Pflegenotstand: Einrichtungsleiter Sven Haustein über Herausforderungen und Ansätze

Svenhaustein
Sven Haustein (CDU)

In der Pflege herrscht nach wie vor Notstand. Fachkräfte fehlen und die Fachkräftegewinnung aus dem Ausland gestaltet sich – nicht zuletzt wegen bürokratischer Vorgaben – als langwieriger und schwieriger Prozess. Auch die Maßnahmen vonseiten der Bundespolitik scheinen nur langsam Fahrt aufzunehmen. fuldainfo.de hat bei Sven Haustein, dem Geschäftsführer der St. Vinzenz Soziale Werke gGmbH, in dessen Verantwortungsbereich neben Kindertagesstätten auch mehrere Seniorenzentren fallen, einmal nachgefragt, wie er die Situation momentan beurteilt.

fuldainfo.de: Können denn in Ihrem Haus derzeit noch alle Plätze belegt werden?

Sven Haustein: Aktuell ja, da wir derzeit nur wenige offene Stellen haben. Der Fachkräftemangel, den es auch schon lange vor der Corona-Pandemie und der Wirtschafts- und Energiekrise in der Pflege gab, muss endlich spürbarer von den politisch Verantwortlichen angegangen werden. Hier sehe ich aktuell kaum Fortschritte.

fuldainfo.de: Was müsste geschehen, um hier zu einer guten Lösung zu gelangen?

Sven Haustein: Wir brauchen dringend Fachkräfte in unseren Pflegeeinrichtungen. Des Weiteren bedarf es einer Pflegereform, die beim Eigenanteil Bewohnerinnen und Bewohner spürbar entlastet. Die durchschnittliche Eigenbeteiligung pro Monat in einem Pflegeheim beträgt abzüglich des Leistungszuschlages (15 Prozent) im ersten Jahr 2.576 Euro. Wie wir ja seit dem Interview von Markus Lanz mit der Bundesvorsitzenden der Grünen, Ricarda Lang, von dieser Woche wissen, beträgt die Durchschnittsrente in Deutschland 1.543 Euro. Der Heimplatz ist kaum noch finanzierbar und viele Heimbewohner rutschen in die Sozialhilfe. Mein konkreter Vorschlag wäre, die Investitionskosten, die den Eigenanteil mit über 500 Euro belasten, auf das Land zu übertragen. Das hätte neben der Entlastung beim Eigenanteil den Vorteil, dass Investitionen (z.B. Neu- oder Anbaumaßnahen) vom Land finanziert würden und nicht mehr über den Investitionskostenbeitrag der Bewohner, so wie das schon einmal der Fall war und bei Krankenhäusern auch noch so ist. Obwohl es in vielen Pflegeeinrichtungen lange Wartelisten, also einen hohen Bedarf gibt, ist es für Träger von Pflegeeinrichtungen in Zeiten von Fachkräftemangel, hohen Zinsen und gestiegenen Baukosten kaum möglich, zu bauen. Aufgrund des Fachkräftemangels und fehlender Pflegekräfte können in vielen Einrichtungen nicht alle Plätze belegt werden. Es fehlen also Einnahmen, wie beispielsweise der Investitionskostenbeitrag, der die Finanzierung von Baumaßnahmen sicherstellen muss.

Die finanzielle Belastung würde zwar hierdurch nicht verschwinden, allerdings würde diese Umverteilung den Investitionsstau der Träger verringern. Dieser Vorschlag wird bereits politisch diskutiert, es müssen aber dringend Entscheidungen getroffen werden. Ein schöner Nebeneffekt hierbei wäre auch die Tatsache, dass Menschen, die in eine Pflegeeinrichtung gehen, nicht das Gefühl hätten, der Sozialhilfe „auf der Tasche“ zu liegen. Wer 45 Jahre oder länger gearbeitet hat, hat dieses Gefühl nicht verdient. Hinzu käme bei dieser Entlastung des Eigenanteils auch, dass weniger Bewohner auf Zuschüsse des Sozialamts für den Heimplatz angewiesen wären. Durch die aktuellen Tarifsteigerungen und der Zunahme der Sachkosten sind die Preise pro Heimplatz drastisch gestiegen – mit der Folge, dass sich die Unterstützung durch das Sozialamt deutlich erhöht hat. Die Bearbeitung der Fälle und die damit verbundenen Kostenzusagen dauern bis zu einem Jahr, was die Träger bezüglich Liquidität in massive Schwierigkeiten bringt.

fuldainfo.de: Greifen die Maßnahmen der Regierung schon oder hakt es auch hier?

Sven Haustein: Wie beschrieben greifen die Maßnahmen aus meiner Sicht zu langsam. Ausländische Fachkräfte zu gewinnen, ist ein extrem komplizierter und bürokratischer Prozess. Hier würde ich mir wünschen, dass die verantwortlichen Behörden und Kommunen noch mehr unterstützen. Die Gewinnung ausländischer Fachkräfte sollte in staatlicher Verantwortung liegen.

fuldainfo.de: Experten warnen die Politik vor dem Realitätsverlust – Wie weit weg ist die Politik?

Sven Haustein: In der Politik ist es wichtig, dass Abgeordnete in den Parlamenten über praktische Erfahrungen zu den unterschiedlichsten Themen verfügen. Mit unseren Abgeordneten Thomas Hering und Sebastian Müller (beide CDU) funktioniert das auf Landesebene gut und auf Bundesebene ist Michael Brand MdB (CDU) immer ansprechbar. Das gleiche gilt für die Verantwortlichen vor Ort, und da sind wir mit unserem Gesundheitsdezernenten, Frederik Schmitt (CDU), gut aufgestellt. Meine große Hoffnung in Sachen Pflege liegt bei der neuen Landtagsabgeordneten für den Wahlkreis 11, Stefanie Klee (CDU). Sie hat lange die Pflegeeinrichtung eines privaten Trägers geleitet und kennt die Herausforderungen sehr gut. Ich bin mir sicher, dass sie die Themen mit dem nötigen Sachverstand in Wiesbaden angehen wird.

fuldainfo.de: Welche Maßnahmen haben Sie bislang ergriffen, um Ihre Pflegezentren „am Laufen“ zu halten?

Sven Haustein: Wir sind in einem engen Austausch mit unseren Mitarbeitern, Bewohnern und Angehörigen. Ich bin unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unendlich dankbar für ihren Einsatz. Ebenso kann ich mich als Geschäftsführer von insgesamt 13 Einrichtungen dankbar schätzen, dass wir tolle Führungskräfte im Unternehmen haben, die trotz der extremen Herausforderungen nach vorne blicken. +++


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