Der Bauzaun steht noch. Aber er ist an diesem Samstag kein Hindernis mehr, sondern eher ein Versprechen. Ein Stück zur Seite gerückt, gibt er den Blick frei auf etwas, das sich erst allmählich formt – und doch schon erstaunlich konkret wirkt. Rund 120 Interessierte gehen in kleinen Gruppen über das Gelände des Schlossparks in Gedern, eines der zentralen Areale der Landesgartenschau 2027. Es ist ein Gang durch eine Baustelle, aber auch durch eine Idee.
Geschäftsführer Thomas Hellingrath und Bauleiter Christopher Blos führen über Wege, die noch nicht fertig sind, vorbei an Flächen, die erst in Ansätzen erkennen lassen, was sie einmal sein werden. Und doch entsteht bereits jetzt ein Eindruck davon, wie sehr sich dieser terrassenförmig angelegte Park verändern wird – nicht spektakulär auf den ersten Blick, sondern in der Tiefe, in der Struktur, in der Art, wie man ihn künftig nutzen kann.
Denn die Gartenschau, das wird schnell deutlich, ist hier nicht als temporäres Ereignis gedacht. Sechs Monate Ausstellung – und danach zurück zum Status quo? Diese Logik greift zu kurz. Es geht um eine dauerhafte Aufwertung, um einen Park, der über 2027 hinaus trägt. Neue Wege, bessere Aufenthaltsqualität, eine modernisierte Infrastruktur und vor allem mehr Barrierefreiheit sollen nicht nur den Besuchern dienen, sondern den Menschen, die hier leben.
Bürgermeister Guido Kempel beschreibt den Park als einen Ort, der schon jetzt Teil des Alltags ist. Bewohner der nahegelegenen Seniorenheime, Familien, Spaziergänger – sie alle nutzen ihn. Und genau für sie soll er künftig noch besser funktionieren. Breitere Wege, neue Beläge, durchdachte Verbindungen. Ganz ohne Steigungen wird es nicht gehen, dafür ist das Gelände zu bewegt. Aber jede Stelle soll erreichbar sein, notfalls über alternative Routen.
Dabei bleibt es nicht bei der Funktion. Der Park wird auch ästhetisch neu gedacht – oder vielmehr: zurückgedacht. Im ehemaligen Barockgarten entsteht ein Geophyten-Rondell, das mit seiner Bepflanzung das historische Farbspiel des Schlosses aufnimmt. Es sind solche Details, die zeigen, dass hier nicht einfach modernisiert wird, sondern dass man versucht, den ursprünglichen Charakter wieder freizulegen. Sichtachsen werden geöffnet, überwachsene Bereiche zurückgenommen. Das Schloss tritt wieder stärker in Erscheinung, die Terrassierung wird lesbarer.
Unter der Oberfläche, dort, wo Besucher später kaum hinschauen werden, ist der Wandel ebenso präsent. Drei große Zisternen wurden unter dem Gleisbereich der Draisine eingebaut. Sie sammeln Regenwasser, das künftig zur Bewässerung genutzt wird. Es ist ein leises Element der Planung, aber eines, das den Anspruch auf Nachhaltigkeit unterstreicht. Auch die Wiesenflächen folgen diesem Gedanken: regionales Saatgut, extensivere Pflege, mehr Raum für Vielfalt.
Ein besonders sichtbarer Einschnitt findet im Bereich der ehemaligen Tennisplätze statt. Das Tennisheim steht noch, wirkt aber bereits wie ein Relikt. Es wird verschwinden, und an seiner Stelle entsteht der Beratungsgarten des Landesbetriebs Landwirtschaft Hessen. Während der Gartenschau soll er praktische Tipps vermitteln – danach wird er als Schulgarten weiterleben. Ergänzt wird das durch das „Bunte Klassenzimmer“, ein Ort für Umweltbildung, für Workshops, für Begegnung.
Dazu kommt der PikoPark, ein Projekt, das gemeinsam mit Bürgern entwickelt wurde. Ein kleiner, naturnaher Stadtpark, der nicht geschniegelt wirken soll, sondern lebendig. Planer Ralf Geyer spricht von blütenreichen Flächen, von Sträuchern, Wasserbezügen und Sitzmöglichkeiten – von einem Raum, der Natur nicht ordnet, sondern zulässt.
Auch neue Spielflächen entstehen, wie bereits in Bad Salzhausen und Büdingen. In Gedern wird das Thema Fachwerk aufgegriffen, auf der mittleren Terrasse soll ein Ort entstehen, der Generationen verbindet. Im unteren Schlosspark schlängelt sich künftig ein renaturierter Mühlbach – nicht gerade gezogen, sondern bewusst verspielt, als Verbindung von Ökologie, Hochwasserschutz und Aufenthaltsqualität.
Und dann ist da noch der Klimahain, ein schattiger Rückzugsort am Wasser, mit Blick auf die Veranstaltungsfläche an der Kälberweide. Dort wird während der Gartenschau eine Bühne stehen, mit überdachten Sitzplätzen, mit einem Programm, das sich zwischen großen und kleinen Formaten bewegt – im Wechsel mit dem Standort Bad Salzhausen.
Am Ende dieser Führung bleibt kein fertiges Bild, sondern eher eine Ahnung. Eine Vorstellung davon, wie sich dieser Ort verändern wird, ohne sich selbst ganz zu verlieren. Oder, wie es ein Besucher sagt: Zum ersten Mal könne man sich wirklich vorstellen, was hier entsteht. +++

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