Behindertenhilfe in der Westukraine: Seit Kriegsbeginn Betreuung virtuell

Krieg soll die guten Ergebnisse nicht wieder kaputtmachen

Seit 2009 verbindet die Caritas Fulda und die Caritas Iwano-Frankiwsk eine feste Partnerschaft. In verschiedenen Projekten baute man gemeinsam die Angebote für Menschen mit Handicap in der westukrainischen Region im Vorland der Karpaten aus, machte Lobbyarbeit für Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe der Betroffenen und sorgte zuletzt sehr erfolgreich für ein Netz von Selbsthilfegruppen nicht nur für die Menschen mit Einschränkungen selbst, sondern auch für ihre Angehörigen. Diese Gruppen, oftmals in den Kirchengemeinden angesiedelt, boten den Mitgliedern Austausch durch Gespräch, gegenseitige Unterstützung, größere Mobilität für die Menschen mit Behinderung, und es konnten sogar an manchen Orten Arbeits- und Freizeitangebote durch die Selbsthilfestrukturen geschaffen werden.

Nun herrscht seit vier über Wochen Krieg im Land. Die Partner-Caritas in Iwano-Frankiwsk ist praktisch seit dem ersten Kriegstag im Ausnahmezustand. Das Caritas-Haus dient als ein großes Lager für Hilfsgüter, alles dreht sich um die Versorgung der Menschen, die als Binnenflüchtlinge aus der Ost- und Zentralukraine in und durch die Stadt strömen. „Wir sind mit dem ganzen Team Tag und Nacht im Einsatz, um die Binnenflüchtlinge aus der Ost- und Zentralukraine hier zu empfangen und zu betreuen“, sagt Natalija Kozakevych, Geschäftsführerin der Caritas Iwano-Frankiwsk. „Viele der Menschen haben daheim ja alles stehen und liegen gelassen und sind ohne großes Gepäck Richtung Westen aufgebrochen. Wir müssen sie mit dem Nötigsten ausstatten, sie versorgen, und bei vielen geht es auch um psychische Hilfe, wenn sie unmittelbar aus den kriegszerstörten Regionen zu uns kommen“.

Der Caritas Iwano-Frankiwsk hilft bei ihrer Hilfstätigkeit, dass sie einige Partner in der EU hat. Auch von ihrem Schwesterverband in der Diözese Fulda erhält sie Unterstützung durch Hilfsgüter und Spenden. Üblicherweise arbeiten die beiden Verbände seit 2009 in der Behindertenhilfe zusammen. Diese Betreuungsarbeit leidet jetzt natürlich ein wenig. „Wir mussten die Menschen mit Handicap leider nach Hause schicken“, erläutert Geschäftsführerin Kozakevych. „Im Caritas-Haus ist jetzt kein Platz für betreute Gruppen, und niemand aus unserem Team hat die nötige Ruhe und Zeit, sich mit den Menschen zu beschäftigen. Wir profitieren jetzt aber von den Selbsthilfestrukturen, die vielerorts durch unser Partnerprojekt mit Fulda entstanden sind. Die beteiligten Familien der Menschen mit Behinderung treffen sich und unterstützen sich gegenseitig weiterhin, und virtuell bieten wir ihnen Beratungen an und begleiten so die Selbsthilfegruppen, wenn es Probleme gibt. Auch werden die Online-Zusammenkünfte genutzt, damit jeder Beteiligte immer wieder mal Ansprache hat, seine Sorgen und Nöte äußern und getröstet werden kann!“

Auch bei den Flüchtlingen, die nach Iwano-Frankiwsk gelangen oder durch die Stadt Richtung Polen und Slowakei unterwegs sind, gibt es teilweise Pflegebedarf durch physische und psychische Erschöpfung, aber es sind auch Gebrechliche und Personen mit Einschränkungen unter den Binnenflüchtlingen. Um diese Menschen bei allen Provisorien möglichst gut versorgen zu können, plant die Caritas Fulda auf Bitten von Iwano-Frankiwsk nun, mit dem nächsten Hilfsgütertransport auch Pflegebetten mitzuschicken. „Es ist klar, dass zum Beispiel alte oder körperlich eingeschränkte Menschen nicht auf Isomatten auf dem Boden liegen können“, erläutert der Fuldaer Diözesan-Caritasdirektor Dr. Markus Juch. „Mit 15 Pflegebetten aus unserer Pflegeeinrichtung St. Josef können wir – so meine ich – viel bewirken, so dass die Flüchtlingsstation bei der Caritas Iwano-Frankiwsk den Menschen mit Handicap auf ihrer Flucht ganz bestimmt eine wirkliche Erholungspause bieten wird.“

Auch wenn sich derzeit fast alles um die Kriegsflüchtlinge dreht, in Iwano-Frankiwsk wie in Fulda hoffen die Caritas-Verantwortlichen, dass baldmöglichst wieder Frieden herrscht und die Partnerprojektarbeit mit den Menschen mit Behinderung wiederaufgenommen werden kann. „Diese Kooperation hat schon so viel Gutes bewirkt“, sagt Caritasdirektor Juch. „Die Menschen mit Handicap in Betreuung unserer Partner-Caritas sind so viel selbstbewusster und selbstständiger geworden. In der Gesellschaft haben sie und ihre Familien sich einen Platz erobert, der nicht wieder verloren gehen soll. Wir lassen unseren Schwesterverband nicht allein und wollen nach Ende des Krieges weitermachen!“

Die katholischen Organisationen unter dem Dach des Bistums Fulda sammeln gemeinsam Spendengelder, um die Partner-Caritas Iwano-Frankiwsk bei der Flüchtlingsarbeit sowie auch hier ankommende Flüchtlinge aus der Ukraine umfassend zu unterstützen und zu begleiten. Zweckgebundene Ukraine-Spenden sind möglich unter dem Stichwort „Ukraine-Krieg Nothilfe“, Wollen Sie das Behindertenhilfe-Partnerprojekt unterstützen, wählen Sie bitte das Spendenziel „Caritas-Partnerprojekt Ukraine“. Die Bankverbindung: Spendenkonto des Caritasverbandes für die Diözese Fulda bei der Sparkasse Fulda, IBAN DE64 5305 0180 0000 0002 20. +++

Coronadaten

Letzte Aktualisierung: 30.11.2022, 05:22 Uhr
 Inzidenz7-Tage-Fallzahl
Fulda
176,2 ↑394
Vogelsberg265,9 ↑281
Hersfeld
139,8 ↓168
Main-Kinzig182,3 ↓772

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