Mit der Sanierung des hierzulande vor allem als „Hexenturm“ bekannten mittelalterlichen Bauwerks, dessen Datierung auf eine Zeit zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert zurückgeht, dessen historisch korrekter Name jedoch „Jungfernturm am Frauentörlein“ lautet, steht im Herzen der Fuldaer Altstadt, wenige Gehminuten vom Barockviertel entfernt, ein Projekt kurz vor dem Abschluss, das über Jahrzehnte kommunalpolitisch vorbereitet wurde. Die hiesige freie und unabhängige Wählergemeinschaft Christliche-Wähler-Einheit – kurz: CWE – hat sich im besonderen Maße dem Objekt verschrieben. Seit über 30 Jahren ist das Thema „Jungfernturm“ gesetzt, in der Vergangenheit immer wieder Anträge in der Fuldaer Stadtverordnetenversammlung gestellt worden. Gestern stattete die CWE Fulda im Rahmen ihrer Sommerbegehung dem „Jungfernturm am Frauentörlein“ einen Besuch ab. Begleitet hat sie das Fuldaer Magistratsmitglied, Stadtbaurat Daniel Schreiner (parteilos), der eine Einordnung in die Historizität und den Bauprozess gab.
Eigentlich sah der ursprüngliche Antrag der CWE Fulda vor, den Turm in der Fuldaer Kanalstraße 1 der allgemeinen Öffentlichkeit zur freien Begehung zugänglich zu machen. Doch dieses Wunschdenken scheidet gleich aus mehreren Gründen aus, wie der Fuldaer Stadtbaurat gleich zu Beginn deutlichmachte. Zum einen gibt es auf der überdachten Aussichtsplattform für vielleicht gerade einmal 25 Personen Platz. Würde man den Turm öffnen, so hätte man keine Kontrolle darüber, wie viele Personen sich Zutritt verschaffen. „Das wäre auch von der Versammlungsstättenverordnung (VStättVA) schwierig“, so Stadtbaurat Schreiner, der erklärte: „Es wäre unkontrollierbar, wie viele Personen sich im Turm aufhalten. Die Flucht- und Rettungswege wären nicht gewährleistet. Auch müsste, um den Turm als Aussichtsplattform nutzen zu können, die Barrierefreiheit sichergestellt werden. Das geht aber nur mit einem Fahrstuhl; und dafür ist im Turminnern nicht genügend Platz, zumal wäre das auch viel zu aufwendig.“
Da viele Gründe gegen eine Nutzung als gewöhnliche Aussichtsplattform sprechen, entschied man sich zur Erschließung des Jungfernturmes für eine Installation einer Wendeltreppe. Künftig soll der Turm ausschließlich im Rahmen geführter Besichtigungen geöffnet werden.
Stadtbaurat Schreiner dankte der CWE Fulda auch gestern noch einmal für den Antrag, der zwar ursprünglich mehr vorsah als man letztlich umsetzen konnte, entscheidend sei jedoch gewesen, an diesem Ort ein gemeinschaftliches Projekt zu entwickeln, das in jeder Phase seiner Entwicklung kommunalpolitisch begleitet wie auch durchgetragen wurde. So sei es auch bei der Schlossturmsanierung gewesen. Auch hier habe die CWE nicht nur Anträge gestellt, sondern alle Phasen bis zum Schluss konstruktiv begleitet.
Schlossturm: Rekordverdächtige Besucherzahlen nach der Sanierung
Zur Schlossturmsanierung erwähnte Schreiner gestern beiläufig, dass bei der Sanierung nichts dem Zufall überlassen worden oder gar falschgelaufen sei. Alles habe seine Richtigkeit gehabt, auch wenn dies Kritiker anders erscheinen lassen wollten. Belegbar sei: „Der Schlossturm ist ein Touristenmagnet. Seit dem der Turm mit dem Stahlkonstrukt (beleuchtete Turmhaube) versehen wurde, strömen viele tausend Besuchende auf den Schlossturm. Das war vor seiner Sanierung nicht so. Die Besucherzahlen sind rekordverdächtig.“ In gerade einmal zwei Monaten besuchten den Schlossturm mehr Besucherinnen und Besucher als das Vonderau Museum Fulda im ganzen Jahr, wie Stadtbaurat Schreiner stolz und zugleich bescheiden erläuterte. Die Besucherzahlen bestätigten, dass die Sanierung des Schlossturmes gelungen sei. Die Erwartung, dass ein Jedermann auch konform mit der Formsprache sein muss, sei zu keiner Zeit gegeben gewesen.
Der „Jungfernturm am Frauentörlein“ geht weit über die Restaurierung eines mittelalterlichen Wehrturmes hinaus. Sie verbinde den Erhalt historischer Bausubstanz mit den Anforderungen des Denkmalschutzes und einer neuen touristischen Nutzung. Unter dem neu errichteten Dach entstand eine Treppenanlage mit Aussichtsplattform, von dieser man einen Rundumblick auf die angrenzenden Schönheiten des barocken Fulda hat. Die acht Dachgauben rahmen den Ausblick und eröffnen neue Perspektiven auf das historische Stadtbild.
Stadtverbandsvorsitzender und Stadtverordneter Martin Jahn erinnerte gestern in seinen einleitenden Begrüßungsworten daran, dass sich die CWE seit vielen Jahren für die Aufwertung des Turmes eingesetzt habe. Er dankte Daniel Schreiner ausdrücklich dafür, den entsprechenden Antrag umgesetzt zu haben. In diesem Zusammenhang kritisierte Jahn den öffentlichen Umgang mit der jüngsten Wiederwahl des Stadtbaurats. Die Berichterstattung sei aus seiner Sicht nicht immer fair gewesen. Viele Entscheidungen seien mit breiten Mehrheiten getroffen worden, dennoch seien Erfolge und Verantwortung teilweise einseitig dargestellt worden. Fehler gehörten zur politischen Arbeit dazu. Entscheidend sei jedoch ein sachlicher und fairer Umgang miteinander.
Entscheidend sind fachliches Know-how, Ausdauer und Kontinuität
Schreiner würdigte seinerseits die langjährige Unterstützung der CWE. Das Projekt zeige, dass kommunale Vorhaben nur dann erfolgreich umgesetzt werden könnten, wenn politische Initiativen über Jahre hinweg gemeinsam getragen würden. Gerade bei historischen Bauwerken seien Ausdauer und Kontinuität wichtiger als kurzfristige politische Debatten.
Die Geschichte des heutigen Jungfernturms reicht bis in die Zeit der Stadtgründung im frühen 12. Jahrhundert zurück. Der Turm entstand im Zusammenhang mit dem Ausbau der mittelalterlichen Stadtbefestigung unter Abt Marquard. Noch heute ist die ehemalige Stadtmauer im angrenzenden Gebäudebestand nachvollziehbar. Sie prägte auch die ungewöhnliche Form des Turms, dessen Rundung an einer Seite durch den Verlauf der Wehrmauer abgeflacht wurde.
Historische Darstellungen belegen, dass der Turm spätestens im 14. Jahrhundert mit einem Dach versehen war. Die meisten überlieferten Abbildungen zeigen ein hohes Spitzdach. Unterschiede bestanden lediglich bei der Ausgestaltung der Gauben. Für die jetzige Rekonstruktion entschied sich die Stadt bewusst für ein Dach mit Gauben. Ohne diese Öffnungen hätte die geplante Aussichtsplattform ihren eigentlichen Zweck nicht erfüllen können.
Besonderes Gewicht legte Schreiner auf die historische Einordnung des Bauwerks. Die heute gebräuchliche Bezeichnung „Hexenturm“ sei aus wissenschaftlicher Sicht irreführend. Historische Quellen belegten keinen Zusammenhang zwischen dem Turm und den Hexenverfolgungen in Fulda. Zwar seien die Hexenprozesse und zahlreiche Hinrichtungen historisch dokumentiert, sie stünden jedoch nicht in Verbindung mit diesem Bauwerk.
Die ursprüngliche Bezeichnung laute vielmehr „Jungfernturm am Frauentörlein.“ Nach den überlieferten Quellen befand sich an dieser Stelle der Zugang für Frauen in den Klosterbezirk. Vermutlich diente dieser Zugang vor allem praktischen Arbeiten innerhalb des Klosters. Die spätere Bezeichnung „Hexenturm“ entstand offenbar erst dadurch, dass das Erdgeschoss zeitweise als Gefängnis genutzt wurde. Daraus entwickelte sich im Volksmund die Vorstellung eines Hexengefängnisses, obwohl hierfür keinerlei historische Belege existieren.
Schreiner sprach sich deshalb dafür aus, künftig beide Bezeichnungen nebeneinander zu verwenden und die tatsächliche Geschichte des Bauwerks stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Geschichte dürfe nicht durch spektakuläre Begriffe überlagert werden, wenn diese historisch nicht haltbar seien.
Auch die bauliche Struktur des Turms erklärt zahlreiche Besonderheiten der Sanierung. Ursprünglich war das Erdgeschoss vom oberen Bereich vollständig getrennt. Der Zugang erfolgte ausschließlich über den damaligen Wehrgang in mehreren Metern Höhe. Deshalb musste neben der neuen Innentreppe zusätzlich eine äußere Erschließung geschaffen werden. Ohne den längst verschwundenen Wehrgang wäre der Turm heute nicht zugänglich.
Meisterleistung regionaler Firmen
Vor Beginn der Bauarbeiten mussten zunächst erhebliche Schäden beseitigt werden. Über Jahrzehnte war das Bauwerk sich selbst überlassen worden. Pflanzenbewuchs, lockerer Mörtel und statische Schäden machten umfangreiche Untersuchungen erforderlich. Der historische Ringanker konnte weitgehend erhalten und ertüchtigt werden, bevor die neue Dachkonstruktion aufgesetzt wurde.
Eine besondere planerische Herausforderung stellte die Innentreppe dar. Statt einer klassischen Wendeltreppe entlang der Außenwand entwickelte die Architektin eine steile, leiterähnliche Konstruktion. Dadurch bleibt das historische Mauerwerk weitgehend sichtbar und Besucher können den Innenraum des Turms intensiver erleben. Die steile Bauweise erfordert allerdings besondere Vorsicht beim Begehen.
Stadtbaurat Schreiner erklärte die Unterschiede zwischen historischer und heutiger Bauweise. Bei der Sanierung standen die heutigen statischen Anforderungen, die Konstruktion des Dachstuhls sowie die handwerkliche Umsetzung im Fokus. Wie Schreiner erläuterte, führten die heutigen Eurocodes zu größeren Holzquerschnitten als die früheren DIN-Normen. Aus seiner Sicht seien die heutigen Sicherheitsreserven deutlich höher als technisch notwendig. Historische Dachkonstruktionen seien deshalb wesentlich filigraner gewesen.
Der Dachstuhl wurde als klassisches Sprengwerk errichtet und besteht überwiegend aus Holz. Die Gauben seien direkt in das Gebälk eingearbeitet worden. Die heutige Holzoptik sei bewusst erhalten geblieben. Alle Arbeiten wurden von regionalen Firmen ausgeführt worden. Federführend war das Unternehmen Rehmhaus aus Tann (Rhön) an der Sanierung beteiligt.
Der Turm verfügt über acht Gauben, die sich an den Himmelsrichtungen orientieren. Für die Montage wurde die Konstruktion zunächst auf dem Hof des Unternehmens aufgebaut, wieder zerlegt und anschließend am Turm mit einem Kran montiert. Nacharbeiten seien dabei nicht notwendig gewesen. Zu den sichtbaren Rissen in den Balken, die den Teilnehmern der Begehung auffielen, erklärte Schreiner, dass diese bei Konstruktionsvollholz normal seien. Ursache seien Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen. Verwendet worden sei bewusst klassisches Bauholz, während am Boden hochwertigere Hölzer wie Lärche und Douglasie eingesetzt wurden.
Eine Herausforderung habe sich aus der Lage des Turms auf einem Grundstück mit dem Erbbaurecht der Caritas ergeben. Der bisherige Zugang verlief über nicht öffentliche Flächen und musste deshalb neu organisiert werden. Nach Abstimmung mit der Caritas entstand ein neuer Zugang auf städtischem Grundstück, ohne die Nutzung des benachbarten Gebäudes wesentlich einzuschränken.
Schreiner verwies darauf, dass gerade solche Abstimmungsprozesse verdeutlichten, weshalb kommunale Bauprojekte häufig mehrere Jahre Vorlauf benötigen. Planung, statische Untersuchungen, denkmalpflegerische Abstimmungen und Genehmigungen seien wesentliche Bestandteile eines Bauvorhabens. Erst danach könne die eigentliche Bauausführung beginnen.
Mit der nahezu abgeschlossenen 1 Millionen Euro teuren Sanierung erhält Fulda ein weiteres historisches Bauwerk, das Geschichte nicht nur bewahrt, sondern künftig auch erlebbar macht. Das Projekt verbindet denkmalgerechte Rekonstruktion mit einer zeitgemäßen touristischen Nutzung und zeigt, wie langfristige politische Zusammenarbeit, fachliche Planung und denkmalpflegerische Sorgfalt zur Bewahrung historischer Identität beitragen können. Zugleich macht die Diskussion um die Bezeichnung des Turms deutlich, dass Denkmalpflege nicht allein aus baulicher Sanierung besteht, sondern ebenso aus einer wissenschaftlich fundierten und historisch präzisen Vermittlung der Vergangenheit. +++ jessica auth
Das könnte Sie auch interessieren
Fliedener Ortsbeirat fordert Öffnung des Fußwegs zur Bahnhofstraße und setzt Impulse für Ortskern
Erneuerbare Energien bleiben im Netzgebiet der RhönEnergie auf Rekordniveau
Sparkasse Fulda unterstützt Bergwacht Wasserkuppe mit Spende für neue Notfallrucksäcke
Farben der Lebensfreude im Herz-Jesu-Krankenhaus Fulda: Viktoria König zeigt neue Ausstellung bis En...







Was für ein toller Beitrag – vielen Dank dafür! Der Turm ist wirklich sehr schön geworden und eine echte Bereicherung für die Altstadt. Großes Kompliment an alle Beteiligten!