Glaube im Hier und Jetzt

Mitten in einer Zeit, die viele Menschen als unsicher und von Umbrüchen geprägt erleben, hat Bischof Dr. Michael Gerber im Fuldaer Dom den Blick bewusst auf die Gegenwart gelenkt. In seiner Predigt während der Chrisammesse am Dienstag machte er deutlich: Christlicher Glaube erschöpft sich nicht in der Erinnerung an Vergangenes – er bewährt sich im Hier und Jetzt.

Die Feier, die traditionell in der Karwoche begangen wird und Priester sowie Diakone aus dem gesamten Bistum zusammenführt, steht im engen Zusammenhang mit den zentralen Tagen des Kirchenjahres. Sie verweist auf das Geschehen von Leiden, Tod und Auferstehung – und damit auf den Kern des christlichen Glaubens. Diesen stellte Gerber auch in seiner Predigt in den Mittelpunkt. Ausgangspunkt war eine Szene aus dem Lukasevangelium, in der Jesus sagt: „Heute hat sich das Schriftwort erfüllt.“

Für den Bischof liegt darin eine entscheidende Botschaft: Wer an Jesus glaube, vertraue darauf, dass Gott im gegenwärtigen Moment handle. Gerade darin liege jedoch auch die Herausforderung. Dieses Handeln führe nicht zwangsläufig in Sicherheit, sondern häufig in Situationen, die Menschen als Verunsicherung oder Bruch erfahren.

Gerber spannte den Bogen zur Eucharistie, die nicht allein als Erinnerung verstanden werden dürfe. Vielmehr gehe es um die reale Gegenwart Christi im Hier und Heute. Diese sei weder verfügbar noch planbar – und könne dazu führen, dass Menschen aus gewohnten Lebenszusammenhängen herausgeführt werden. Die biblischen Überlieferungen seien voll von solchen Erfahrungen: Aufbrüche, Unsicherheiten, Verluste.

Mit Blick auf den Dienst von Priestern und Diakonen wurde der Ton persönlicher und zugleich eindringlicher. Sie seien in besonderer Weise gefordert, Menschen in solchen Grenzsituationen zu begleiten – und selbst eine Haltung einzuüben, die nicht von vorschnellen Reaktionen geprägt ist. Angesichts aktueller Entwicklungen, so Gerber, sei damit zu rechnen, dass existenzielle Grenzerfahrungen zunehmen – im persönlichen Leben ebenso wie in Gemeinden und Gesellschaft.

Sein Appell: nicht reflexhaft nach Schuldigen suchen, nicht sofort kämpfen oder ausweichen. Stattdessen gelte es, innezuhalten und die Situation aus dem Glauben heraus zu deuten. „Es ist der Herr – im Hier und Jetzt“, formulierte der Bischof und griff damit zugleich biblische Motive auf. Auch der Widerstand des Petrus gegen den Weg Jesu sei ein Muster, das sich bis heute wiederhole. Dem setzte Gerber eine Haltung des Aushaltens, Wahrnehmens und Deutens entgegen.

Dass diese Perspektive nicht abstrakt bleibt, machte er mit einem persönlichen Verweis deutlich. Mit Blick auf seine eigene Erkrankung im vergangenen Jahr sprach Gerber davon, Gott gerade in Momenten von Begrenzung und Unsicherheit erfahren zu haben. In solchen Situationen könne sich zeigen, wohin der eigene Weg führe – und was wirklich trage.

Die Chrisammesse im Fuldaer Dom wurde mit Gläubigen aus dem gesamten Bistum gefeiert. Im Verlauf der Liturgie erneuerten die Priester ihre Weiheversprechen, zudem wurden die heiligen Öle für die Sakramente geweiht. Musikalisch gestaltet wurde der Gottesdienst von Domorganist Max Deisenroth und Kantor Marius Hübner. +++


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