32. ReserveCup des TSV Ransbach - Das etwas andere Hallenfußball-Turnier

Rc rb

Fußball-Seelen berühren sich. Bis nach Mitternacht. Dies ist ein Plädoyer für den Hallenfußball. Ein Plädoyer für den ReserveCup. Für diese einzigartige Veranstaltung. Für das Miteinander. Für soziales Miteinander. Für Werte in der Gesellschaft. Dafür, dass Menschen zusammenkommen, Sport treiben und miteinander in Kontakt treten. Hallenfußball-Müdigkeit? Die gibt es beim ReserveCup in Hohenroda-Ransbach nicht. Alle, die im Fußball-Boot sitzen, sollten sich davon etwas abgucken. Sollten neue und frische Impulse zulassen. Irgendwelche Parolen oder gar Rückzugs-Momente haben noch niemandem geholfen. Damit sich der Fußball an der Basis nicht verliert. Erleidet die Vereinsarbeit zunehmend Schaden, blutet das kulturelle Leben zumindest auf und in der ländlichen Region aus. Aufeinander zugehen, Dinge zulassen und mit ihnen arbeiten - das sind die Zauberworte. Der ReserveCup bietet in jedem Jahr ein Beispiel dafür. Auch am Eröffnungsabend seiner 32. Austragung am Freitag - dem ersten Teil der üppigen Vorrunde - ist das nicht anders. Ein Stimmungs- und Situations-Bericht.

Schon eine halbe Stunde vor Beginn der Konkurrenz dröhnt Musik aus den Lautsprechern. Heute und holt uns ab. „Jetzt hat das Leben wieder einen Sinn“, bemerkt eine junge Frau. Na ja, mag ein Schuss Übertreibung darunter sein. Aber irgendwo auch Leidenschaft. Es dauert nicht lange, da kommt Hohenrodas Bürgermeister Andre Stenda um die Ecke. Und Rainer Schmidt, Hersfeld/Rotenburgs Kreisfußballwart,ist wie immer präsent. Um 18.52 Uhr, acht Minuten vor dem Start, begrüßt Ralf Burghardt, 1. Vorsitzender des gastgebenden TSV, die noch spärlichen Gäste. Aber es werden noch mehr. Viel mehr. Auch sein Vorstandskollege Peter Reusch ergreift das Wort. Bekannte kommen vorbei. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Noch in Wartestellung. Später mehr davon. Einer bemerkt, „jetzt ist der Abend schon wieder gerettet“. Wenn man sich länger nicht gesehen hat, in jedem Fall. Man beginnt, sich wohlzufühlen. Irgendwie spürt man dieses Gefühl.

Endlich fällt der Startschuss zum ersten Spiel. Zum Auftakt stehen sich Vorjahressieger Aulatal und der TSV Ufhausen, lebendiges Gesicht der ersten Jahre - was Erfolg und auch Stimmung angeht - gegenüber. Michael Schmidt aus Philippsthal pfeift die Premiere. Ufhausen, das zunächst wacher und energischer wirkt, geht mit 2:0 in Führung. Dann aber schlägt Aulatal zurück. Nils Kehl verkürzt, und Daniel Naumann schiebt einen Hattrick nach. Man denkt: Naumann und der ReserveCup - eine Liebesgeschichte? Nicht so ganz. Aulatal gewinnt mit 5:2. Und auch Wolfgang Kiefer, lange 1. Vorsitzender, Lehrwart und natürlich Schiri der gastgebenden Vereinigung, guckt vorbei.

Im zweiten Spiel messen Rasdorf/Soisdorf ihre Kräfte. Noch ahnt niemand, dass diese beiden Teams in der Gruppe A als Erster und Zweiter weiterkommen. Hohe Luft siegt mit 2:0. Der Gegner muss sich schütteln und noch finden. Ehe Aulatal erneut kommt und auf sich aufmerksam macht. 4:3 heißt es am Ende in Spiel drei gegen Werratal. Aulatal zeigt noch, wie es geht, Nach vorn Druck zu machen, als Team aufzutreten und einen Vorsprung zu verteidigen. Werratal ist keinesfalls schlecht, steht sich mit einer zu hohen Fehlerquote aber ein bisschen selbst im Weg. Oder ein bisschen mehr. Auch Uwe Stückrath, Trainer der Seniorenfußballer der SG Werratal, hat das registriert.

Jetzt findet Rasdorf/Soisdorf zu sich. Jetzt. Ein sicheres 2:0 gegen Ufhausen springt heraus. Julian Seidel glückt die frühe Führung (3.). Josef Hahn, fiebert mit. Und so wie sich. Josef wer? Er geht als gute Seele des Rasdorfer SC durch und ist seit fast 30 Jahren Betreuer im Seniorenbereich, vorwiegend der Ersten. „1983 hat alles angefangen“, sagt er trocken. Jetzt ist er 77 und hat - natürlich - einiges miterlebt. Eines davon kramt er hervor aus seinem Kasten der Erinnerung. Anfang der 2000er-Jahre kamen und wechselten Marco Fladung und Jens Poppowitsch von Borussia Fulda nach Rasdorf- und ausgerechnet zu jenem Zeitpunkt weilte Josef Hahn im Südtirol-Urlaub. Sachen gibt‘s. 196 Tore schoss der RSC in dieser Saison, wurde souverän und ungeschlagen Meister; ein Punkt nur gab das Team ab, in Mackenzell war das. Ausgerechnet zum letzten Spiel trat Großenbach nicht mehr an gegen den RSC. Feiern konnte der aber schon immer. Auch das ist der ReserveCup - Zeit für Geschichten. Kleinere oder größere. Zurück zum Geschehen auf dem Parkett: Soeben hat Leander Streber, Marians jüngerer Bruder, das 2:0 erzielt.

Unterdessen zeigt auch die Vertretung der SG Werratal, was im Team steckt. Sie schlägt Hohe Luft mit 5:3. Und Aulatals Kicker sind wie immer auf Draht. Eine ihrer Haupt-Beschäftigungen: Sie bedienen die Sozialen Medien. Schon haben sie über Facebook Eindrücke ihres Auftretens beim Turnier gepostet. Auch dieser Austausch funktioniert. Inzwischen herrscht beste Stimmung beim ReserveCup. Fragen gibt es nicht mehr. Die Halle ist on Fire. Das Etikett „Hexenkessel“ ist fast noch untertrieben. Und Tommy Röder trifft zu Werratals 5:3. Auch er ist ein bekanntes Gesicht der beliebten Veranstaltung.

Jetzt duellieren sich Aulatal und Rasdorf/Soisdorf. Wer meint, das werde zu einer klaren Sache für den Vorjahressieger, der irrt. Denn etwas überraschend siegt Rasdorf/Soisdorf mit 2:1. Guckt man unter die Oberfläche, sind Verlauf und Ausgang aber gar nicht überraschend. Der Sieger hat sich als Team gefunden. Verteidigt gut. Tritt als Mannschaft auf. Eigentlich sind immer drei Spieler hinter dem Ball. Und Torwart Julian Wiegand, hauptberuflich Koch, schält sich als Rückhalt seines Teams heraus. Aulatal hingegen tritt auf, als habe es die Gruppe schon für sich entschieden. Mannschaftlich gar nicht gut. Anschließend meldet sich auch der TSV Ufhausen - ein Traditionsort, ein Verein, der an guten Tagen die Fußball-Seele küsst. Nach gut zwei Minuten führen „die Fieser“ schon 2:0 gegen Hohe Luft. Endlich taut Pascal Kiel auf und zapft sein Talent mal an. Ein „Zaubertor“ aber glückt dem FSV-Kicker Marcel Lehr: Mit seinem Gefühl im Fuß, eines, das nur er hat, stellt er mit einem zarten und gefühlvollen Lupfer den Anschluss her. Das beflügelt sein Team offenbar. Denn es gleicht zum 2:2 aus. Bis, ja bis Hannes Ohneiser beweist, wie Entscheidung geht. Trocken, technisch stark, direkt und mit perfekter Schusshaltung trifft er flach ins Eck. So schön kann Fußball sein. Noch viereinhalb Minuten sind zu spielen, doch es bleibt dabei.

Spannend, ja fast ein bisschen dramatisch - so kommen die zehn Spiele der Gruppe A rüber. Auch beim 3:2 von Rasdorf/Soisdorf gegen Werratal ist das so. Der Sieger zeigt seine gefundene Festigkeit, und auch Marian Streber fühlt sich zunehmend wohl in seiner Haut. Ehe sich die SG Aulatal fast ein bisschen in selbstverletzendem Verhalten übt. Sie unterliegt Hohe Luft glatt mit 0:3. Beim Sieger entpuppt sich immer mehr ein Spieler als das, was er ist: Jonas Schaefer, USA-gestählt und einer der Besten im Kreis. Aulatal indessen hat nach recht gutem Beginn irgendwie abgeschaltet als Team. Und die bittere Nachricht folgt obendrein: Als Vorjahressieger scheidet es aus. Mithin bleibt ein „Gesetz“ des ReserveCups bestehen: In mehr als 30 Jahren konnte noch niemand und kein Team seinen Titel verteidigen. Alleine deshalb trägt die Veranstaltung in Ransbach eine spezielle Note.

Das letzte Spiel der Gruppe A steht an. Und Ufhausen beweist, dass es Geschmack an seinem mannschaftlichen Verhalten gefunden hat. Pascal Kiel glückt erneut die Führung, und nach dem bald folgenden 2:0 zeigt auch Werratals Christian Kraus, dass er das Kicken noch nicht verlernt hat. Mit toller Schusstechnik, überlegt und mit Verstand, verkürzt er. Urlaub für den Fußball-Kopf ist das, wenn man solche Dinge heute noch sieht. Es ist jetzt 21.44 Uhr. Schluss mit der Gruppe A. Rasdorf/Soisdorf und Hohe Luft haben sich, wie gesagt, durchgesetzt - und für die Zwischenrunde am kommenden Samstag qualifiziert. Aulatal, Ufhausen und Werratal landen auf den Plätzen. Und die Stimmung? Die ist fantastisch geworden. Und nicht mehr zu toppen.

Die Paarungen der Gruppe B folgen. Fungierten eben die Philippsthaler Markus Ruppel und Michael Schmidt als Leiter der Spiele, sind es jetzt Patrik Bardt und Noah Seitz. Als erste Mannschaften duellieren sich Burghaun und das stark verjüngte Philippsthal, das in jüngerer Vergangenheit große Erfolge feierte beim ReserveCup. Burghaun gewinnt mit 1:0 - und es schält sich heraus, dass sich das Team als Gruppenzweiter für die Zwischenrunde qualifiziert. Erster und imposant: das absolut junge Team der SG Neuenstein. Schnell spielt es, gut zusammen und stets nach vorn ausgerichtet. Legt man einen engeren fußballerischen Maßstab an, stellt die SGN das stärkste Team des Eröffnungsabends. Wie es indessen nicht auftreten sollte und an seine Grenzen stößt, zeigte der Vergleich gegen Nüsttal/Dammersbach. Da trat es nicht mit seiner gewohnten Anfangsformation an - und der Gegner bekämpfte die SGN gut. War zweikampfstark, brachte die junge Vertretung durch körperlich enge Kontakte aus dem Rhythmus und ließ das gewohnte Spiel seines Kontrahenten nicht zu. 14 Tore in vier Spielen sprechen allerdings für offensive Freude und Spielfreude des Gruppensiegers.

Schön auch, dass Anton Kolep, der Ideengeber des ReserveCup, vorbeischaut. Selten habe er ein solch faires Turnier gesehen, meint er. Hier und da ist ein Spiel der zweiten Gruppe nicht so schön anzusehen. Junge Mannschaften bringen zwar Tempo und Leidenschaft mit - aber auch laute und unsaubere Aktionen, die uns Nichts führen. Der Klasse, dem Auge und der Substanz vieler älterer Spieler ist halt nicht so leicht beizukommen - andererseits: Es ist ReserveCup.

Und schon ist es nach Mitternacht. Genauer gesagt, als um 0.25 Uhr das letzte Spiel des Eröffnungsabends angepfiffen wird. Zwischen Nüsttal/Dammersbach und Philippsthal. Schließlich kommt den abschließenden drei Minuten besondere Bedeutung zu. Das „Steiger-Lied“ ertönt, Selbstbestimmung, Selbstwert und Identifikationsgröße der Kali-Region. Um 0.41 Uhr ist Feierabend in der Sporthalle Hohenroda. Hier gehen bald die Lichter aus. Nicht aber im Foyer des TSV Ransbach. Auch der Hallenfußball lebt weiter. Und der Fußball erst recht. Wenn sich Seelen berühren. +++ rl


Popup-Fenster

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*