Festakt zum „Tag der Deutschen Einheit“ auf Point Alpha

„Wir haben die Kraft für Mammutaufgaben“

Rolf Nikel

Die Friedliche Revolution und das Wunder der Wiedervereinigung haben gezeigt: Wir Deutsche können Freiheit. Das darf – trotz aller aktueller Probleme – nicht in Vergessenheit geraten und ist ein guter Grund zu feiern. „Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit ist aber der Mut“, zitierte Rolf Nikel, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und ehemaliger Botschafter in Warschau, den Athener Staatsmann Perikles beim Festakt zum „33. Tag der Deutschen Einheit“ im US Camp der Gedenkstätte. Neben seinen Bewertungen zur Einheit schilderte der Diplomat und Osteuropa-Kenner den damaligen Einheitsprozess und spannte in seiner Analyse einen Bogen zur aktuellen europäischen und deutschen Politik im Kontext des Ukraine-Krieges und der vielfältigen aktuellen Herausforderungen hinsichtlich Energie, Migration und Klima.

Für die Überwindung der Blockkonfrontation hätten zum einen die amerikanischen Freunde zur rechten Zeit die Tür öffnen können, sagte der Festredner. Inspiration und Impulse für den Protest in der DDR seien zum anderen von den Bewegungen in Ungarn, der Tschechoslowakei, Polen und von Papst Johannes Paul II. gekommen. Glasnost und Perestroika waren zusätzlich wichtige Rahmenbedingungen. Rolf Nikel ließ seine persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen in seine Erzählung einfließen, bemängelte die Umsetzung von Reformen in dieser Zeit und die fehlerhafte Einordnung politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen. Point Alpha hat nach Meinung von Nikel etwas Beklemmendes und Befreiendes zu gleich. Beklemmend, weil hier die Trennung hautnah erfahrbar war. Befreiend, weil die Geschichte gelehrt habe, dass Stacheldraht und Drohungen nicht die letzte Antwort auf den Hunger nach Freiheit und Selbstbestimmung sein können. Point Alpha stehe für Mut, Widerstandskraft und den Traum von Freiheit. Insofern nähre Point Alpha die Zuversicht auf eine bessere Zukunft.

Allerdings sei die Welt mit dem kriegerischen Überfall auf die Ukraine aus all ihren Träumen gerissen worden. Auf Jahre hinaus sei jede Chance auf eine konstruktive Zusammenarbeit verschüttet und er unterstellte Putin Rachegelüste für die Auflösung der russischen Föderation. In einem Konflikt zwischen Demokratie und Autokratie sei es ungleich schwieriger Kompromisse zu schmieden. „Das dürfen wir nicht zulassen, auch auf die Gefahr hin eines neuen Kalten Krieges.“ Zur Analyse und Aufarbeitung begangener Fehler in der Vergangenheit habe er eine Enquete-Kommission vorgeschlagen. Die Weltpolitik ändere sich radikal. Nie habe er in seiner 40-jährigen Laufbahn so viele schwerwiegenden Brüche und Machtverschiebungen gleichzeitig erlebt. Die mannigfaltigen Krisen und Risiken drohen die Menschen zu überfordern. Daher müsse Europa, müsse Deutschland Führung und Verantwortung übernehmen, aktiv handeln, kräftig in die Sicherheit investieren. Die Zeit für ein solches Engagement sei jetzt.

„Wird die Bundesregierung, werden wir selbst die Kraft für diese Mammutaufgaben haben“, stellte der 69-Jährige schließlich die Frage in den Raum. „Ja“, gab er sich selbst die Antwort und unterfütterte seinen Optimismus mit den Worten des früheren US-Präsidenten Roosevelt: „Das Einzige, was wir wirklich fürchten müssen, ist die Furcht selbst“. Seine zehn geostrategischen Handlungsempfehlungen brachte er am Ende auf einen Nenner: „Lassen Sie uns gemeinsam die Freiheit verteidigen.“ Die europäische Revolution von 1989/90 sei noch nicht beendet. Die Vision eines gemeinsamen Europas des Friedens und der Freiheit bis heute nicht erfüllt.

„Gerade der Ort Point Alpha mahnt uns, die Lehren aus der Geschichte zu ziehen sowie die europäische Idee zu schützen und weiterzuentwickeln“, hatte Jürgen Hahn, Bürgermeister der Point-Alpha-Gemeinde Rasdorf und Mitglied im Stiftungsrat von Point Alpha, zum Auftakt gesagt, bei dem er zahlreiche Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Kirchen und Verbänden begrüßte. Mit Blick auf den Krieg in der Ukraine führte Hahn aus, dass Frieden und Wohlstand nur durch gemeinsame Anstrengungen und respektvolles Miteinander erreicht würden. Als Alarmsignal bewertete er die Umfragen für die anstehenden Landtagswahlen. Es werde Zeit, mahnte Hahn, dass die Politik die Sorgen und Ängste der Bürger ernst nähme. Lösungen zu den Krisen müssten aus der Mitte herauskommen. Die traditionellen Parteien sollten sich auf alte Stärken besinnen und wieder für Stabilität und Verlässlichkeit sorgen. „So darf es nicht weitergehen“, forderte Jürgen Hahn, „sonst gefährden wir auch in Deutschland die Demokratie.“

Mit dem Blick auf die Vergangenheit kann mit großer Dankbarkeit auf die Gegenwart geschaut und mutig die Zukunft gestaltet werden: In Ihren Ansprachen erinnerten die Gastredner aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen Aspekten an die Ursachen, den Weg, die Leistungen, die Folgen und die Bedeutung der Einheit der Deutschen. Für das Land Hessen sprach der Präsident des Regierungspräsidiums Kassel, Mark Weinmeister: „Die Einheit sei ein Geschenk, und der Feiertag fester Bestandteil im Terminkalender.“ Aber auch Weinmeister wies darauf hin, dass Frieden, Rechte, Toleranz und Freiheit schneller verloren gehen könnten, als man sie gewinne. Für den Freistaat Thüringen ergriff Ulrich Grünhage, Ministerialdirigent in der Staatskanzlei und vor 20 Jahren Protokollant bei der Gründungssitzung des Kuratoriums Deutsche Einheit, das Wort. Auch er hob die Kraft der Bürger zur Bezwingung der Diktatur hervor, erinnerte aber auch an die Opfer von Kriegen und Unterdrückung. Als Mahnung und als Ort des Friedens brauche die Welt einen Platz wie Point Alpha.

Für die U.S. Army Europe and Africa übermittelte Major a.D. Eric Kirsch in Vertretung für den Brigadegeneral Ray C. Phariss ein Grußwort, in dem er die Aufgaben und den Dienst der US-Army an der ersten Verteidigungslinie zum Schutz der Freiheit an der Grenze der Unfreiheit Revue passieren. Mit dem Blick auf die Invasion Russlands machte Kirsch Parallelen zum einstigen Kalten Krieg sichtbar. Er appellierte an die lebenswichtigen Bindungen zwischen den demokratischen Nationen. “Strong Together – gemeinsam stärker”- das Motto der US Army sollte sinngemäß auch für die westlichen Verbündeten gelten, um die aktuellen Herausforderungen zu bestehen.

Benedikt Stock, Geschäftsführender Vorstand der Point Alpha Stiftung, bedankte sich für alle Beiträge und skizzierte die derzeitige Situation der Point Alpha Stiftung, die Herausforderungen und Ziele – vor allem hinsichtlich der Bildungsarbeit für Schüler und Jugendliche.  „Point Alpha ist nicht nur ein Ort, an dem die Schrecken der SED-Diktatur oder der Kalte Krieg aufgearbeitet werden, sondern ebenso ein Ort der Versöhnung und Begegnung, der zum Nachdenken und Hinterfragen anregt”, hob Stock hervor. Angesichts vieler Krisen und einer gesellschaftlichen Stimmung, die auf dem Tiefpunkt angekommen sei, sollte dies noch stärker in den Vordergrund gestellt werden. Stock plädierte dafür, die Einheit und Einigkeit mehr im Sinne des Zusammenhaltes in den Mittelpunkt zu stellen: „Wir sollte aufeinander zugehen und gelassener werden im Umgang miteinander. Das Miteinander der Generationen, das Miteinander der Völker ist schließlich die Grundlage unserer Demokratie und unseres Zusammenlebens.”

Unter den Gästen waren unter anderem: Bundestag: MdB und Präsident des Kuratoriums Deutsche Einheit e.V. Christian Hirte (CDU), Landtag Thüringen: Martin Henkel (CDU), Landtag Hessen: Vizepräsident Dr. Jörg-Uwe Hahn (FDP), Tanja Hartdegen (SPD), Kaya Kinkel (Die Grünen), Sebastian Müller (CDU), Wartburgkreis: Landrat Reinhard Krebs (CDU), Landkreis Schmalkalden-Meinigen: Peggy Greiser (parteilos), Landkreis Fulda: Landrat Bernd Woide (CDU), Point-Alpha-Stadt Geisa. Bürgermeisterin Manuela Henkel (CDU), Dechant Markus Blümel vom Dekanat Hünfeld-Geisa, Superintendent des Kirchenkreises Bad Salzungen-Dermbach, Christoph Ernst und Mitglieder des Kuratoriums Deutsche Einheit, Mitglieder des Stiftungsrats Point Alpha und des Fördervereins Point Alpha e.V. +++ pm