Fulda, Bach und Bologna: HLSB eröffnet Ausstellung zur Musikgeschichte des Barock

Ulrich Moormann, Vittorio Vanini und Harald Kraus beim Betrachten der Noten zu Bachs Musikalischem Opfer. Foto: HLSB

Musikgeschichte lässt sich nicht allein anhand von Noten, Jahreszahlen und historischen Dokumenten erzählen. Sie wird dort lebendig, wo Menschen, Orte und kulturelle Verbindungen sichtbar werden. In der Hochschul-, Landes- und Stadtbibliothek (HLSB) Fulda ist eine Ausstellung eröffnet worden, die genau diese Verbindung herstellt. Im Mittelpunkt stehen der im 18. Jahrhundert in Fulda wirkende Hofkapellmeister Giovanni Battista Pauli, der Komponist Johann Sebastian Bach und der bemerkenswerte Transfer musikalischen Wissens von Fulda über Leipzig bis nach Bologna. Mit neuen Erkenntnissen zur lokalen Musikgeschichte sowie mit Cembalo, Geige und Gesang wurde der Auftakt zu einer Veranstaltung gestaltet, die historische Forschung und musikalische Praxis miteinander verband.

Die Veranstaltung fand in Kooperation mit dem Bischöflichen Kirchenmusikinstitut statt. Anlass war die Eröffnung der Sonderausstellung „Sammlung und Transfer von musikalischem Wissen im barocken Fulda“. Im feierlichen Rahmen wurde dabei auch an Giovanni Battista Pauli erinnert, der als Hofkapellmeister im Fulda des 18. Jahrhunderts wirkte und dessen Verbindungen nach Italien eine wichtige Rolle in der musikalischen Geschichte der Stadt einnahmen.

Bei seiner Begrüßung dankte Alexander Maul, Leiter der Abteilung Kulturerbe & Kulturgutschutz in der HLSB, allen Kolleginnen und Kollegen, die an der Planung und Durchführung der Veranstaltung sowie insbesondere an der Umsetzung der Sonderausstellung beteiligt waren. Sein besonderer Dank galt Ulrich Moormann, der als Regionalkantor die Idee zu der Kooperation entwickelt hatte und maßgeblich an der Konzeption der Ausstellung beteiligt war. Damit wurde eine Verbindung zwischen bibliothekarischer und historischer Arbeit, kirchenmusikalischer Praxis und der Vermittlung regionaler Kulturgeschichte geschaffen.

Giovanni Battista Pauli und der Aufbau der Fuldaer Hofmusik

Als Gastredner war der aus Fulda stammende Musikpädagoge Harald Kraus eingeladen. Kraus ist am Wirsberg-Gymnasium in Würzburg tätig und hat sich in der Vergangenheit mehrfach mit Giovanni Battista Pauli beschäftigt. Mit seiner unterhaltsamen Art gelang es ihm, das Publikum zu fesseln und auch komplexere musikalische und historische Zusammenhänge verständlich darzustellen. Sein Vortrag verband die Auswertung historischer Quellen mit einer Einordnung der politischen und kulturellen Entwicklungen, die den Aufbau der Fuldaer Hofmusik im 18. Jahrhundert begleiteten.

Kraus stellte die These auf, dass der gebürtig aus Rom stammende Giovanni Battista Pauli von Fürstabt Constantin von Buttlar um 1720 nach Fulda geholt wurde. Hintergrund könnten die Bestrebungen des Fürstabts gewesen sein, Fulda in den Rang eines Bistums erheben zu lassen und die Hofhaltung in diesem Zusammenhang in verschiedenen Bereichen auszubauen. Ab dem Jahr 1720 wurden systematisch Instrumente und Noten für Fulda angeschafft. Die Erhebung zum Bistum erfolgte allerdings erst im Jahr 1752.

Die Entwicklung der Hofmusik stand damit in einem größeren Zusammenhang. Musikalische Ausstattung, die Verpflichtung von Fachleuten und die Beschaffung von Noten waren nicht lediglich Fragen des kulturellen Geschmacks. Sie gehörten auch zu den sichtbaren Ausdrucksformen einer Hofhaltung, die ihre Bedeutung und ihren Anspruch durch unterschiedliche Bereiche des gesellschaftlichen und geistlichen Lebens unterstrich. Die Geschichte der Musik in Fulda ist insofern auch mit den politischen und institutionellen Entwicklungen der damaligen Zeit verbunden.

Anhand entsprechender Rechnungen konnte Harald Kraus aufzeigen, dass Pauli ein Jahresgehalt von 250 Gulden erhielt. Für seine Tätigkeit als Hofkapellmeister stellte dies eine stattliche Vergütung dar. Die Rechnungen geben damit nicht nur Aufschluss über die finanzielle Ausstattung der Hofmusik, sondern ermöglichen auch einen Einblick in die Stellung, die Pauli innerhalb der Fuldaer Hofhaltung einnahm.

Besondere Bedeutung hatten zwei Briefe, die erst unlängst entdeckt worden waren. Anhand dieser Dokumente konnte Kraus den Beginn der Hofmusik unter Constantin von Buttlar und Adolph von Dalberg näher beleuchten. Die Briefe erweitern die Kenntnisse über die Entstehung und Entwicklung der musikalischen Strukturen in Fulda und machen zugleich deutlich, welchen Wert historische Quellen für die Rekonstruktion regionaler Musikgeschichte besitzen.

Pauli unterhielt zeitlebens gute Kontakte nach Italien und war mit wichtigen Personen seiner Zeit vernetzt. Diese Verbindungen verweisen auf eine musikalische Welt, in der Wissen, Werke und Noten nicht an den Grenzen einzelner Höfe oder Regionen Halt machten. Fulda war dabei nicht ausschließlich ein Ort, an dem Musik aufgeführt und gepflegt wurde. Die Stadt war auch in kulturelle Beziehungen eingebunden, die bis nach Italien reichten.

Ein musikalisches Meisterwerk auf dem Weg von Leipzig nach Bologna

Einen zweiten Schwerpunkt des Vortrags bildete das „Musikalische Opfer“ von Johann Sebastian Bach. Eines der derzeit noch bekannten 18 Exemplare des Erstdrucks wurde in Fulda erworben und wird heute in der Hochschul-, Landes- und Stadtbibliothek aufbewahrt. Das historische Druckwerk steht damit nicht nur für Bachs musikalisches Schaffen, sondern auch für die Bedeutung der HLSB als Ort der Bewahrung und Vermittlung kulturellen Erbes.

Besonders bemerkenswert ist der Weg, den ein Teil dieser Drucke nahm. Giovanni Battista Pauli schickte einen Teil der in Fulda vorhandenen Drucke an Giovanni Battista Martini nach Bologna, wo sie bis heute verwahrt werden. Damit lässt sich ein außergewöhnlicher Transfer musikalischen Wissens und eines bedeutenden musikalischen Meisterwerks nachvollziehen: von Leipzig über Fulda nach Bologna – und dies noch zu Lebzeiten Johann Sebastian Bachs.

Die Geschichte dieses Transfers verdeutlicht, dass musikalische Werke bereits im 18. Jahrhundert über regionale und nationale Grenzen hinweg verbreitet wurden. Noten waren nicht nur Arbeitsmaterial für Musiker, sondern auch Träger von Wissen, Ausdruck kultureller Beziehungen und Bestandteil eines überregionalen Austauschs. Der Weg des „Musikalischen Opfers“ macht sichtbar, wie Fulda in solche Verbindungen eingebunden war und welchen Beitrag einzelne Persönlichkeiten wie Pauli dabei leisteten.

Gerade diese Verbindung von lokaler Geschichte und europäischem Kulturtransfer verleiht der Ausstellung ihre besondere Bedeutung. Die Geschichte der Fuldaer Hofmusik wird nicht isoliert betrachtet, sondern in ein Netzwerk musikalischer Beziehungen eingeordnet. Der Blick richtet sich damit zugleich auf die Menschen, die Werke sammelten, weitergaben und ihre Verbreitung ermöglichten.

Musik macht historische Quellen unmittelbar erfahrbar

Für den musikalischen Rahmen der Veranstaltung sorgte am Cembalo Vittorio Vanini, der Regionalkantor des Bistums Fulda für Hanau. Die historische Thematik wurde damit nicht allein durch Vorträge und Dokumente vermittelt, sondern auch durch die praktische Erfahrung von Musik. Harald Kraus musizierte selbst Ausschnitte aus Paulis Kantate „Goder potremo“. Das Werk ist neben seiner Messe von 1728 das einzige noch erhaltene Werk Paulis.

Die Aufführung gab dem Publikum die Möglichkeit, einen unmittelbaren Zugang zum musikalischen Schaffen des Hofkapellmeisters zu gewinnen. Wo historische Dokumente die Bedingungen der Entstehung und Verbreitung von Musik sichtbar machen, können die erhaltenen Werke selbst einen Eindruck von deren musikalischer Gestalt vermitteln. Die Verbindung aus Vortrag und Aufführung bildete damit einen wesentlichen Bestandteil des Veranstaltungskonzepts.

Im Anschluss wurde die Ausstellung feierlich eröffnet. Zu sehen ist unter anderem der Erstdruck des „Musikalischen Opfers“. Neben Giovanni Battista Pauli, Giovanni Battista Martini und Johann Sebastian Bach widmet sich die Ausstellung auch den beiden in Fulda tätigen Musikern Johann Heinrich Fischer und Fructuosus Röder. Beide spielten ebenfalls eine Rolle bei der Rezeption des protestantischen Komponisten Bach im katholischen Fulda.

Damit erweitert die Ausstellung den Blick über einzelne Komponisten und Werke hinaus. Sie beleuchtet auch die Bedingungen, unter denen musikalische Werke in einem konfessionell geprägten Umfeld aufgenommen, vermittelt und weitergegeben wurden. Die Rezeption Bachs im katholischen Fulda wird zu einem Teil jener Geschichte, in der musikalische Qualität, persönliche Kontakte und kultureller Austausch über konfessionelle Grenzen hinweg wirksam wurden.

Ausstellung verbindet regionale Geschichte mit europäischem Kulturerbe

Die Eröffnung in der HLSB Fulda zeigt, wie historische Forschung und musikalische Vermittlung zusammenwirken können. Rechnungen, Briefe und alte Drucke geben Einblicke in die Entstehung der Fuldaer Hofmusik und in die Verbindungen ihrer Akteure. Die musikalischen Beiträge der Veranstaltung führen diese Geschichte zugleich in die Gegenwart zurück und machen Werke hörbar, die mit der Stadt und ihrer kulturellen Vergangenheit verbunden sind.

Die Ausstellung „Sammlung und Transfer von musikalischem Wissen im barocken Fulda“ richtet den Blick auf eine Epoche, in der Musik durch persönliche Netzwerke, den Austausch von Noten und die Arbeit an Höfen und kirchlichen Einrichtungen verbreitet wurde. Fulda erscheint dabei als Teil eines größeren kulturellen Raums, dessen Verbindungen bis nach Italien reichten. Der Transfer des „Musikalischen Opfers“ von Leipzig über Fulda nach Bologna steht beispielhaft für diese überregionalen Beziehungen.

Die Ausstellung ist noch bis zum 9. Oktober 2026 in der Hochschul-, Landes- und Stadtbibliothek Fulda am Standort Heinrich-von-Bibra-Platz zu sehen. Besucherinnen und Besucher erhalten dort die Möglichkeit, sich mit der Geschichte der Fuldaer Hofmusik, Giovanni Battista Pauli und den musikalischen Verbindungen zwischen Fulda, Leipzig und Bologna auseinanderzusetzen. Der Erstdruck des „Musikalischen Opfers“ sowie die weiteren Ausstellungsschwerpunkte machen die Präsentation zu einem Einblick in ein Stück regionaler Musikgeschichte, das zugleich weit über Fulda hinausweist. +++


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