Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus - Erinnerung als Auftrag für die Demokratie

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Die Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Hessischen Landtag machte eindringlich deutlich, dass Erinnerung weit mehr ist als ein ritualisierter Blick zurück. Sie ist Voraussetzung für eine wehrhafte Demokratie und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Gegenwart. Parlamentspräsidentin Astrid Wallmann stellte in ihrer Ansprache die Bedeutung einer lebendigen Erinnerungskultur heraus und verband sie mit einem klaren politischen und moralischen Anspruch. Der Aufruf „Vergesst uns nicht“ sei Mahnung und Auftrag zugleich, sagte sie bei dem Gedenken, das der Hessische Landtag gemeinsam mit Ministerpräsident Boris Rhein sowie dem Landeswohlfahrtsverband Hessen, dem Hessischen Städtetag, dem Hessischen Städte- und Gemeindebund und dem Hessischen Landkreistag ausrichtete.

Wallmann verwies auf die besondere Herausforderung unserer Zeit: das Wissen um die Verbrechen der NS-Zeit weiterzugeben in einer Gesellschaft, in der Angriffe auf jüdisches Leben wieder massiv zunehmen. Historische Verantwortung zu übernehmen bedeute, hier und heute entschieden gegen Antisemitismus und alle Formen des Extremismus einzuschreiten und sich für die freiheitlichen demokratischen Werte einzusetzen. Diese Art der Verantwortungsübernahme, so Wallmann, wünsche sie sich für die Zukunft des Landes.

Mit dem Aufruf „Vergesst uns nicht“ gedachte die Landtagspräsidentin zugleich stellvertretend für alle Opfer einer unbekannten jüdischen Familie, die diese Botschaft gemeinsam mit ihren im Nationalen Holocaust-Museum in Amsterdam ausgestellten Porträts hinterlassen hatte. In seiner Gedenkrede hob Prof. Dr. Emile Schrijver, Generaldirektor des Jüdischen Kulturviertels in Amsterdam und damit auch verantwortlich für das Holocaust-Museum, die Notwendigkeit einer sachlichen und wissenschaftlich fundierten öffentlichen Auseinandersetzung mit den Verbrechen der NS-Zeit hervor. Die Bewahrung der Erinnerung an die Verbrechen des Holocaust sei von unverminderter Aktualität. Wir lebten in einer Zeit, in der der Holocaust für viele nicht länger als singulärer Referenzpunkt für das Ausmaß von Gewalt, Ausgrenzung und Vernichtung gelte, zu dem Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit führen können. Zugleich erlebten wir eine Gegenwart, in der der Holocaust teilweise geleugnet oder relativiert werde. Schrijver machte zudem darauf aufmerksam, dass Kritik an der Politik des Staates Israel zunehmend auf Jüdinnen und Juden in der Diaspora projiziert werde.

Auch Ministerpräsident Boris Rhein unterstrich zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus die Bedeutung von Menschlichkeit und Empathie. Der 27. Januar, der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, führe uns eindringlich den tiefsten moralischen Abgrund der Menschheit vor Augen. Er mahne uns und zeige, wohin Gleichgültigkeit und Wegsehen, wohin Hass und Ausgrenzung sowie das schrittweise Aushöhlen von Menschlichkeit, Recht und Demokratie führen können.

Musikalisch begleitet wurde die Gedenkveranstaltung von dem Countertenor Andreas Scholl und der israelischen Pianistin Tamar Halperin, die 2016 mit dem Hessischen Kulturpreis ausgezeichnet worden waren. Der bundesweite Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus findet in diesem Jahr zum dreißigsten Mal statt. In Hessen organisieren seit 2006 der Hessische Landtag und der Hessische Ministerpräsident die Gedenkstunde in Kooperation mit den kommunalen Spitzenverbänden und dem Landeswohlfahrtsverband. Das Holocaust-Museum in Amsterdam hatten Landtagspräsidentin Wallmann und die vier Vizepräsidentinnen und Vizepräsidenten im Juli 2025 im Rahmen einer zweitägigen Informationsreise besucht und dort Einblicke in die niederländische Erinnerungskultur erhalten.

Dass Erinnerung immer auch Gegenwartsverantwortung bedeutet, machte auch die Vorsitzende der CDU-Fraktion im Hessischen Landtag, Ines Claus, anlässlich des Gedenktages deutlich. Der 27. Januar sei ein Tag des Erinnerns und zugleich ein Tag, der uns verpflichte. Mit der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 81 Jahren seien die unfassbaren Verbrechen des nationalsozialistischen Terrorregimes sichtbar geworden. Millionen Menschen seien entrechtet, verfolgt und ermordet worden – Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, politisch Andersdenkende, Menschen mit Behinderungen, Homosexuelle und viele andere. Dieses Menschheitsverbrechen bleibe Mahnung für alle Generationen.

Erinnerung dürfe jedoch nicht bei der Rückschau stehen bleiben, sondern müsse Konsequenzen für unser Handeln heute haben. Denn erneut gewännen Antisemitismus, Rassismus, Verschwörungsideologien und demokratiefeindliche Haltungen an Einfluss. Extremismus bedrohe die offene Gesellschaft von rechts wie von links, überall dort, wo Menschenwürde relativiert, Gewalt verharmlost und demokratische Institutionen delegitimiert würden. Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Respekt seien keine Selbstverständlichkeiten, sondern müssten immer wieder verteidigt werden – im Alltag, im Netz, in Schulen, Vereinen, Parlamenten und auf der Straße. Wegsehen, Schweigen, Relativieren und Gleichgültigkeit dürften keinen Platz haben.

Die CDU-Fraktion, so Claus, bekenne sich klar zur besonderen historischen Verantwortung Deutschlands: zum Schutz jüdischen Lebens, zum entschiedenen Kampf gegen jede Form des Antisemitismus und zur Stärkung einer lebendigen Erinnerungskultur. „Nie wieder“ sei kein historischer Rückblick, sondern ein politischer und gesellschaftlicher Auftrag für die Gegenwart. Wer die Demokratie verächtlich mache, Hass schüre oder Gewalt legitimiere, stelle sich gegen die Lehren aus der Geschichte. Dem gelte es entschieden entgegenzutreten – mit klarer Haltung, mit Rechtsstaatlichkeit und mit dem festen Willen, das freiheitliche Zusammenleben zu bewahren. +++


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