweitens hielt das offensive Vorgehen nicht so lange – und drittens taten sich Löcher auf beim Gast, der offenbar das Spiel gegen den Ball noch nicht so verinnerlicht hat in seiner DNA.
Denn der HSV wurde mutiger. Und mutiger. Aggressiv gegen und mit dem Ball spielte er von Beginn an – mit Lindemanns Chance bestimmte er Rhythmus und Takt. Vor allem mit schnell und zielgerichteten Angriffen über seine linke Offensiv- und Eddersheims defizitäre rechte Abwehrseite. Als Max Lindemann – der sich gut bewegte und auch tiefe Läufe hinter die Abwehr unternahm -, sich aus einer Zweikampfsituation im Strafraum befreite und mit links abwehrte, reagierte Gästekeeper Koob nach Lindemanns Linksschuss prächtig (16.). Und, wie gesagt – jetzt kam der HSV.
Auch er befreite sich als Team – und er belohnte sich. Ein Angriff über links führte zu Petr Paliatka, der davon zog und einen präzisen und straffen Flachpass nach innen brachte, wo „Maschine“ Trägler nur noch einzuschieben brauchte (18.). Vier Minuten später spielte der HSV fast zu schön, fast wie Tom&Jerry: Trägler bediente mit feinem Pass in den freien Raum den rechts mitlaufenden Max Vogler – der legte nochmals quer zu Lindemann, dessen Flachschuss der Keeper abwehrte – Vogler war so aussichtsreich unterwegs, dass er auch selbst hätte abschließen können. Schwieriger war der Abschluss, als Paliatka – erneut prima unterwegs – im linken offensiven Halbraum den laufstarken Luca Uth, der intuitiv und hoch auf den zweiten Pfosten flankte, aber … (25.).
Hünfeld hatte seinen Vorsprung couragiert untermauert – musste ihn aber in den folgenden Minuten beharrlich und vor allem konsequent verteidigen. Dem Gast boten sich einige Möglichkeiten; keine hundertprozentigen, aber … Park köpfte nach einem Eckball in Rücklage (35.), Mark Zentgraf blockte energisch (37.) – und HSV-Keeper Jannis Maul, der sich in der Spieleröffnung auffallend verbesserte, musste zweimal beherzt ran. Auch, als sein Team im defensiven Halbraum nicht so gut aussah und ein Zuspiel in den Strafraum zuließ, Eddersheim aber nicht entschlossen reagierte und Maul zur Stelle war.
Dann aber eine Szene, die im Fernsehen für helle Aufregung und 100-maliges Wiederholen gesorgt hätte. Marcel Dückers feines Anspiel hinter die Abwehr erreichte Lindemann, der zentral vernachlässigt wurde und bis in den Strafraum zog – und von einem Eddersheimer Abwehrspieler elfmeterreif von den Beinen geholt wurde. Das heißt, dass „Linde von hinten einen Tritt in die Hacke bekam“. Der Schiedsrichter hatte gute Einsicht ins Geschehen, entschied aber zur Überraschung vieler auf „Weiterspielen“.
Hätte der HSV schon zur Pause deutlicher führen können, setzte sich das fehlende Spielglück im zweiten Abschnitt fort. Weniger bei Gadermanns Seitfallzieher nach Uths Freistoß aus dem rechten Halbfeld (48.) – vielmehr bei der folgenden Aktion. Dass Leon Zöll ein besonderes Verhältnis zu ruhenden Bällen besitzt, ist bekannt. In Minute 53 aber zauberte er einen Freistoß aus etwa 25 Metern zentraler Position an den Innenpfosten – der abprallende Ball war für Trägler ebenso überraschend wie nicht leicht zu verwerten.
Sehr schwierig war der Abschluss, als Lindemann noch an den Ball rutschte und ihn ins Tor verlängern wollte, aber Eddersheims Keeper Koob war wach (65.). Dieser Bericht soll sich nicht in Fußball-Plattheiten verlieren, aber: wer seine Chancen nicht nutzt … Denn nach 70 Minuten gefror es manchen – falls es nicht schon die nasskalte Witterung getan hatte -, in den Gliedern: Nach 70 Minuten traf der äußerst hoch aufgeschossene Innenverteidiger Klimmek für Eddersheim, das nach der Pause gar nicht mehr zu offensiven Impulsen gefunden hatte, nach einer Ecke per Kopf zum Ausgleich. Was der HSV in dieser Szene unter Verteidigung verstand, ist nicht überliefert. Und so ein bisschen hatte sich das Team selbstverletzt.
Zwei Möglichkeiten boten sich dem HSV noch in den Schlussminuten. Zunächst zischte Uths Schuss nach Paliatkas Hacken-Vorlage aus extrem spitzem Winkel hoch am langen Eck vorbei (83.) – und vier Minuten später dies: Einwurf Kümmel über rechts, Kopfball-Verlängerung, Kemmerzell mit links aus der Drehung, Koob reagierte fix.
Hünfeld hatte eine mannschaftlich positive Leistung geboten: mit viel Energie, gut im Spiel, gut in den Zweikämpfen, läuferisch gut – doch es bleiben Reserven. Etwa das Bespielen offensiver Räume. Egal, ob rechts, links oder im Zentrum. Oder richtige Entscheidungen zu treffen auf dem Weg in die Box. Defensiv wird‘s eng, wenn der hundert Prozent verlässliche Innenverteidiger Dücker seinen angestammten Raum verlässt – und offensiv können nicht nur Vogler und Lindemann, der absolut auf dem richtigen Weg ist, sondern auch ein Anderer noch mehr. Gemeint ist Petr Paliatka, der letzthin durch eine Mischung aus Präsenz, technischem Geschick und Scorer-Momenten überzeugte – es sieht immer gut aus, wenn er an Ball ist. Doch wer sonst verfügt über eine solche Mixtur aus Dynamik, die Möglichkeit, seine körperliche Stärke ins Spiel zu bringen und fußballerischem Verständnis? Bleibt die Torgefahr. Aber vielleicht hilft es dem HSV erst einmal, vor dem Nachholspiel am Donnerstag in Weidenhausen den Fußball-Gott anzurufen …
Hünfelder SV: Maul – Zentgraf, Dücker, Gadermann (76. Kassa), Zöll – Kemmerzell, Uth – Vogler (76. Kümmel), Lindemann, Paliatka – Trägler (61. Fröhlich)
Eddersheim: Koob – Schmitt, Vassilliou (65. Speck), Klimmek, Thomasberger, Park (64. Kraus, 89. Vogt), Voit, Velosa, Imek, Lüders, Kummer
Schiedsrichter: Simon Heß
Tore: 1:0 Marcel Trägler (18.), 1:1 Benedict Klimmek (71.) +++ rl

Hinterlasse jetzt einen Kommentar