Helge Braun: "In Hotspots dürfen Schulschließungen kein Tabu sein"

Helge Braun (CDU),
Helge Braun (CDU)

Der Chef des Bundeskanzleramtes Helge Braun (CDU) hat hervorgehoben, dass strengere Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie weiterhin möglich sein können. "In Hotspots dürfen Schulschließungen kein Tabu sein", sagte er der "Welt am Sonntag". Mit Blick auf die schnelle Zulassung der Corona-Schutzimpfung in Großbritannien sagte Braun: "Wir haben eine europäische und deutsche Genehmigungsbehörde, die richtigerweise unabhängig sind." Diese Behörden hätten versprochen, so schnell wie es geht zu prüfen. "Die Zeit, die sie dafür brauchen, die sollen sie auch bekommen. Wir wollen keine unnötigen Risiken eingehen."

Es dürfe keinerlei politischen Druck geben. Die Pandemie komme zum Erliegen, wenn ungefähr 60 Prozent der Bevölkerung immun sind. "Wenn ich 20 Prozent der Bevölkerung geimpft habe, dann hat das auch seinen Effekt. Es wirkt im besten Falle so, als würden wir Maßnahmen ergreifen, die 20 Prozent der Kontakte beschränkt." Es wären nämlich Kontakte , die zu keiner Ansteckung mehr führen, so Braun. "Je mehr Menschen geimpft werden, desto weniger Beschränkungen werden nötig sein", sagte er der "Welt am Sonntag". Der Chef des Bundeskanzleramtes verteidigte den Nutzen der Corona-Warn-App gegen Kritik. "Die App macht genau das, was sie soll. Sie zeichnet die Kontakte auf, auch zu Fremden, die ich gar nicht kenne und ansonsten nie warnen könnte."

Die App helfe in der Pandemie sehr. Auch die Gesundheitsämter profitierten davon, wenn Leute mit einer roten Warnung der App zu ihnen kommen. So würden bisher unbekannte Infektionscluster entdeckt. "Bisher haben über 100.000 Nutzer einen positiven Corona-Test in der App geteilt. Bei 15 relevanten Kontakten je Nutzer wären das über anderthalb Millionen Menschen, die bis heute von der App gewarnt wurden." Die deutsche App sei auch viel besser als alle asiatischen. "Die asiatischen Apps, sofern sie auf GPS basieren, sind viel ungenauer und schicken mehr Menschen unnötig in Quarantäne. Der entscheidende Vorteil, den unsere App hat, ist die Anbindung an die Labore." Im Falle eines positiven Tests erfahre man in der nächsten Sekunde davon. "Und nicht erst am Montag, wenn Ihr Hausarzt das Fax vom Wochenende mit Ihrem positiven Testergebnis gefunden hat." +++


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2 Kommentare

  1. Die Schulsituation bis zum Ende der Sommerferien

    Nachdem das vergangene Schuljahr wohl abgeschrieben werden konnte, hatte ich Hoffnung, dass in den Sommerferien alles Notwendige getan würde, um im neuen Schuljahr wieder flächendeckend und nachhaltig Präsenzunterricht anbieten zu können. Zumal zunehmend Stimmen laut wurden, die auf Präsenzunterricht drängten. Auch die Landesregierungen von Baden-Württemberg, Sachsen und NRW hatten, z.T. durch Auftragsstudien untermauert, die Schulöffnung als wenig risikoreich eingeschätzt („Schüler sind keine Infektionstreiber“).
    Fast zeitgleich mit Bekanntgabe dieser Studienergebnisse wurde allerdings in NRW im Zusammenhang mit dem Tönnies-Skandal - gemäß einem alten Reflex - die erneute Schul- und KiTa-Schließung als ultima-Ratio eingesetzt! Ähnliches ist nach den Sommerferien in Bayern geschehen, als dort in Rosenheim und Rottal Inn plötzlich zwei Corona-Hotspots aufblühten mit Rekord-Inzidenzwerten von über 200!

    Was denn jetzt? Sind Kinder Infektionstreiber oder nicht?

    Darüberhinaus hatte eine Untersuchung des Ifo-Instituts ergeben, dass die Schüler während der Schulschließungen rd. 50% weniger Zeit - vermutlich mit weniger Lerneffizienz - pro Tag auf Schulisches verwendet haben als vor den Schulschließungen. Die Lehrer haben in rd. 50% der Fälle weder Digitalunterricht angeboten noch Verbindung zu ihren Schülern gehalten noch Feedback gegeben. Und die 50% Digitalunterricht sind natürlich schön geredet: die Qualität reichte von 0 - 100%!

    Ein ähnliches Bild zeigte sich auch bei den vielen Umfragen unter Eltern, Schülern und Lehrern.

    Diverse internationale Schulstudien haben belegt, dass Deutschland bei der Digitalisierung der Schulen hoffnungslos hinterherhinkt. Allein in Europa haben Finnland, Dänemark, Estland, Italien bei der Digitalisierung Deutschland weit hinter sich gelassen.

    Das Bildungsministerium ist - nun ja - seit 2005 in den Händen der CDU.

    Länderspezifische - übrigens datenschutzkonforme - Lernplattformen für Schulen - in Bayern zum Beispiel mebis – waren gar nicht auf den infolge der Schulschließung erforderlichen Massenbetrieb ausgerichtet und damit praktisch nutzlos. Ganz anders als z.B sogar in Italien, wo bereits vor Corona eine landesweit einheitliche Lernplattform verfügbar war.

    Der abrupte, ungeplante Wechsel auf andere Schul-Lernplattformen wie sie zum Beispiel von Microsoft oder Google zur Verfügung gestellt wurden, wurde zwar auch von Wirtschaftsführern wie dem Präsidium des Verbandes deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) gelobt. Das Risiko, dass Schülerdaten massenhaft von diesen Internet-Giganten abgegriffen werden, muss dagegen hinter der Funktionalität dieser Plattformen zurückstecken, ja wird noch nicht einmal als besorgniserregend gesehen.

    Und die Googles, Apples, Microsofts haben sich die Hände gerieben ...!

    Konsequenzen aus dem bisherigen Schul-Desaster

    Die Leopoldina hat übrigens Leitlinien für ein krisenresistentes Bildungssystem der Zukunft veröffentlicht: „Das Recht auf Bildung ist ein Menschenrecht“ ist die Maxime, die selbst in den Corona-bedingten Stellungnahmen der Lehrerverbände in Vergessenheit geraten zu sein schien. Das Menschenrecht auf Bildung ist sicherzustellen. Alles andere muss warten, da es der aktuellen Pandemiebekämpfung nicht dient. Aber auch der ungute Bildungsföderalismus findet Erwähnung.

    Dagegen beklagen Lehrerverbände eine Dreifach-Belastung ihrer Klientel: Vorbereitung/Abhaltung von Präsenzunterricht, von Online-Unterricht sowie Kümmern um Hygienemaßnahmen!

    Alles in allem:

    Auf Bildungsinhalte scheint man locker dauerhaft verzichten zu wollen, denn ein überzeugendes Nacharbeits-Konzept ist nicht in Sicht.
    Digitalwüste Schule ist das vorherrschende Bild.
    Zum Präsenzunterricht gibt es derzeit in Deutschland in der Breite keine realistische Alternative.
    Der Schaden, der aus einem unkontrollierten Eindringen von IT-Unternehmen mit ihren Schulplattformen in die Bildungseinrichtungen erwächst, wird ignoriert!

    Mein Traum für das neue Schuljahr

    Die bisherige Misere in den Augen hatte ich im Sommer einen Traum:

    „Die Schulen haben die Sommerferien genutzt, um auf die weitere Pandemieentwicklung nach den Ferien und insbesondere auch auf realistische Beschulungsalternativen vorbereitet zu sein. Dementsprechend wurden alle Schulen an das schnelle Internet angeschlossen, alle Klassenzimmer mit streamingfähigen Kamerasystemen sowie Dokumentensharing/Videokonferenz-Technik ausgestattet, IT-Administratoren organisiert, alle Lehrer in der Bedienung und der pädagogischen Nutzung der digitalen Klassenzimmer geschult.
    Nach den Sommerferien wurde flächendeckend wieder Präsenzunterricht aufgenommen. Ein oder mehrere Schüler, die wegen Quarantäne zuhause bleiben mußten, konnte mithilfe der installierten Technik aktiv am Unterricht von zuhause teilnehmen. Sollte aufgrund hoher Inzidenzen eine Halbierung der Klassen angezeigt sein, konnte auch dieses Szenario abgebildet werden.
    Nachdem Schule wieder funktionierte, konnte man sich endlich auch verstärkt dem Nachholen des versäumten Schulstoffes widmen.“

    Ich erwachte in einem Albtraum

    Doch als ich aus meinem Traum erwachte, hatte die Kultusministerkonferenz (KMK) Anfang September - also nachdem in einigen Bundesländern die Sommerferien längst zu Ende waren(!) - einen Vier-Stufen-Plan für die Schulen in der Corona-Krise verabschiedet, der allerdings nichts verbindlich festlegte. Darin wurden als Alternativen für den Präsenzunterricht der Wechselunterricht sowie der Distanzunterricht vorgesehen!

    Was für eine Mogelpackung! Beide letztgenannten Alternativen sind eine Fata Morgana. Sie mögen in Einzelfällen funktionieren, aber nicht in der Breite! Zumal ja auch die Sommerferien offensichtlich nicht genutzt wurden, um Lernplattformen, IT-Infrastrukturen, Vernetzung, Lehrer entsprechend zu ertüchtigen. Das können sich die Kultusminister zusammen mit ihren Lehrerverbänden dann wohl realistischer für die nächste Pandemie vornehmen! Insofern sind die vielen Stellungnahmen besorgter Lehrerverbände, besorgter Elternverbände, besorgter Politiker hinsichtlich der - in der Realität nicht vorhandenen - Beschulungsalternativen für die Katz!

    Die Überraschung war allerdings zunächst groß, als der Schulunterricht nach den Sommerferien Bundesland für Bundesland wieder begann:

    In Bayern haben sich Lehrer ein Tag vor Schulbeginn testen lassen und wurden dann - im positiven Fall - gleich erst mal in Quarantäne geschickt.
    Lehrer und Gebäudereiniger beklagten - nachdem die Schulen fast durchgängig seit März 2020 geschlossen waren, nach den Sommerferien im September 2020 plötzlich mangelnde Schulhygiene und fehlende Lüftungsmöglichkeiten! Da darf die Frage schon erlaubt sein, was denn die Verantwortlichen seit März und insbesondere in den Schulferien getan haben?

    Immerhin wurde in allen Bundesländern nach den Sommerferien zunächst wieder auf Präsenzunterricht gesetzt.

    Nach den Sommerferien gab es in Bayern aber große Diskrepanzen in der Beurteilung der Lage:

    Kultusminister Michael Piazolo: "gelungener Schulbeginn im Präsenzbetrieb, Lob für den digitalen Fortschritt"!
    bayerische Lehrerverbandsvorsitzende Simone Fleischmann: "Notbetrieb, völlige Überlastung, politische Show"!
    digital affiner Lehrer: "unfaires Ungleichgewicht zwischen denen, die Nachtschichten einlegten und jenen, die im Lockdown den Garten gemacht haben"!

    Kaum hatte der Schulbetrieb auch nach den Herbstferien wieder als Präsenzunterricht begonnen, hat der Präsident des Deutschen Lehrerverbands Peter Meidinger lautstark

    gewarnt vor einem Kleinreden der Infektionsgefahren an den Schulen,
    alarmistisch beklagt, dass bereits über 300.000 Schüler (= 3% aller Schüler!) in Quarantäne wären,
    volle Klassen im Schulbetrieb als "brandgefährlich" verunglimpft.

    Hätte er doch ein anspornendes Lob ausgesprochen, dass der Präsenzunterricht so gut funktioniert, dass nur 3% der Schüler in Quarantäne sind! Stattdessen hat er den Präsenzunterricht schlecht geredet ("Die Schulen können auf die Dynamik nur noch hektisch reagieren, viele kommen mit ihrer Planung nicht mehr hinterher"), dies als Salami-Lockdown schlecht geredet, der in generelle Schulschließungen führen müßte. Ein Brandstifter par excellence! Er hat vehement auf die Beschulungsalternativen Wechselunterricht und Distanzunterricht verwiesen, für die er, zumindest bei älteren Schülern, gar kein Problem sehe, von denen er aber eigentlich auch aus Lehrersicht wissen müßte, dass diese gar nicht funktionieren, ja gar nicht funktionieren können. So haben andere Lehrerverbände darauf hingewiesen, dass der Wechselunterricht kapazitätsmäßig von den Lehrern gar nicht gestemmt werden könne, und für den Distanzunterricht, insbesondere auf der Schulseite, Ressourcen und Fähigkeiten fehlten!

    Nun, offensichtlich lag Meidinger weniger das Wohl der Schüler am Herzen!
    Aber auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft war u.a. in Bayern nicht untätig und drohte mit einer Klage zur Erzwingung der Wechselunterricht-Fiktion..

    Ein Lehrerverband ist ein Lehrerverband ist ein Lehrerverband!

    Wer glaubt, dass die Lehrerverbände vorrangig das Wohl der Schulkinder im Auge haben, liegt falsch! Nicht ohne Grund instrumentalisieren diese Verbände die Corona-Krise, um ihre alten, durchaus vielfach auch berechtigten, Forderungen durchzusetzen! Irgendwie in diesen Zeiten etwas daneben. Sie sollten aufpassen, dass sie nicht in dieselbe Falle laufen wie der Hotel- und Gaststättenverband, der im ersten Lockdown als dringlichste Hilfemaßnahme die Altforderung einer Umsatzsteuersenkung - mit Hilfe der CSU - durchsetzte - eine Maßnahme, die sich bei Null-Umsatz als wenig hilfreich herausstellte.

    Gute Vorsätze waren gestern, heute ist ... alles wieder anders

    Kaum war erkennbar, dass der Lockdown light zwar die exponentielle Entwicklung der Infektionen zwar abbremsen, aber nicht reduzieren konnte, waren die Beschwörungen und guten Vorsätze vergessen:

    die Politiker hatten nichts als Schulschließungen im Sinn
    die Lehrerverbände so und so
    selbst die Leopoldina hat das Recht auf Bildung in ihren neuen Empfehlungen scheinbar ausgesetzt
    die Eltern wurden nicht gefragt, hatten sie doch schon einmal bewiesen, dass sie neben Home-Office, auch Beschulung und Kinderbetreuung managen konnten
    die Interessen der Kinder waren aus den Augen verloren
    und die Virologen eierten immer noch herum bei der Frage der Ansteckungswahrscheinlichkeit durch Kinder

    Wir dürfen daher erneut ein großes Versagen von Politik und Gesellschaft in der Schulpolitik konstatieren!

  2. Wer die aktuellen Fähigkeiten unseres Schulsystems ehrlich bewertet, der muß zu dem Schluss kommen, dass es derzeit zum Präsenzunterricht in Deutschland in der Breite keine realistische Alternative gibt. Insbesondere auch, nachdem die Sommerferien offensichtlich nicht genutzt wurden, um andere Beschulungsalternativen vorzubereiten. Für den Wechselunterricht fehlen schlicht die Ressourcen, vorwiegend auf der Seite des Lehrpersonals, für den Distanzunterricht fehlen IT-Voraussetzungen und IT-Kompetenzen und für einen Hybrid-Unterricht - Teilnahme am Präsenzunterricht aus der Distanz mit einfachen IT-Mitteln - fehlen Konzepte und selbst elementare IT-Systeme.
    Insofern war es überraschend, dass die Kultusministerkonferenz (KMK) Anfang September - also nachdem in einigen Bundesländern die Sommerferien längst zu Ende waren(!) - einen Vier-Stufen-Plan für die Schulen in der Corona-Krise verabschiedet hatte, der allerdings nichts verbindlich festlegte. Darin wurden als Alternativen für den Präsenzunterricht der Wechselunterricht sowie der Distanzunterricht vorgesehen!
    Was für eine Mogelpackung! Beide letztgenannten Alternativen sind eine Fata Morgana. Und auf die Idee eines Hybrid-Unterrichts ist anscheinend niemand gekommen! Warum einfach, wenn es auch kompliziert - nicht - geht?

    Was ist die Konsequenz? Auch in der bevorstehenden verschärften Lockdown-Phase findet Schule eigentlich - wie gehabt und trotz gegenteiliger Beteuerungen - nicht statt! Und die Eltern dürfen sich wieder in ihren Home-Office-, Home-Schooling-, Home-Kinderbetreungs-Kompetenzen versuchen!
    Die Leidtragenden sind die Kinder, die Schüler und die Eltern!

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