Neues Buch zur Flugsportgeschichte auf der Wasserkuppe

Der „Berg der Flieger“ zwischen Flugsportgeschichte, Technikbegeisterung und Jugendverführung

Die Wasserkuppe ist Flugbegeistern über Deutschlands Grenzen hinaus ein Begriff, nicht zuletzt, weil der sich hier befindende Sonderlandeplatz der höchstgelegene Flugplatz der Republik ist. Mit 950 Metern Höhe ist die Wasserkuppe nicht nur der höchste Berg Hessens, sondern wahrlich ein touristischer Leuchtturm der Rhön und der gesamten Region Osthessen. So verzeichnete die Wasserkuppe im Prä-Corona-Jahr 2019 beeindruckende 19 Millionen Tagesgäste.

Pauline Bietau

Die Hessische Landeszentrale für politische Bildung (HLZ) stellt die Wasserkuppe – genauer gesagt ihre bewegte Flugsportgeschichte zwischen 1911 und 1945 – nun ins Zentrum ihrer neuesten Eigenpublikation mit dem Titel „’Volk, flieg du wieder!‘ Die Geschichte des Fliegens auf der Wasserkuppe bis 1945“.

Seit die ersten Darmstädter Schülerinnen und Schüler den hessischen Berg 1911 als für den jungen Flugsport günstiges Gelände entdeckten, wird auf der Wasserkuppe geflogen: Erst in Gleit- und Segelflugzeugen und später auch in motorisierten Maschinen. Dabei diente der „Berg der Flieger“ als Kulisse bahnbrechender technischer Innovationen auf dem Weg des Menschen in den Weltraum. Davon zeugte nicht zuletzt der Besuch Neil Armstrongs auf der Wasserkuppe im Jahr 1970. Gleichzeitig zeigt die Geschichte jedoch auch, wie Flugfaszination und Technikbegeisterung im Nationalsozialismus instrumentalisiert wurden, um jugendlichen Nachwuchs für die Luftwaffe zu gewinnen. Zeugnis davon legt die sogenannte „Ehrenhalle der Flieger“ ab, mit der die Nationalsozialisten der Jugendverführung im fliegerischen Ausbildungszentrum auf der Wasserkuppe 1939 ein bauliches Denkmal setzten. Wie weite Teile des in verschiedenen Bauperioden entstandenen Gebäudekomplexes ist sie noch heute erhalten.

Auch vor dem Hintergrund dieser Authentizität des historischen Ortes sucht das Erbe der Wasserkuppe als NS-Täterort in der Bundesrepublik seinesgleichen. Gerade angesichts der gegenwärtigen Häufung globaler Krisensituationen und der Infragestellung und Bekämpfung demokratischer Strukturen in der Welt scheint die Beschäftigung mit Propagandastrategien autoritärer Systeme und ihren Wirkmechanismen wieder hochgradig aktuell. Die neue Publikation arbeitet die komplexe Geschichte der Wasserkuppe bis 1945 auf und fragt, wie ein solcher Ort in die bundesdeutsche Erinnerungskultur eingebettet werden kann und welche Schlüsse für die politische Bildung daraus zu ziehen sind. +++ pm

Dr. Alexander Jehn