Es sind nicht die großen Gesten, die diesen Ort beschreiben. Eher das Zusammenspiel aus Rückzug und Gemeinschaft, aus Alltag und Aufbruch. In der Paul-Klee-Straße 45 bis 51 im Stadtteil Fulda-Galerie ist ein Gebäudekomplex entstanden, der genau dieses Spannungsfeld sichtbar macht – und nutzbar.
Der Diözesan-Caritasverband Fulda hat hier auf einem Erbbaugrundstück der Stadt zwei Häuser errichtet. Zwei Häuser, die unterschiedliche Bedürfnisse aufnehmen und doch einer gemeinsamen Idee folgen. Seit dem symbolischen Spatenstich im Juni 2023 ist ein Ensemble gewachsen, das Wohnen, Betreuung, Bildung und sozialen Ausgleich miteinander verbindet.
Im Mittelpunkt steht das sogenannte „Haus Klara“. Ein Wohnangebot für Menschen mit Behinderungen, das sich bewusst vom Alten löst, ohne die Menschen dahinter zu verlieren. 14 dauerhafte Wohnplätze und ein zusätzliches Gästezimmer stehen hier zur Verfügung. Es sind Einzelzimmer, jeweils zwischen 15,65 und 15,80 Quadratmeter groß, ausgestattet mit eigenem, rollstuhlgerechtem Badezimmer. Bett, Nachttisch, Kleiderschrank, Sideboard – die Grundausstattung ist vorgegeben, alles andere bleibt den Bewohnerinnen und Bewohnern selbst überlassen. Persönliche Gegenstände, eigene Gestaltung, ein Stück Individualität.
Das Haus ist barrierefrei angelegt, verteilt auf zwei Stockwerke, verbunden durch einen Aufzug. Alle Bereiche sind auch für mobilitätseingeschränkte Menschen gut erreichbar. Neben den privaten Rückzugsorten gibt es großzügige Gemeinschaftsflächen: ein Wohn- und Essbereich, eine Küche, eine Fernsehecke. Räume, die nicht nur funktional sind, sondern Begegnung ermöglichen.
Die Idee dahinter ist klar formuliert: ein Leben, das an eine Großfamilie erinnert. Gemeinschaft, gegenseitige Unterstützung, ein wertschätzendes Miteinander. Die Bewohnerinnen und Bewohner sollen so selbstständig wie möglich leben – oder es wieder werden. Fachkräfte der Caritas begleiten sie dabei, unterstützen beim Ankommen, beim Alltag, bei der Organisation des Lebens. Gemeinsam wird gekocht, gemeinsam werden Wege eingeübt – etwa bei Fahrtrainings mit dem Linienbus in die Innenstadt. Auch Ausflüge gehören dazu, ebenso wie psychosoziale Begleitung und Hilfe bei administrativen Fragen.
Für viele der Bewohnerinnen und Bewohner ist „Haus Klara“ ein neuer Ort – aber kein Bruch. Sie kommen aus der bisherigen Wohnanlage in der St.-Vinzenz-Straße in Fulda-Neuenberg, die vor mehr als 40 Jahren errichtet wurde. Doppelzimmer, Gemeinschaftsbäder – ein Konzept, das heute nicht mehr den Standards entspricht. Der Neubau schafft hier Abhilfe, ohne die Zahl der Wohnplätze zu verändern. Bereits im November 2025 wurden die neuen Zimmer bezogen. Die alte Einrichtung soll umfassend umgestaltet werden, mit einem modernen Ansatz.
Die Lage des neuen Hauses ist dabei kein Zufall. Eingebettet in den Stadtteil Galerie, in unmittelbarer Nähe zu Schule, Kinder- und Jugendtreff sowie Kindergarten, entsteht ein Raum, der Teilhabe nicht nur ermöglicht, sondern fast selbstverständlich macht. Präsenz im Sozialraum – und umgekehrt die Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Das zweite Gebäude ergänzt diesen Gedanken auf andere Weise. Im Erdgeschoss befindet sich eine öffentliche Stadtteil-Bibliothek mit 107 Quadratmetern Nutzfläche. Die Stadt Fulda hat die Räume langfristig angemietet, seit dem 1. Februar 2025 werden sie genutzt, im Sommer desselben Jahres offiziell eröffnet. Darüber liegen drei sozial geförderte Wohnungen mit insgesamt 188 Quadratmetern Wohnfläche, bereits im Januar 2025 bezogen. Voraussetzung für die Anmietung ist ein Wohnberechtigungsschein.
Caritas-Direktor Dr. Markus Juch begrüßte zur Einweihung die anwesenden Gäste und machte keinen Hehl aus seiner persönlichen Sicht auf das Projekt. Als alles fertig gewesen sei, habe ihn der Neubau „total begeistert“, sagte er. Und er fügte hinzu: „Aber ich kann heute sagen, wir sind stolz auf dieses Projekt.“
Bei der Einweihung fand Oberbürgermeister Dr. Wingenfeld klare Worte für das, was hier entstanden ist – und für das, was dahintersteht. Er griff das Jahresmotto „Zusammen geht was“ auf und machte zugleich deutlich, dass es für ihn mehr ist als ein zeitlich begrenzter Leitgedanke. „Ich finde, das sollte immer das Motto sein“, sagte der OB. Gemeinsam mit Stadtbaurat Daniel Schreiner bedankte er sich bei der Caritas sowie bei all jenen, „die Verantwortung tragen und Ideen haben“.
Wingenfeld erinnerte an den eher unscheinbaren Anfang einer Entwicklung, die inzwischen konkrete Formen angenommen hat. In einer Art „Bierdeckelaktion“ habe die Caritas einst notiert: Wir brauchen mehr Wohnraum. Auf die Frage, wer das denn umsetzen solle, sei die Antwort von Dr. Juch und Ansgar Erb ebenso schlicht wie folgenreich gewesen: „Wir machen das zusammen.“ Für den Oberbürgermeister markiert genau dieser Moment den Ausgangspunkt für viele Projekte, die daraus entstanden sind.
„Und dabei ist hier etwas entstanden, wo wir als Stadt Danke sagen dürfen“, betonte Wingenfeld. Es sei nicht nur dringend benötigter Wohnraum geschaffen worden, sondern zugleich auch eine Stadtteilbücherei – ein Ort für Begegnung und Miteinander. „Was ebenso wichtig ist“, sagte er.
Auch Stadtbaurat Daniel Schreiner ordnete das Projekt ein. Es sei „ein wichtiges Zeichen in einer schwierigen Zeit“, sagte er und verwies darauf, wie notwendig es sei, sich dieser Verantwortung zu stellen. Gemeinsam mit dem Oberbürgermeister überreichte er im Rahmen der Einweihung ein Geschenk – eine Geste, die den Dank der Stadt unterstrich.
Der Landtagsabgeordnete Thomas Hering lenkte den Blick auf das Grundsätzliche. Der Kern dieses Projekts sei die Menschlichkeit und der Zusammenhalt. Er sprach von einer „besonderen Symbiose“ – zwischen Wohnen, sozialer Verantwortung und öffentlichem Leben. Zugleich erinnerte er daran, dass es immer Menschen gebe, die nicht im Fokus stehen, die Gefahr laufen, durch das Raster zu fallen. Gerade hier, so Hering, gelinge es der Caritas, diesen Blick zu bewahren.
Die Zahlen hinter dem Bau bleiben dabei nüchtern: 2,57 Millionen Euro für das Wohnhaus inklusive Innenausstattung, 1,045 Millionen Euro für das Gebäude mit Bibliothek und Wohnungen – insgesamt 3,62 Millionen Euro. Die Stadt Fulda förderte das Projekt mit 816.500 Euro, das Land Hessen steuerte 602.500 Euro bei, die Aktion Mensch weitere 200.000 Euro. Rund zwei Millionen Euro trägt die Caritas aus eigenen Mitteln.
Was bleibt, ist mehr als ein Bauprojekt. Es ist ein Stück Stadt, das zeigt, wie unterschiedlich Leben sein kann – und wie nah es sich kommen darf. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung dieses Ortes: dass Teilhabe hier nicht gedacht, sondern gelebt wird. Stein für Stein. +++











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