Der deutsche Diplomat Markus Potzel startet erst am heutigen Donnerstag die Verhandlungen mit den Taliban über eine Evakuierung der afghanischen Ortskräfte. Das berichtet „Business Insider“ unter Berufung auf Regierungskreise. Am Dienstag hatte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) noch gesagt, Potzel werde am gleichen Abend in Doha, Katar, eintreffen und unmittelbar mit den Verhandlungen beginnen. Offenbar dauerte es dann doch etwas länger.
Noch ist zudem unklar, was die Taliban im Gegenzug für ein Passieren der afghanischen Ortskräfte verlangen – und ob sie überhaupt bereit dazu sind, Afghanen die Ausreise zu ermöglichen. Nach Expertenansicht wäre eine Geldzahlung denkbar, noch viel wichtiger scheint den Taliban aber die Aufnahme diplomatischer Beziehungen oder eine andere Form der Anerkennung. Derzeit haben Taliban-Kämpfer den Flughafen komplett abgeriegelt und lassen nur westliche Staatsbürger durch. Die afghanischen Staatsbürger, die sich noch am Flughafen aufhalten, werden von der Taliban aufgefordert, das Gelände zu verlassen. Aktuell drängt die Zeit: Nach Informationen von „Business Insider“ will die NATO den Flughafen Kabul Ende August schließen. Derzeit verhandelt die Bundesregierung mit der US-Regierung laut des Berichtes auch über eine Verlängerung des Einsatzes der US-Truppen, unter anderem auch auf der außerordentlichen NATO-Außenministerkonferenz am morgigen Freitag.
Nachdem das Emirat Katar Kritik für den Transport von hochrangigen Taliban nach Afghanistan einstecken musste, bemüht sich der Wüstenstaat nun um ein besseres Image und will sich auch an den Evakuierungen beteiligen. Seit Dienstag habe die katarische Luftwaffe im Rahmen von vier Evakuierungsflügen eine Reihe von Menschen aus dem Land geflogen, hieß es in einer am Donnerstag auf Deutsch verbreiteten Pressemitteilung. „Darunter waren westliche Journalisten und afghanische Aktivisten, aber auch einige deutsche Staatsbürger, die vor der aktuellen Gewalt und dem Vormarsch der Taliban im Land fliehen“, heißt es in dem Text wörtlich. Außerdem habe die katarische Luftwaffe am Mittwochabend ein Flugzeug mit humanitären Hilfsgütern „für aufgrund der aktuellen Kämpfe vertriebene Afghanen“ losgeschickt. Katar sieht sich selbst im Afghanistan-Konflikt in einer „Vermittlerrolle“, der man auch in Zukunft gerecht werden wolle, wie es heißt. Zuvor hatte es Berichte gegeben, wonach die Luftwaffe Katars Mullah Abdul Ghani Baradar, den Vizechef der Taliban, nach langer Zeit wieder zurück nach Afghanistan geflogen habe. Das gefiel dem Emirat offenbar gar nicht. „Die Botschaft des Staates Katar bittet das verzerrte Bild in einigen Teilen der deutschen Öffentlichkeit über die Rolle Katars in dem Konflikt zu korrigieren“, heißt es in der Erklärung.
AfD-Fraktionschef Alexander Gauland lehnt eine Aufnahme von afghanischen Ortskräften deutscher Hilfsorganisationen vorerst ab. „Die Taliban haben ja gesagt, dass sie die Leute nicht verfolgen werden“, sagte er am Donnerstag dem Deutschlandfunk. Von daher müsse man erst mal abwarten, wie sich die Taliban verhielten. „Es kann nicht sein, dass Leute, die fürchten, in Zukunft mal bedroht zu sein, schon kommen“, so Gauland. Es sollten nur die Afghanen aufgenommen werden, die mit der Bundeswehr gearbeitet haben. Zu Abschiebungen in das Krisenland sagte der AfD-Politiker, man müsse „in der Tat ein paar Tage diese Abschiebungen aussetzen, bis sich klar geklärt hat, wie die Taliban in Kabul regieren“.
Das Bundesverteidigungsministerium gibt an, dass die Bundeswehr, anders als die US-Armee, bei ihrem Abzug aus Afghanistan keine Waffen für die afghanischen Sicherheitskräfte zurückgelassen hat. „Bei der Rückverlegung des Deutschen Einsatzkontingents wurden keine Waffen der Bundeswehr an afghanische Sicherheitskräfte übergeben“, zitiert die „Welt“ einen Sprecher. Somit bestehe auch nicht die Möglichkeit, dass Bundeswehr-Waffen nun an Taliban-Kämpfer gefallen sind. „Uns liegen keine Erkenntnisse vor, dass Waffen der Bundeswehr in Händen der Taliban sind“, so das Ministerium. Allerdings hat die Bundesregierung laut Rüstungsexportberichten allein zwischen 2015 und 2020 die Ausfuhr von Rüstungsgütern im Wert von rund 56 Millionen Euro nach Afghanistan genehmigt, schreibt die Zeitung. Dabei handelt es sich beispielsweise um „Geländewagen mit Sonderschutz“, „Kommunikationsausrüstung“ und „Flugkörperabwehrsysteme für Luftfahrzeuge“. Was davo n nun in den Händen der Taliban ist, weiß man im Verteidigungsministerium zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. „Dazu liegen dem BMVg zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Erkenntnisse vor“, hieß es. Laut Ben Barry, Militärexperte am Londoner Thinktank International Institute for Strategic Studies (IISS), besteht die reale Möglichkeit, dass auch deutsches Kriegsgerät an die Taliban gefallen ist: „Alles, was die afghanischen Sicherheitskräfte besaßen, ist jetzt theoretisch in den Händen der Taliban“, sagte Barry der „Welt“. +++

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