Ausstellung über Hexenverfolgung in Tann eröffnet

Aufräumen mit falschen Klischees

Tanner Bürgermeister Mario Dänner

„Noch vor einigen Wochen wussten wir nicht, ob die Ausstellung überhaupt würde stattfinden können“, beschrieb Bürgermeister Mario Dänner während der Eröffnung der Ausstellung zur Hexenverfolgung die Unsicherheit durch die Corona-Pandemie für sämtliche Veranstaltungsplanungen. „Aber wir haben es gewagt und wir hatten Glück.“

So konnte die Eröffnung zum fünften Teil der Reihe „Geschichte erleben“ gemeinsam mit den zahlreichen Mitwirkenden, die durch ihr Fachwissen oder künstlerische und handwerkliche Beiträge Initiator Manfred Dehler unterstützt hatten, gefeiert werden. Zwar sei Tann von den mörderischen Folgen des Hexenwahns verschont geblieben, aber in nur wenige Kilometer entfernten Ortschaften habe er zahlreiche Opfer gefordert. Dänner warnte in Anlehnung an eine Aussage des Historikers Dr. Kai Lehmann davor, die damaligen Menschen für ihr Tun, das wir heute als himmelschreiendes Unrecht empfinden, zu verurteilen. „Rückblickend bewertet man vieles anders – und es kann sein, dass unsere Nachfahren auch über unser Handeln den Kopf schütteln werden.“

Warnung vor kollektiver Angst

Diese Überlegung griff Lehmann, Leiter des Museums Schloss Wilhelmsburg in Schmalkalden, auf. Ihm und einer früheren Exposition auf Schloss Wilhelmsburg, hat die Tanner Ausstellung laut Dehler etwa 60 Prozent ihrer Exponate zu verdanken. Lehmann kritisierte, dass es an einer Erinnerungskultur für dieses düstere Kapitel fehle. Daher sei es nicht verwunderlich, dass unzählige falsche Klischees kursierten. „Die Hexenverfolgungen fanden nicht im Mittelalter, sondern in der frühen Neuzeit statt, sie hatten mit der Kirche nichts zu tun, sondern es handelte sich um weltliche Prozesse mit professionellen Juristen, und die Hexen waren keineswegs rothaarig oder alt und bucklig, sondern unter Verdacht gerieten neben Frauen auch Männer und sogar Kinder“, erläuterte der Historiker. Die Kunst sei es, Verständnis zu bekommen für die Ursachen der Verfolgungen. „Die Menschen hatten panische Angst vor der teuflischen Hexensekte. Darüber müssen wir uns nicht erhaben fühlen. Überlegen Sie mal, wie es Ihnen vielleicht am Anfang der Pandemie erging, wenn jemand im Supermarkt neben Ihnen gehustet hat“, verglich Lehmann. „Wir können daraus lernen, wie gefährlich es ist, kollektive Angst zu erzeugen.“ Auch der Landtagsabgeordnete Markus Meysner (CDU) schlug einen Bogen von den damaligen Geschehnissen in die heutige Zeit: „Verbrannt wird heute niemand mehr“, aber im Internet werde, wenngleich in anderer Art, auch „gejagt und gepeinigt“.

Dehlers fünfte Ausstellung

Für Manfred Dehler schloss sich mit dem Besuch Meysners ein Kreis: Dieser habe ihm als damaliger Tanner Bürgermeister 2007 und 2008 bei seinen ersten Ausstellungen den Rücken gestärkt und er freue sich, ihn nun als Ehrengast bei seiner letzten begrüßen zu dürfen. Bürgermeister Dänner bedankte sich bei Dehler, der bis zum Ruhestand Leiter der Tourist-Info gewesen war, für dessen hohen persönlichen Einsatz für die Reihe „Geschichte erleben“. Ein kleines Dankeschön der Stadt überreichte er an Dr. Lehmann und Ingrid Möller-Münch, die für die Ausstellung die Texte aus ihrer Broschüre über das Leben Merga Biens zur Verfügung gestellt hatte. Dank ging außerdem an den Fuldaer Historiker Dr. Berthold Jäger und Pfarrer Hartmut Hegeler aus Nordrhein-Westfalen, aus deren Forschungen ebenfalls große Teile in die Präsentation eingeflossen sind. Des Weiteren haben Schülerinnen der Regelschule in Leinefelde, die Von-Galen-Schule Eichenzell, Künstler Burkhard Suchy-Amlung und Schneider Suleiman Hesso mitgewirkt. Bei der Tanner Diakonie bedankte sich Dehler für deren Bereitschaft, ihre Ausstellung „Gestatten Kultur“ auf den Herbst nächsten Jahres zu verschieben. Zwei Kunstwerke von Menschen mit Behinderung sind übrigens auch aktuell im Naturmuseum zu sehen: Sandra Lorenz und Heinz Grass haben Zeichnungen für die Kulisse rund um den nachgebauten Scheiterhaufen beigesteuert. +++ sli

Info: Die Ausstellung wird bis zum Juli 2022 im Tanner Naturmuseum gezeigt. Dieses hat täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet vier Euro.

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