Rund 800 Haupt- und Realschüler nahmen am Tag der beruflichen Orientierung teil

An der Ferdinand-Braun-Schule Fulda sind heute die sogenannten „Berufsorientierungstage“ zu Ende gegangen. Zwei Tage konnten die Schülerinnen und Schüler des Haupt- und Realschulzweiges in sogenannten „Themen-Workshops“ in diverse Handwerksberufe reinschnuppern und dabei herausfinden, welcher Beruf sie besonders interessiert und bei welchen Berufen möglicherweise die ein oder andere Fertigkeit besteht. Begleitet wurden die Berufsorientierungstage durch einen „Informationsnachmittag“ zu den verschiedenen Schulformen.

„Eigentlich sollte es nur bei einem „Tag der beruflichen Orientierung“ an unserem Schulzentrum bleiben; aufgrund der vielen Anmeldungen der Haupt- und Realschulen haben wir uns aber dazu durchringen können, den Tag der beruflichen Orientierung auf zwei Tage – Freitag und den heutigen Montag – zu verteilen“, so die Schulleiterin der Ferdinand-Braun-Schule Fulda, Oberstudiendirektorin Ulrike Vogler gegenüber dem Nachrichtenmagazin fuldainfo. Nahezu 800 Schüler ab der Jahrgangsstufe acht, insgesamt 770 Schülerinnen und Schüler aus dem Landkreis Fulda, haben sich für die Berufsorientierungstage an der Ferdinand-Braun-Schule Fulda angemeldet.

Nach zwei Jahren Zwangspause waren die Haupt- und Realschülerinnen und –schüler der Region Fulda mit ihren Lehrkräften und Arbeitscoaches wieder an die Ferdinand-Braun-Schule eingeladen, um sich selbst in technischen oder gestalterischen Bereichen auszuprobieren und die Faszination des eigenen Tuns mit Ergebnissen, die für unser alltägliches Leben elementar wichtig, aber oft nicht sichtbar sind, zu entdecken.  „Berufliche Orientierung“ lautete das Hauptziel der Veranstaltung, durch die junge Menschen die vielfältigen Möglichkeiten der Arbeitswelt selbst entdecken und im besten Fall die Idee entwickeln, sich im gewerblich-technischen oder gestalterischen Bereich für eine Ausbildung oder für eine weiterqualifizierende Schulform entscheiden. Das Organisationsteam der Ferdinand-Braun-Schule nahm bereits im Sommer mit den Haupt- und Realschulen der Region Kontakt auf, um das Interesse für diesen Tag der beruflichen Orientierung abzufragen. Die Resonanz darauf war extrem hoch, denn letztlich über 800 Schülerinnen und Schüler der Haupt- und Realschulen im Schulamtsbezirk Fulda wollten sich zusammen mit ihren Lehrkräften oder Arbeitscoaches auf den Weg zur Ferdinand-Braun-Schule machen, um sich in den verschiedenen Disziplinen, wie beispielsweise Elektrotechnik, Bautechnik, Metalltechnik oder Druck- und Medientechnik, selbst auszuprobieren.

Die Anfänge des „Tags der beruflichen Orientierung“ reicht bis ins Jahr 2014 zurück. Damals entstand die Idee, an der Schule, die auch „Berufsschulzentrum“ ist, einen „Abend der Berufe“ zu organisieren, berichtet Schulleiterin Vogler. Es ließ nicht lange auf sich warten und die Ferdinand-Braun-Schule Fulda wartete mit dem Format auf, das seinerzeit gut frequentiert und bei den Schülern und deren Eltern ausgesprochen gut angenommen wurde. „Ein ‚Tag der offenen Tür‘ wäre schwierig zu realisieren gewesen, da die Schüler zu dieser Zeit normalerweise dem Unterrichtsgeschehen beiwohnen, sie hätten also erst nach dem Unterricht Zeit, uns besuchen zu kommen. Irgendwann entstand dann die Idee, die beiden Formate miteinander zu verbinden“, so Schulleiterin Vogler zum Entstehungskontext.

Um die jungen Menschen für die verschiedenen Handlungsfelder begeistern zu können, hat das Kollegium der Ferdinand-Braun-Schule zusammen mit ihren Schülerinnen und Schüler, Studierenden und Auszubildenden über 70 Aktivitäten, das heißt Workshops und Schnupperunterrichte aus den verschiedenen Fachbereichen kreiert, die alle das eigene Tun der besuchenden Jugendlichen im Fokus hatten. So konnte der Frage nachgegangen werden, ob man mit einem Computer auch bohren kann. Mithilfe einer CNC-Fräsmaschinen lautet die Antwort: Ja! Und das durften die Jugendlichen unter fachkundiger Anleitung auch selbst ausprobieren und dabei erfahren, was der Begriff Industrie 4.0 für die Arbeitswelt eigentlich konkret bedeutet. In einem anderen Workshop konnten die jungen Menschen beim Entwerfen von eigenen Ideen selbst erfahren, dass bei der Gestaltung von Räumen die menschlichen Sinne, insbesondere durch die Farbgebung, beeinflusst werden können.

Schulleiterin Ulrike Vogler: „Das eigentliche Erleben geht immer mehr verloren“

„Unser Hauptaugenmerk lag darin, die jungen Menschen mit Technik, der guten alten Handwerkskunst in Berührung zu bringen. Wir haben das Gefühl, dass dies heutzutage bei der fortschreitenden Digitalisierung immer seltener geschieht; Das eigentliche Erleben geht immer mehr verloren.“ Im Jahr 2018 hat man dann begonnen, mit den Haupt- und Realschulen Kontakt aufzunehmen. Nachdem der Tag der beruflichen Orientierung im Jahr 2018 gut angelaufen war, konnte man schon ein Jahr später, in 2019, bereits 500 Schülerinnen und Schüler im Berufsschulzentrum der Ferdinand-Braun-Schule begrüßen. „Die überaus positive Rückmeldung aus den Jahren 2018 und 2019 hat uns darin bestärkt, dass es richtig und wichtig gewesen war, weshalb wir den Tag der beruflichen Orientierung in diesem Jahr unbedingt wieder stattfinden lassen wollten. In den Corona-Jahren war dies leider nicht möglich gewesen“, berichtet Oberstudiendirektorin Vogler. Lobende Worte findet die Schulleiterin auch gegenüber dem Orgateam, das vor der Herausforderung stand, über 1400 Termine (Workshops und Vorträge) zu organisieren und zu koordinieren. Nach der Corona-Pause war der Tag der beruflichen Orientierung am vergangenen Freitag sehr gut angelaufen, berichtet Ulrike Vogler; lediglich Kleinigkeiten hätten wir kleine Diskrepanzen gesorgt. „Die ‚Tage der beruflichen Orientierung‘ kann man mit einer Leistungsschau für die Bildungsregion Fulda und damit auch für alle handwerklichen Ausbildungsbetriebe vergleichen. Wenn die jungen Leute merken, dass ihnen eine Tätigkeit im Handwerk Freude bereiten könnte, dann entsteht eine Win-win-Situation für alle Beteiligten und wir haben letztlich Schüler, die wir ausbilden und aufs Berufsleben vorbereiten können“, freut sich die Schulleiterin.

Die Nutzung der neuen Werkstätten und des Automatisierungszentrums an der Ferdinand-Braun-Schule war für die Durchführung der Tage der beruflichen Orientierung 2022 ein besonderer Gewinn. Die Gäste konnten erleben, dass das Arbeiten in Werkstätten der Metall-, Elektro- und Kfz-Technik sehr lichtdurchflutet und angenehm sein kann und modernste Technik ein hohes Maß an Digitalisierung umfasst. Auch Einblicke in die Schweißtechnik waren möglich. Unter dem Titel „Schweißen verbindet“ wurde deutlich, dass nicht nur Materialien verbunden werden, sondern auch Menschen und Maschinen. Während sich die Schülergruppen, die sich bereits in ihren eigenen Schulen in Workshops oder auch Schnupperunterrichte aus dem Beruflichen Gymnasium oder der Fachoberschule eingewählt hatten, mithilfe von Scouts gemäß ihrer vorgegebenen Zeitpläne in der Schule bewegten, trafen sich die begleitenden Lehrkräfte und Arbeitscoaches mit der Schulleitung und dem Orgateam der Ferdinand-Braun-Schule, um sich über die Arbeit der Beruflichen Orientierung und die aktuellen Bedarfe auszutauschen.

Der Tag der beruflichen Orientierung sei von den Schülerinnen und Schülern auch in diesem Jahr wieder durchweg positiv aufgenommen worden. Ein schriftliches Feedback von den begleitenden Lehrkräften sowie von den besuchenden Schülerinnen und Schüler am Ende des Tages gibt der Ferdinand-Braun-Schule die Möglichkeit, die Veranstaltung bezüglich der Organisation und der Inhalte weiter zu optimieren. Das Resümee aller Beteiligten, und dazu gehören neben den Gästen auch die Lehrkräfte und die Schülerinnen und Schüler der Ferdinand-Braun-Schule sowie Eingeladene aus Politik und Wirtschaft, fiel gleichermaßen positiv aus: Die Ferdinand-Braun-Schule erfüllt mit den Tagen der beruflichen Orientierung eine wertvolle Aufgabe für die Region Fulda, denn durch eine geweckte Begeisterung für Tätigkeiten aus dem technischen oder gestalterischen Bereich werden die beruflichen und schulischen Möglichkeiten nach dem Haupt- oder Realschulabschluss von den Jugendlichen selbst entdeckt und erfahren. Das Feedback zeigt, dass sich viele eine Ausbildung in einem der absolvierten Fachbereiche vorstellen können oder sich für einen höheren Schulabschluss in der Berufsfachschule, der Fachoberschule oder dem Beruflichen Gymnasium interessieren. Durch die von der Ferdinand-Braun-Schule arrangierte Kombination aus „Tag der offenen Tür“ und „Tag der Berufe“ kann der Mangel an Fachkräftenachwuchs in der Region Fulda zukünftig und hoffentlich verkleinert werden. Positiv über das erfolgreiche Format äußerste sich auch Ulrich Nesemann, Fachdienstleiter „Kommunaler Arbeitsmarkt“: „Beim Tag der beruflichen Orientierung an der Ferdinand-Braun-Schule können Jugendliche praktische Erfahrungen sammeln und erfahren, was hinter den Berufsbezeichnungen steckt. Das ist ein wertvoller Aspekt im Rahmen der Berufsorientierung. Bei den Berufsorientierungstagen geht es nicht etwa um eine Leistungsschau von Unternehmen, sondern in aller erster Linie um die Berufe. Was man im Rahmen der Berufsorientierungstage in Workshops gerne ausprobieren wollte, kann man sich womöglich auch in Zukunft vorstellen.“

In Anbetracht der Tatsache, dass viele Schulabgänger ein Studium an einer Hochschule oder Universität der Berufsausbildung in Handwerksberufen vorziehen – sehr zum Nachteil des handwerklichen Nachwuchses und der Fachkräftesicherung – sagte die Oberstudiendirektorin, dass die handwerklichen Berufe inzwischen auch sehr gut bezahlt würden. Dass eine Ausbildung im Handwerk in Teilen der Gesellschaft immer noch verpönt oder als nicht hinreichend wertgeschätzt gelte, sei eine immense Fehleinschätzung und ein gesellschaftlicher Irrglaube. Genauso die Tatsache des mangelnden Wissens, zu welchen Studien (an Hochschulen und Universitäten) Abschlüsse von gewissen Schulformen befähigt. „Am Beruflichen Gymnasium wird die Allgemeine Hochschulreife (Abitur) erworben. Viele denken immer noch, dass dieses Abitur weniger wert sei als das Abitur, welches an einem allgemeinbildenden Gymnasium erworben wird und das Abitur an Beruflichen Gymnasien nur zu fächergebundenen Studien befähigt. Ähnlich ist es mit der Fachoberschule einer bestimmten Fachrichtung. Viele denken, man müsse dann auch fachgebunden oder an bestimmten Berufskollegs studieren, in jenen Fächern, in denen ich mein Fachabitur erworben habe. Dies entspricht aber nicht der Wahrheit, man kann sich nach dem Erwerb des Fachabiturs auch für andere Studiengänge immatrikulieren“, verdeutlicht Ulrike Vogler.

Intensivere Zusammenarbeit mit Kammern und Handwerksbetrieben

Dass durch die Tage der beruflichen Orientierung auch die Zusammenarbeit mit den Kammern und heimischen Handwerksbetrieben in den letzten Jahren gut intensiviert werden konnte, stimmt die Schulleiterin der technischen Schulen der Stadt Fulda positiv. „Die Berufsorientierungstage hat auch das Lehrerkollegium bei uns an der Schule noch einmal enger zusammengeschweißt, weil jeder die Notwendigkeit sieht, dass etwas getan werden muss, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken; das Engagement an der Schule ist echt toll“, schwärmt die Schulleiterin, die auch gegenüber dem Orga-Team löbliche Worte findet, das an den beiden Tagen „ein super Programm“ auf die Beine stellte. Ulrike Vogler: „Wenn die Schüler in die Ausbildung gehen, haben wir Auszubildende, die wir unterrichten können oder was wir uns auch erhoffen, sind Entscheidungen der Schüler für die Vollzeitschulen, wie die Fachoberschule (FOS) und das Berufliche Gymnasium (BG).“ Die Schüler, die am „Tag der beruflichen Orientierung“ teilnahmen, haben über ihre Tätigkeiten in den Workshops Portfolios angefertigt. Das Portfolio (Arbeitsmappe) wird ihnen, sollten sie sich für eine Berufsausbildung in einem handwerklichen Beruf entscheiden, angerechnet. Abschließend unseres Gespräches lobte Schuldirektorin Ulrike Vogler noch einmal die gute Zusammenarbeit mit den Ausbildungsbetrieben und den hiesigen Handwerkskammern. +++ pm/jessica auth

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