NS-Geschichte Fuldas findet sich in Schrebergarten wieder

Ein Teil der Grabsteine wurden nach 1945 zur Weiternutzung angeboten

In einer Schrebergartenanlage in Fulda wurden 1946 jüdische Grabsteine als Treppenstufen verbaut. Aus der Familie des damaligen Pächters kam kürzlich der Hinweis auf Treppenstufen mit hebräischen Schriftzeichen. Die Regionalhistoriker Dr. Michael Imhof und Rudolf Zibuschka gingen auf die Suche. Und in der Tat, bei einer Erkundung sind ihnen die bearbeiteten Treppenstufen mit der auffallenden Ornamentik und der hebräischen Beschriftung als mögliche jüdische Grabsteine aufgefallen. Die Freilegung und Reinigung der Steine zusammen mit der Stadt- und Kreisarchäologin Milena Wingenfeld haben die Vermutung bestätigt.

Die Grabsteine stammten mutmaßlich von dem historischen jüdischen Friedhof in Fuldas Innenstadt, der heute den Namen „Jerusalemplatz“ trägt. Die Anlage des Friedhofs, vor der östlichen Stadtmauer gelegen, stammte aus dem Ende des 18. Jahrhunderts, als sich nach ihrer Vertreibung im Jahre 1671 durch Fürstabt von Baden-Durlach unter dessen Nachfolger von Droste wieder Juden in Fulda ansiedeln durften. In den Tagen der NS-Reichspogromnacht im November 1938, als die Synagogen zertrümmert und angezündet wurden, jüdische Einrichtungen, Geschäfte und Wohnungen zerschlagen und geplündert wurden, verwüstete man auch die jüdischen Friedhöfe. Auf dem historischen Friedhof in der Innenstadt wie auf dem neuen Friedhof (Edelzeller Straße, heute Heidelsteinstraße) wurden die Grabsteine umgeworfen und beschädigt. Durch die NS-Behörden in Fulda wurde die völlige Zerstörung des alten Friedhofs veranlasst und dessen Umgestaltung in einen Park. Die Grabsteine wurden zersägt und so hergerichtet, dass sie eventuell anderen Zwecken nutzbar gemacht werden können. Sehr interessant war das Spalten der größeren, noch gut erhaltenen Steine. […] „Es wäre wünschenswert, dass nun auch die Abfuhr der Steine beschleunigt werden könnte, so dass der geräumige Platz als Grünanlage bald eine Zierde der Stadtmitte wird“, titelte am 17.01.1939 die heimische Tageszeitung.

Ein Teil der Steine wurde unter anderem beim Bau der Isolierstation des städtischen Krankenhauses zweckentfremdet. Andere gelangten wohl auf den städtischen Bauhof oder lagen nach dem Krieg im inneren Schlosshof. Von dort wurden sie auch nach 1945 zur möglichen Weiternutzung angeboten. „Interessenten“, so berichten Zeitzeugen, „konnten sich bedienen.“ Auf diesem Weg gelangten einige dann wohl auch 1946 in den Schrebergarten am Gallengraben als Treppenstufen. Jetzt wurden sie freigelegt und werden archäologisch und historisch analysiert. Der Zerstörung der Synagogen als religiöse Zentren und letzte kulturelle Zufluchtsorte und der Verwüstung ihrer Friedhöfe – jüdische Friedhöfe sind „Orte der Ewigkeit“ und auf „Immer“ angelegt – als Orte des privaten Erinnerns, Belege ihrer geschichtlichen Existenz vor Ort und religiösen Identität folgten die Deportation und die Ermordung der Juden in den Vernichtungslagern. +++ Dr. Michael Imhof

M. Imhof (hat die Steine entdeckt), M. Wingenfeld (Stadtarchäologin), F.Günther (Sohn des früheren Pächters), Oechsle (Vorsitzender Gartenverein). (v.l.) Fotos: privat